Rosenmontagszüge

Hitler, Bush, der Papst und die Mullahs

Provokation in Düsseldorf: Aus Hitlers Hinterteil quillt die NPD

Provokation in Düsseldorf: Aus Hitlers Hinterteil quillt die NPD

19. Februar 2007 „Alaaf“ und „Helau“ aus Millionen Kehlen: Zum traditionellen Höhepunkt des Fastnachtsumzugs sind am Rosenmontag wieder zahllose Narren in die Karnevalshochburgen am Rhein geströmt. Trotz trüben Februarwetters begrüßten die Zuschauer begeistert die farbenprächtigen Umzüge. Allein in Düsseldorf, Köln und Mainz waren schätzungsweise rund zwei Millionen Schaulustige auf den Straßen.

Unter dem Motto „Mir all sin Kölle“ (Wir alle sind Köln) begann kurz nach 11.11 Uhr der Zug in Köln. Bei trübem und kühlem, aber trockenem Wetter zogen die rund 10.100 aktiven Teilnehmer vom Severinstor aus auf den 6,5 Kilometer langen Zugweg durch die Innenstadt. Die konkurrierenden Karnevalshochburgen Aachen, Mainz und Düsseldorf wurden auf einem Persiflagewagen als magersüchtige Models vorgeführt, während sich die „Colonia“ als dralle Miss Universum präsentierte.

Merkel lockt Deutschen Michel

Auch Angela Merkel bekam ihr Fett weg. Die Jecken zeigten auf einem Motivwagen, wie die überlebensgroße Kanzlerin den Deutschen Michel ins Reformbecken lockt, in dem Monster wie Mehrwertsteuer und Gesundheitsreform lauern. Insgesamt nahmen 124 Musikkapellen sowie rund 100 Festwagen und Kutschen teil, darunter rund 50 Persiflagewagen. Auf die schätzungsweise eine Million Zuschauer ging ein Regen von etwa 150 Tonnen Süßigkeiten wie Kamelle (Bonbons), 700.000 Tafeln Schokolade und 220.000 Schachteln Pralinen nieder.

Zu einem Tabu-Bruch kam es beim Düsseldorfer Rosenmontagszug: Kurz vor dem Start enthüllten die Organisatoren einen Motivwagen mit einer Hitlerfigur aus Pappmaché. Der gebückt und mit heruntergelassenen Hosen dastehende Diktator entließ aus seinem Hinterteil Ausscheidungen mit der Aufschrift „NPD“. Der Rosenmontagszug stand in diesem Jahr unter dem Motto „Düsseldorfs närrische Illusionen“. Die etwa 5.500 aktiven Teilnehmer und 70 Wagen starteten am Joseph-Beuys-Ufer am Rhein ihren knapp fünf Kilometer langen Weg durch die Altstadt und über die Königsallee.

Ebenso in Düsseldorf: Ein Wagen zeigte zwei bis an die Zähne bewaffnete Mullahs. Beide sahen gleich aus, nur vor einem stand „Klischee“, vor dem anderen „Wirklichkeit“. Aiman A. Mazyek, Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD), kritisierte diese Darstellung: „Mit Humor hat das nichts zu tun“, sagte er in Köln.

Freiheitsstatue verhaut amerikanischen Präsidenten

Unter dem Motto „Fassenacht in Mainz am Rhein, Lebenslust für Groß und Klein“ startete pünktlich um 11.11 Uhr der 106. Mainzer Rosenmontagszug. Zu den Klängen des Narhallamarsches setzten sich rund 9.300 Aktive aus 22 Vereinen und 26 Garden in Bewegung. Am Schillerplatz in der Nähe des Doms wurden die einzelnen Zugnummern vom rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten und SPD-Chef Kurt Beck angesagt. Auf zahlreichen Motivwagen des rund 300.000 Euro teueren Umzugs machten sich die Mainzer Narren über die große und kleine Politik lustig.

So präsentierte der Traditionsclub Mainver Carneval-Verein eine erboste Freiheitsstatue, die dem amerikanischen Präsidenten George W. Bush das blanke Hinterteil versohlt, eine Anspielung auf die Niederlage von Bushs Republikanern bei den Kongresswahlen: „Die Liberty haut kräftig druff - Kerl, bald hörste endlich uff.“ Papst Benedikt XVI. stellten die Mainzer Narren als ungeschickten Autofahrer dar, der das Papamobil gegen ein Minarett lenkt, ein Hinweis auf die Reaktionen in der islamischen Welt auf die Regensburger Rede des Papstes.

Während die Bundespolitik auf den Motivwagen der Mainzer in diesem Jahr kaum präsent war, befassten sich die Narren intensiv mit wirtschaftlichen Ereignissen. Die Pleite des Handyherstellers BenQ nahm der MCV ebenso auf's Korn wie die Probleme beim Bau des Superjumbos A380 oder den Gammelfleischskandal. Bis auf einige kleinere Raufereien blieb es in Mainz bis zum frühen Nachmittag friedlich.

Text: FAZ.NET mit Material von AP, dpa
Bildmaterial: ddp, dpa, REUTERS

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