09. September 2002 Das Neandertal kennt jeder. Denn das Tal gab dem Urmenschen, der 1856 dort gefunden wurde, den Namen. Und steht seither für Kunde aus den Frühzeiten des menschlichen Lebens.
Die Fundstelle östlich von Düsseldorf, an der im 19. Jahrhundert die Knochen zu Tage gefördert wurden, geriet nach dem sensationellen Fund jedoch zunächst in Vergessenheit. Erst 1997 hatten der Urgeschichtler Ralf W. Schmitz von der Universität Tübingen und sein Kollege Jürgen Thissen 1997 die Lehmfüllung der vom Kalkabbau zerstörten historischen Fund-Höhle im Neandertal nach langen Archivforschungen wiederentdeckt und ausgegraben. Vor zwei Jahren war den beiden der spektakuläre Fund eines knöchernen Restes der Augenhöhle geglückt, der nahtlos an die Hirnschale des Ur-Neandertalers passte. Vor Kurzem stießen die Forscher auf die Überreste von zwei weiteren Urmenschen.
Schmalerer Armknochen und Milchzahn
Es handelt sich nach Angaben Urgeschichtler Ralf W. Schmitz von der Universität Tübingen um fünf Bruchstücke von Armknochen eines Neandertalers sowie den Milchzahn eines Neandertaler-Kindes. Die Fragmente eines rechten Oberarmes sowie beider Ellen stammten von einem eindeutig zarter gebauten Neandertaler, als es der Fund von 1856 gewesen ist, sagte Schmitz am Montag.
Beide Funde stammen schon aus dem Jahr 2000. Damals hatte das Rheinische Amt für Bodendenkmalpflege (Bonn) im Neandertal mehr als 60 weitere menschliche Knochensplitter und zahlreiche Steinwerkzeuge geborgen. Die Funde hat der US-Anthropologe Prof. Fred H. Smith von der Loyola-Universität (Chicago) jetzt zweifelsfrei als Neandertaler-Reste bestimmen können. Erstmals haben Forscher der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich zudem das genaue Alter des Namenspatrons aller Neandertaler sowie der Neufunde auf rund 42.000 Jahre festlegen können, berichtete Schmitz.
Verwandtschaft der gefundenen Neandertaler unwahrscheinlich
Die anrührende Erklärung, dass es sich bei den nunmehr drei in derselben Höhle ausgegrabenen Neandertalern möglicherweise um ein Elternpaar mit seinem Kind handele, sei allerdings weder widerlegbar noch beweisbar. Trotz der exakten Datierung mit der C14-Methode könnten zwischen den Lebzeiten der drei Urmenschen aus dem Neandertal noch viele Jahrhunderte gelegen haben, meinte Schmitz. Eine Verwandtschaft der drei halte er für sehr unwahrscheinlich.
Eine Gen-Analyse des neu entdeckten, zierlichen Neandertalers deute wie frühere Untersuchungen nicht darauf hin, dass diese Urmenschenart zu den Genen der heutigen Menschen beigetragen habe. Deswegen gehöre der Neandertaler eher nicht zu den Ahnen der modernen Menschen, erklärte Schmitz. Der Leiter der rheinischen Bodendenkmalpflege, Harald Koschik, sieht in den neuen Funden einen Ansporn, alle Fossilien bisher bekannter Neandertaler genetisch zu untersuchen. Der Vergleich mit den Gendaten früher Formen des heutigen Menschen könne dann wichtige Aussagen über die Evolution erbringen, unterstrich auch Schmitz.
Erfahrung mit Neandertalern
Bereits 1997 hatte Schmitz die Untersuchung der DNA-Erbsubstanz an dem im Bonner Landesmuseum verwahrten ersten Neandertaler angeregt. Die Ergebnisse hatten gegen die Möglichkeit gesprochen, dass der Neandertaler zu den Ahnen heutiger Menschen gehört hat. Stattdessen soll er vor rund 30.000 Jahren ausgestorben sein. Diese These war auch von zwei DNA-Tests an Neandertalern aus dem Kaukasus und Kroatien gestützt worden.
Text: @cop
Bildmaterial: dpa
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