19. März 2004 Eins muß man Courtney Love lassen: Sie gibt sich reichlich Mühe aufzufallen - und das zumindest gelingt ihr gut. Ein paar Pöbeleien am Flughafen, ein kleiner Drogenprozeß, ein Paar blanke Brüste bei David Letterman. Was ihr nicht gelingt, ist, nicht mehr in erster Linie als Witwe der obersten Kult-Figur des Grunge-Rock, Kurt Cobain, zu gelten. Diese Witwenrolle hat sie inne seit sich ihr labiler Gatte 1994 selbst ins Nirvana schickte.
Vielleicht wäre ja alles anders gekommen, wenn Kurt Cobain wenige Monate vor seinem Selbstmord tatsächlich in Courtneys Band Hole gewechselt wäre - und damit auf ein Großteil jenes Erfolgs verzichtet hätte, der den Labilen angeblich in den Selbstmord trieb. Nirgendwo habe er sich wohler gefühlt als musizierend inmitten der wilden Weiber, steht in einem Interview mit dem Gitarristen und Sänger aus dem Jahr 1994 im Londoner Star zu lesen. Offenbar verstand er sich dabei - möglicherweise zwangsläufig - als ruhender Pol. Ich wäre gerne so wie Johnny Cash, soll Cobain seinerzeit gesagt haben. Das wäre gut für mich, wenn ich älter bin. Ich kann auf einem Stuhl sitzen und Gitarre spielen.
Wie eine neue Yoko Ono
Rund um diesen ruhenden Gitarrenspieler hätte Courtney dann ihr Chaos verbreiten können, um in den entscheidenden Momenten in die gemeinsame Mitte zurückzukehren. Man ahnt den Lebensentwurf des Ehepaares Cobain/Love.
So aber führt sie ein unstetes Leben. Schon seit geraumer Zeit nervt sie die Nirvana-Fangemeinde, weil sie eine immer wieder groß angekündigte CD-Box der Kultband per Einspruch verhindert. Da spielt sie sozusagen eine neue Yoko Ono, deren Beziehung zu John Lennon ja einst die Beatles entzweit haben soll. Ihre Ablehnung begründet sie damit, daß allein sie als Witwe die Rechte am Nachlaß ihres Gatten habe.
Weniger nah an rechtlichen Grundsätzen bewegte sich die 39jährige in den vergangenen Tagen. Da wurde sie im kalifornischen Beverly Hills vors Gericht zitiert, weil sie illegal verschreibungspflichtige Medikamente besaß und sich dabei erwischen ließ - übrigens während sie Scheiben im Haus ihres Ex-Freunds und -Managers Jim Barber einwarf. Vor Gericht erschien die Rock-Diva dann nicht nur zu spät, sondern begrüßte den Richter auch noch flapsig mit Hallo Richter Fox. Der rügte sie für diesen Zwischenruf und vertagte erstmal die Entscheidung.
Fast ein zweites Nippel-Gate
Sowas ficht die wilde Courtney, die übrigens weiterhin Platten macht, natürlich nicht an, und so wurde sie schon zwei Tage später in einem Nachtclub im New Yorker East Village festgenommen, nachdem sie einem bedauernstenwerten 24jährigen einen Mikrofonständer über den Kopf gezogen hatte, so berichtete jedenfalls der Sender New York 1. Den ereignisreichen Abend hatte sie damit begonnen, daß sie Late-Night-Talker David Letterman während der Show vor laufender Kamera ihre Brüste präsentierte. Nur die Tatsache, daß sie mit dem Rücken zum Publikum auf dem Schreibtisch der nicht unbegeistert dreinschauenden amerikanischen Fernseh-Ikone stand, verhinderte ein neues Nippel-Gate à la Janet Jackson.
Kurt Cobain hätte das alles wohl kaum aus der Bahn geworfen. Womöglich aber hätte er auf seinem Stuhl gesessen, entspannt Johnny-Cash-Weisen spielend, und hätte achselzuckend gesagt: Was soll's, Baby, und die gute Courtney hätte endlich ein wenig Ruhe gefunden. So jedoch sucht sie rastlos nach ihrem Platz im Leben und versucht dabei verzweifelt die Richtung vorzugeben: Ihr aktuelles Album hat sie Amercia's Sweetheart genannt.
Text: @dho, mit Material von dpa
Bildmaterial: AP, Reuters, Virgin