Von Michael Stabenow
02. Juli 2004 Sieht so ein Serienmörder aus? Auf den Titelseiten belgischer Zeitungen prangen am Donnerstag Bilder eines schmächtig wirkenden älteren Mannes. Er trägt beim Verlassen des Gerichtsgebäudes im südbelgischen Ausflugsort Dinant Jeans, einen blauen Pullover und eine helle Windjacke. Mit seinen kurzen ergrauenden Haaren, dem akkurat gestutztem Vollbart und einer silberfarbenen Metallrandbrille wirkt er bieder-lässig - wären da nicht der nach unten gerichtete Blick und die Handschellen, in denen ihn ein in Zivil gekleideter Ermittler abführt.
Neun Morde an Mädchen und jungen Frauen hat er inzwischen zugegeben. Vielleicht hat der Mann, den Staatsanwalt Cédric Visart de Bocarmé bereits zum "Serienkiller" abgestempelt hat, erheblich mehr Minderjährige entführt, vergewaltigt und erdrosselt. Wie Mitte der neunziger Jahre, als das Ausmaß der Verbrechen des Kinderfängers und -mörders Dutroux weit über Belgiens Grenzen traurige Berühmtheit erlangte, kursierten auch am Donnerstag zahlreiche Namen spurlos verschwundener Jugendlicher in Belgien, aber auch in den benachbarten Niederlanden, in Deutschland und vor allem in Frankreich.
In Frankreich verurteilt
Sicher ist derzeit nur, daß es für unermeßliche Qualen und den Tod junger Opfer neben Marc Dutroux einen zweiten Namen gibt: Michel Fourniret. Aus seiner französischen Heimat war der heute 62 Jahre alte Förster, der in Zeitungsberichten bereits als der "Ardennen-Holzhacker" bezeichnet wird, 1991 nach Belgien gezogen. In der Nähe der Grenze hatte er mit seiner heute 55 Jahre alten Frau eines der für diesen idyllischen waldreichen Landstrich typischen grauen Natursteinhäuser bezogen. Daß er zuvor mehrfach in Frankreich wegen Sexualvergehen an Minderjährigen, zuletzt zu einer Haftstrafe von sieben Jahren verurteilt worden war, ahnten weder die Bewohner des Örtchens Sart-Custinne noch - offenbar - die belgischen Justizbehörden.
Erst vor genau einem Jahr, Ende Juni 2003, gab es konkrete Hinweise, daß Fourniret mehr als nur ein Wiederholungstäter sein könnte. In dem unweit von Namur gelegenen Städtchen Ciney hatte Fourniret unter einem Vorwand ein 13 Jahre altes Mädchen in seinen Lieferwagen gelockt. Daß sie heute noch am Leben ist, hat sie allein dem Umstand zu verdanken, daß es ihr gelang, bei verlangsamter Fahrt eine Tür des Fahrzeugs zu öffnen und zu entkommen. Das Mädchen soll, wie jetzt bekannt wurde, ihren Entführer gefragt haben, ob er zur Dutroux-Bande gehöre. Darauf soll Fourniret geantwortet haben: "Nein, aber ich bin schlimmer." Und hatte Fourniret nicht auch nach seiner Festnahme den Ermittlern anvertraut, er fühle sich durch "Anmut und Jungfräulichkeit der jungen Mädchen" angezogen?
Ehefrau als Komplizin
Fournirets Festnahme rief damals vor allem die französische Justiz auf den Plan, die wegen der Ermordung zweier Mädchen ermittelte, deren Leichen in der Nähe eines von Fourniret unweit des nordfranzösischen Sedan erworbenen Landschlößchens mit der Bezeichnung "Château de Satou" entdeckt worden waren. Erhärten ließ sich der Verdacht offenbar nicht, obgleich Fourniret auch in Belgien mit einer Reihe von Sexualdelikten in Verbindung gebracht worden war.
Sein Schweigen brach Fourniret erst, als seine Frau Monique offenbar mit der Wahrheit über ihren Mann auspackte. Unter dem Eindruck des in der vergangenen Woche abgeschlossenen Prozesses gegen Marc Dutroux, dessen Frau Michelle Martin und zwei weitere Angeklagte in Arlon hatte sie den Ermittlern geschildert, daß Fourniret insgesamt neun Mädchen entführt, gequält und schließlich - meist durch Erwürgen - umgebracht habe. Die belgische Justiz sieht in der Frau offenbar nicht nur eine Mitwisserin, sondern - ähnlich wie bei Dutroux' ehemaliger Frau Michelle - eine Komplizin. Detailliert beschrieb sie offenbar die Vorgehensweise ihres Mannes, wenn dieser, wie er es auszudrücken pflegte, "auf die Jagd" ging.
Frage nach Querverbindungen
Am Donnerstag bleibt noch undeutlich, wie groß die mögliche Zahl seiner Opfer wirklich ist. Die Hinweise reichen über den Großraum Paris bis an die Atlantikküste. Die leitende Lütticher Staatsanwältin Anne Thily spricht von zehn Toten. Aus dem französischen Reims berichtet am Donnerstag die dortige Staatsanwaltschaft, Fourniret habe zugegeben, die Leichname zweier junger Frauen auf dem Gelände des "Château de Satou" vergraben zu haben. Thily spricht von vier französischen Opfern im Alter von 17 und 22 Jahren.
Auch zwei belgische Mädchen werden genannt, darunter die bei ihrem Verschwinden im Dezember 1989 gerade 12 Jahre alte Elisabeth Brichet. Fotos eines lächelnden blonden Mädchens, dessen Namen die meisten Belgier kennen, füllen die Zeitungsseiten, flimmern über die Bildschirme. Eine Zeitlang hatte sich in Belgien die Vermutung gehalten, Dutroux sei auch für die Ermordung dieses Mädchens verantwortlich.
Unweigerlich taucht auch die Frage auf, ob es irgendwelche Querverbindungen zwischen Dutroux, Fourniret und ihren Verbrechen gegeben haben könnte. Für Staatsanwältin Thily steht fest, daß keine glaubwürdigen Hinweis dafür existieren. Die nach wie vor in Belgien sich einer gewissen Popularität erfreuende These, daß hinter den Kindesentführungen in Belgien und darüber hinaus ein weitverzweigtes Pädophilen-Netz stehen könnte, erscheint weiter entkräftet. Schon die Richter in Arlon waren in ihrem jüngsten Urteil zu dem Schluß gelangt, Dutroux sei ein aus eigenem Antrieb handelnder perverser Einzeltäter. Als Staatsanwältin Thily sich jetzt abermals mit der Netz-Theorie konfrontiert sieht, rutscht ihr die unwirsche Bemerkung heraus: "Wir werden doch nicht wieder damit anfangen."
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.07.2004, Nr. 151 / Seite 7
Bildmaterial: dpa/dpaweb