Von Susanne Kusicke, Ludwigsburg
21. April 2009 Werner Hertler kam als Neunzehnjähriger auf die Karlshöhe. Er stand in der Ausbildung zum Diakon, das erste Jahr hatte er in einem Kinderheim in Hamburg gearbeitet. Jetzt also die Karlshöhe in Ludwigsburg bei Stuttgart. Nun, Bruder Hertler“, sagte der Direktor, Sie gehen zu Fräulein März, der Erzieherin im Oberen Haus, Sie haben ja schon Erfahrung mit der Erziehungsarbeit.“ Und so wurde Hertler zum Hilfserzieher für 18 Jungen zwischen neun und 15 Jahren, fast allein verantwortlich für ihren gesamten Tagesablauf, für Gesundheit und Erziehung, mit einer Freistunde am Tag und freien Sonntagen alle zwei Wochen. Es war eine Aufgabe, der ich mich mit ganzer Kraft gestellt habe“, sagt der leicht ergraute Mann.
Wie und ob er sie bewältigte, darüber hat Hertler in der zweiten Sitzung des runden Tisches in Berlin berichtet, der sich mit der Kinderheimerziehung in den fünfziger und sechziger Jahren befasst – und sich in seiner nächsten Sitzung im Juni mit den rechtlichen Voraussetzungen einer möglichen Entschädigung der Heimkinder beschäftigen wird. Hertler gehört zu den wenigen Erziehern und Verantwortlichen aus jener Zeit, die sich überhaupt öffentlich über ihre Rolle äußern und Vorverurteilungen nicht fürchten. Denn seit Erscheinen des Buchs Schläge im Namen des Herrn“ von Peter Wensierski im Jahr 2006 fühlen sich viele frühere Erzieher pauschal verurteilt und zu Unrecht an den Pranger gestellt. Die Zeitumstände würden nicht berücksichtigt, lautet vielfach die Kritik, und es werde kaum gefragt, was in der Erziehung damals weithin für normal gehalten wurde.
Es war die Gesellschaft, die diese Kinder von sich schob
Eine Lehrerin jener Zeit schrieb: Dass die Heimkinder die problematische Situation von uns Erwachsenen damals nicht ermessen können, ist Kindesrecht, erschwert aber eine Verständigung über die gemeinsame Zeit.“ Sie lehnte es ab, sich an einem der Gesprächskreise zu beteiligen, die mittlerweile in manchen Heimen entstanden sind. Viele andere Erzieher haben sich anders entschieden: Sie versuchen sich darüber klarzuwerden, was damals – auch mit ihnen – geschehen ist.
Es war die Gesellschaft, die diese Kinder von sich schob, diese Waisen und Halbwaisen, Kinder von Alleinerziehenden oder gar Prostituierten, diese ,renitenten‘ Halbwüchsigen oder sonst wie Verhaltensauffälligen, und wir waren ein wenig mit ihnen ausgestoßen“, berichtet ein anderer Hilfserzieher jener Jahre.
Es musste nur alles funktionieren
Die jungen Leute, kaum älter als die Kinder, für die sie verantwortlich waren, kamen zum Teil selbst aus schwierigen familiären Zusammenhängen und gerieten nahezu ohne Ausbildung in die Heim-Situation. Reflexion darüber war weder erwünscht noch möglich. Es gab keinerlei ,Feedback‘, wie man das heute nennen würde, keine Möglichkeit und keine Zeit, zurückzutreten und das Ganze mit Distanz zu betrachten. Es musste nur alles funktionieren. Wenn mal etwas Besonderes gelang, waren wir stolz und froh.“
Die Erzieher lebten und arbeiteten mit den Kindern, teilten ihren Alltag. Nachts weckten sie die Bettnässer, damit sie zur Toilette gingen, morgens schauten sie als Erstes unter die Betten, um noch unauffällig Pfützen zu beseitigen. Das Leben war klar strukturiert und arbeitsreich: Wecken, Waschen, Hausdienste versehen, Frühstück, Andacht, Schule für die Kinder – und für die Erzieher. Mittagessen, Mittagspause, dann drei- bis viermal in der Woche Arbeitseinsatz auf dem Feld oder in der Hauswirtschaft. Wir arbeiteten je nach Jahreszeit, Rüben hacken, jäten, Äpfel ernten“, berichtet Hertler. Diese Arbeiten waren für mich nicht immer erfreulich, aber selbstverständlich.“
Ich dachte, den Kindern geht es gut
Am späten Nachmittag gab es im Kinderhaus eine Vesper, Marmeladenbrot mit Tee oder Kakao, anschließend wurden Hausaufgaben erledigt. Dann konnten die Kinder spielen, Tischtennis im Haus oder Fußball davor, Brettspiele, Singen. Nach dem Abendessen folgte noch einmal eine Andacht, nach dem Waschen und Zähneputzen vielleicht eine Geschichte und zum Schluss das Abendgebet oder ein Lied. Doch es gab auch Höhepunkte: den Hallenbadbesuch einmal in der Woche, Ausflüge, Wanderungen, Feste, einmal im Jahr ein Zeltlager. Ich hatte damals den Eindruck, dass viel für die Kinder unternommen wird. Ich dachte, den Kindern geht es gut und ich kann dabei mithelfen.“

