02. August 2005 Nach dem Fund von neun skelettierten Babyleichen auf einem Grundstück im brandenburgischen Brieskow-Finkenheerd hat die dringend tatverdächtige Mutter nach Polizeiangaben ein Teilgeständnis abgelegt. Die Behörden wollten per DNA-Test prüfen, ob alle Kinder von demselben Mann, dem Ex-Ehemann der Frau, stammen.
Die Polizei bestätigte, daß die Frau vor kurzem bereits aufgefallen sei. Anwohner hätten die Polizei am 21. Juni wegen ruhestörenden Lärms zur Wohnung der Frau in Frankfurt gerufen. Sie sei damals sehr betrunken gewesen, und ihre 18 Monate alte Tochter aus ihrer derzeitigen Beziehung habe einen verwahrlosten Eindruck gemacht. Die Polizisten hätten das Kind für den Abend der Großmutter übergeben und Anzeige wegen Verletzung der Fürsorgepflicht erstattet. Die Anzeige sei noch in Bearbeitung.
Unterdessen hat die Polizei hinter dem Elternhaus der Frau die Suche nach weiteren Leichen wieder aufgenommen. Beamte mit Hunden untersuchten am Morgen erneut das Grundstück. Es könne nicht ausgeschlossen werden, daß weitere Knochen gefunden würden, sagte ein Polizeisprecher. Am vergangenen Sonntag waren dort die Leichen von neun Kindern gefunden worden. Für die Wohnung der Beschuldigten und andere Örtlichkeiten wurden bereits weitere Durchsuchungsbefehle angeordnet.
Gleich nach der Geburt getötet und versteckt
Die Frau soll ihre Säuglinge zwischen 1988 und 2004 jeweils gleich nach der Geburt getötet und dann versteckt haben, teilte die Staatsanwaltschaft mit. Die mutmaßliche Babymörderin hat noch vier weitere Kinder. Drei von ihnen im Alter von 18, 19 und 20 Jahren stammen aus ihrer ersten Ehe und leben beim Vater. Diesen Kindern gehe es gut; sie leben angeblich in geordneten Verhältnissen, wie die Polizei mitteilte.
Die toten Säuglinge soll die Verdächtige in Blumenkästen und -töpfen auf einem weitläufigen Grundstück hinter zwei Garagen in Brieskow-Finkenheerd versteckt haben, einem kleinen Ort südlich von Frankfurt an der deutsch-polnischen Grenze. Dort machte nach Angaben der Polizei bereits am vergangenen Sonntag ein Zeuge den ersten grausigen Fund. Er entdeckte beim Aufräumen Knochen und alarmierte die Polizei. Die ausgerückten Beamten fanden nach und nach immer mehr Leichen.
Haftbefehl gegen Mutter erlassen
Auch den ganzen Montag über suchten 40 Bereitschaftspolizisten mit Hunden nach weiteren Leichenteilen oder gar weiteren Toten. Zudem seien Beweismittel für einen Gerichtsprozeß zu sichern, sagte Salender. Erst am späten Nachmittag beendeten die Ermittler vorerst ihre Arbeit am Tatort, ohne aber weitere Leichen entdeckt zu haben. Wir mußten die Suche gegen halb fünf abbrechen, weil zu viele Journalisten vor Ort waren erklärte der Sprecher. Das hat die Suchhunde verwirrt.
Gegen die Mutter wurde am Montag Haftbefehl wegen des Verdachts auf neunfachen Totschlag verkündet. Die Frau sitzt nun in Untersuchungshaft. Mit Einzelheiten zu ihrer Person hielten sich Staatsanwaltschaft und Polizei zurück. Somit ist vorerst unklar, ob die mutmaßliche Täterin weitere Kinder hat und verheiratet ist. Einem Polizeisprecher zufolge hatte sie sich nach einer ersten Ehe bereits scheiden lassen. Wie der aktuelle Familienstand ist, konnte der Sprecher nicht sagen.
Bemerkte niemand die Schwangerschaften?
Für Brandenburg steht der grauenerregende Fund am vorläufigen Ende einer Reihe von Kindstötungen. Im Juli 1999 hatte eine damals 23 Jahre alte Frau im Plattenbauviertel Neuberesinchen in Frankfurt (Oder) ihre zwei und drei Jahre alten Söhne in der Wohnung eingeschlossen und zwei Wochen lang alleine gelassen. Die Kinder waren qualvoll verhungert und verdurstet.
Im Juni 2004 hatten Polizisten in der Wohnung einer Familie in Cottbus die Leiche eines Kindes gefunden. Die Eltern sollen das tote Kind zweieinhalb Jahre in ihrer Kühltruhe versteckt haben, nachdem es Ende 2001 an Entkräftung gestorben war. Ende des Jahres soll deshalb der Prozeß vor dem Landgericht Cottbus beginnen. Das jetzige Verbrechen ist jedoch möglicherweise sogar europaweit der bislang schlimmste Fall von Kindstötungen.
Warum die Babys kurz nach ihrer Geburt sterben mußten, ist bisher völlig unklar. Erkenntnisse über das Tatmotiv haben die Ermittler bisher offenbar nicht. Unklar ist auch, wieso anscheinend niemand die Schwangerschaften der Frau bemerkt hat beziehungsweise sich nach Ende der Schwangerschaften niemand über den Verbleib der Kinder gewundert hat.
Verrohung durch Einsamkeit?
Experten schätzen, daß die verdächtige Mutter möglicherweise durch Vereinsamung und soziale Ausgrenzung verroht sein könnte. Fälle, in denen Frauen ihre Neugeborenen umbringen, gebe es seit Jahrhunderten, sagte der Vizepräsident des Berufsverband deutscher Psychologen, Uwe Wetter. Die Entscheidung falle meist im emotionalen Ausnahmezustand direkt nach der Geburt.
Der Bürgermeister von Brieskow-Finkenheerd, Ralf Theuer, äußerte sich tief erschüttert. Er könne zu dem Fall aber nichts sagen. Ich kenne die Frau nicht. Sie ist schon vor Jahren weggezogen. Wohl nach Frankfurt, sagte er. Obwohl das Grundstück in der Ortschaft mit 2.700 Einwohnern nicht abseits liege, soll die Frau ein eher zurückgezogenes Leben geführt haben, sagte der Bürgermeister. In dem Haus wohne derzeit noch die Mutter der Verdächtigen.
Text: FAZ.NET mit Material von AP, dpa
Bildmaterial: dpa/dpaweb