12. Juli 2004 Der deutsche Meister im Luftgitarrenspielen ist ermittelt: Ingo Schulz, sozusagen ein Nobody in der Szene, gewann überraschend den Wettbewerb am Samstag in Berlin.
Sie sind der Überraschungssieger der deutschen Luftgitarrenmeisterschaft! Gratulation!
Vielen Dank! Ich bin selbst noch ziemlich überrascht.
Sie waren gar nicht angemeldet. Wie kamen Sie zu dem Wettbewerb?
Ich hab' mir das Samstagabend-Programm für Berlin angeschaut: fast nur Techno und House! Da habe ich den Hinweis auf diese Veranstaltung gefunden, und das wollte ich mir mal angucken.
Man sagt, Sie hätten nach der AC/DC-Platte "Highway to hell" gefragt!
Stimmt, ja, ich bin so ein Dinosaurier. Ist nicht richtig aktuell, das weiß ich sehr wohl, aber eben altbewährt. Daß diese Entscheidung nicht allzu schlecht war, hat man dann ja gesehen!
Sie haben sich gegen dreizehn weitere Teilnehmer durchgesetzt - allerhand, denn die haben ja lange trainiert.
Ja, backstage meinte man, ich hätte sowieso keine Chance. Einer aus Nordrhein-Westfalen hatte zum Beispiel schon eine Aussscheidung gewonnen.
Sogar den japanischen Meister im Luftgitarre-Spielen haben Sie besiegt!
Das wußte ich gar nicht! Aber der Japaner war wirklich gut.
Auf Anhieb in der Weltspitze - hatten Sie das im Gefühl?
Im ersten Durchgang ja. Da habe ich darauf geachtet, was für Vibrations ich von dem Song bekomme. Das gab mir ein gutes Gefühl. Außerdem fällt es bei 200 begeisterten Zuschauern nicht schwer, Höchstleistungen hinzuzaubern.
Und was kam nach der Kür als Pflicht?
Ich muß gestehen: Ich kann mich gar nicht an den Song erinnern. Ich weiß nur soviel: Ich kannte ihn nicht. Das war eine Herausforderung!
Wo üben Sie eigentlich?
Zu Hause spiele ich öfters zu gitarrenlastiger Musik. Das muß man auch mal sagen: Dieses Hobby ist extrem nachbarnfreundlich! Einmal war ich schon bei einem kleinen Wettbewerb und hab' auf der Bühne losgelegt. Das war aber nach dem Motto: Den Mutigen gehört die Welt.
Gitarren geraten in Pop und Rock zur Zeit etwas in den Hintergrund.
Ja, das ist schade. Obwohl es zum Glück auch andere Trends gibt, wie der Erfolg der Limp Bizkits beweist.
Was sind Ihre Musik-Vorlieben?
Die aktuellen Hits und aus meiner Zeit Kiss, Queen und AC/DC. Da passierte wenigstens noch was.
Sie müssen recht alt sein?
Ja, ich bin schon älter: 33.
Beruf?
Kaufmännischer Angestellter in Berlin.
Welche Branche? Musikinstrumente?
Nein, Immobilien.
Trotz Bürojob sind Sie aber noch fit?
Ja, ich kann mich gut bewegen. Nach dem Auftritt mußte ich jedenfalls nicht gleich unters Sauerstoffzelt.
Wie haben Sie sich vorbereitet?
Gar nicht groß. Den Soundcheck haben die Roadies gemacht. Ich habe mich darauf verlassen, daß alles in Ordnung ist.
Welche Tricks waren ausschlaggebend?
Ich war selbst überrascht, was ich da alles spiele. Da ich nichts eingeübt hatte, habe ich erst einmal geschaut, wie die anderen das machen. Und da habe ich dann noch einen draufgelegt. Unter anderem habe ich die Zunge zu Hilfe genommen.
Die Jimi-Hendrix-Methode! Allerhand!
Kann man wohl sagen! Auch mit dem Daumen der linken Hand hab' ich gespielt. Ab und zu hab' ich mich vergriffen, aber das hat man ja nicht gehört.
Spielen Sie eigentlich weitere Instrumente?
Ich spiele Keyboard beziehungsweise versuche, die richtigen Tasten zu treffen.
Vielleicht wäre das ein Ansatz für einen Luftkeyboard-Wettbewerb!
Das wäre eine feine Sache. Auch in Sachen Gesang könnte man etwas machen, denn da könnte man sich noch besser auf die Posen konzentrieren. Bei der Gitarre muß man ja auch ans Spielen denken!
Nun nehmen Sie am 27. August als erster offizieller deutscher Vertreter bei den "9. Air Guitar World Championships" in Finnland teil.
So sieht's aus. Gewonnen habe ich eine Luftmatratze und ein Ticket dorthin. Die Matratze ist allerdings, als ich sie aufpumpte, geplatzt und hat sich in Luft aufgelöst. Das Ticket habe ich aber noch.
Sie sind sich bewußt, daß Sie in Finnland für Deutschland im Einsatz sind?
Das ist mir sehr wohl bewußt. Deshalb sehe ich mich nach einem guten Choreographen um, der mir noch den Feinschliff gibt.
Vielleicht sind Sie, wenn Sie auch da noch gewinnen, für höhere Aufgaben prädestiniert.
Das würde mich freuen! Mal sehen, wer auf mich aufmerksam wird . . .
Ich denke an den DFB!
Wenn das Geld stimmt, könnte man darüber reden!
Die Fragen stellte Alfons Kaiser.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.07.2004, Nr. 159 / Seite 9
Bildmaterial: LEHTIKUVA