Die Karlshöhe gehörte zu den ersten großen Institutionen, die sich mit ihrer Geschichte zu befassen begannen
Von den Schattenseiten ahnte Hertler damals nichts. Nichts von der Einsamkeit vieler, der Verzweiflung mancher Kinder, die in den großen Gruppen untergingen. Als ich vor drei Jahren auf dem ersten Treffen des Gesprächskreises auf der Karlshöhe war, hat es mich schier umgehauen: diese Hasstiraden und die schrecklichen Geschichten von Prügeln und Strafen.“ Er erinnere sich zwar, dass ich in kritischen Situationen, wie der Verweigerung von Diensten, bei einem Fünfzehnjährigen kräftig zugeschlagen habe. Aber Schläge als regelmäßige Züchtigung waren nicht die Regel.“
Züchtigung und Liebesentzug waren erlaubte und wirkungsvolle Erziehungsmittel
Die Karlshöhe, die heute unter der Schirmherrschaft von Eva Luise Köhler steht, der Frau des Bundespräsidenten, gehörte zu den ersten großen Institutionen, die sich mit ihrer Geschichte zu befassen begannen. Heute bietet sich dort ein differenziertes Bild, in dem Fehler und Versäumnisse zu erkennen sind, aber kaum Verletzungen der Menschenwürde. Und man erkennt auch ein ehrliches Bemühen, unter schwierigen Umständen das zu erreichen, was man damals als das Beste für die Kinder erachtete. Die damalige Pädagogik sah in körperlicher Arbeit, Züchtigung und Liebesentzug erlaubte und wirkungsvolle Erziehungsmittel. Die gesellschaftlichen und finanziellen Rahmenbedingungen hatten für Mitarbeitende und vor allem für Kinder schlimme Folgen, die uns aus heutiger Sicht gemeinsam mit Schrecken erfüllen“, schrieb die Karlshöhe im Februar zu ihrem ersten öffentlichen Symposion über das Thema.
Ursache der Missstände war vor allem die karge materielle Ausstattung im Heim: Der baden-württembergische Pflegesatz pro Kind und Tag lag damals bei knapp sechs Mark. Dass die Kinder unter diesen Bedingungen fast nur gebrauchte Kleidung trugen und von Blechgeschirr aßen, war damals keiner Rede wert – erst recht nicht angesichts des allgemeinen Mangels jener Jahre: In den Flüchtlingsheimen, die ja auch größtenteils von der Kirche getragen wurden, sah die Lage ganz genauso aus“, berichtet der heutige Direktor der Karlshöhe, Frieder Grau.
Typisch schwäbische Sparsamkeit
Hinzu kam eine Haltung, die man vielleicht als typisch schwäbische Sparsamkeit, vielleicht aber auch einfach nur als soziales Verantwortungsbewusstsein bezeichnen mag: Alles Geld, das wir nicht verbrauchten, konnte anderen Bedürftigen zur Verfügung stehen, das war die Einstellung des damaligen Direktors“, sagt Grau. Es war selbstverständlich, dass auch die Kinder ihren Teil dazu beitrugen. In diesem Geist wurden sie erzogen.“
Der Geldmangel führte aber zur Vereinsamung der Kinder. Die Gruppen waren zu groß für eine persönliche Betreuung, und die Erzieher wechselten immer wieder: Eine Vertrauensbeziehung mit einem Erzieher ging ich nicht ein. Ich wusste ja, der geht nach einem Jahr wieder“, erinnert sich ein ehemaliges Heimkind. Den Erziehern blieb das verborgen. Sie sahen sich, jung wie sie waren, eher als Sparrings-Partner denn als Anwälte der seelischen Entwicklung der Kinder. Erst in unserem Gesprächskreis wurde mir verständlich, in welcher Situation die Kinder waren“, sagt Hertler heute. Das einzelne Kind mit seiner Persönlichkeit war nicht im Blick, die Gruppe stand im Vordergrund. Emotionale Einsamkeit, Alleinsein mit seinem Leid, das Fehlen von tragenden Beziehungen, die Trennung von der Herkunftsfamilie wegen deren möglicherweise schlechtem Einfluss, das war sicher sehr schmerzhaft für viele Kinder.“
Die Karlshöhe bat ihre ehemaligen Zöglinge zu Beginn des Jahres schriftlich um Verzeihung und verpflichtete sich, Betroffene seelsorgerisch zu unterstützen und Kontakte weiterhin zu fördern. Den offenen Umgang mit der Geschichte sucht auch Hertler: Ich wünsche mir sehr, dass ich auf Verfehlungen in meiner Arbeit gegen Buben, die ich benachteiligt oder verletzt habe, angesprochen werde. Es tut mir leid, bis jetzt warte ich noch darauf.“
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Privat