Emsdetten

Waffen aus dem Internet

Ratlosigkeit nach dem Amoklauf

Ratlosigkeit nach dem Amoklauf

22. November 2006 Ein Teil der Waffen, die der Amokläufer von Emsdetten für seinen blutigen Racheakt benutzt hat, stammt nach Angaben der Ermittler von dem Internet-Verkaufsportal eGun mit Sitz in Darmstadt. Dabei handele es sich um die beiden Vorderladerwaffen nach historischem Vorbild. Ob ein Verstoß gegen das Waffengesetz vorliege, müsse noch geprüft werden, sagte Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer. Waffen dieser Art sind, im Gegensatz zu dem zum Abfeuern der Waffen benötigten Schwarzpulver, frei im Handel erhältlich. Mit einer dieser Waffen hatte sich der Mann durch einen Schuß in den Mund selbst gerichtet.

Weiteres Zubehör für die Waffen habe sich der 18 Jahre alte Mann über den Internet-Marktplatz ebay gekauft, sagte er. Unklar sei noch, woher das Kleinkalibergewehr stamme, das der Mann ebenfalls mit sich führte. „Das hätte er keinesfalls besitzen dürfen“, sagte Schweer.

Personen in Videos identifiziert

Auch die Waffe, mit der sich der Amokläufer erschossen hat, stammt aus dem Internet

Auch die Waffe, mit der sich der Amokläufer erschossen hat, stammt aus dem Internet

Bis zum Mittwoch hatten Polizei und Staatsanwaltschaft mehr als 100 Zeugen vernommen, darunter auch Schüler und Lehrer, die bei dem Amoklauf verletzt worden waren. Es stehe noch eine Vielzahl von Internetrecherchen aus, um die Hintergründe der Tat offen zu legen. „Der Täter hat sehr viele Spuren im Internet gelegt“, sagte Schweer. Die Ermittler seien sich sicher, daß dies absichtlich passiert sei, um Öffentlichkeitswirkung zu erzielen. Abschiedsbrief, Tagebücher und andere Internet-Schriftstücke stufte er als authentisch ein. „Wir gehen davon aus, daß die von ihm sind.“

Die in mehreren Videos mit dem Amokläufer zu sehenden Personen sind inzwischen identifiziert. Man kenne nun die Beteiligten, sagte ein Sprecher der Polizei. Allerdings gebe es keine Hinweise, daß sie von der geplanten Tat gewußt hätten oder eingebunden gewesen seien. Der 18jährige hatte vor der Tat mehrere Videos ins Internet gestellt, in denen er unter anderem mit Waffen posierte und teilweise von anderen Personen begleitet wurde.

Hunderte bei Gedenkgottesdienst

Unterdessen haben mehrere hundert Menschen, darunter viele Schüler und Lehrer, heute an einem ökumenischen Gottesdienst teilgenommen. Die Geistlichen der beiden großen christlichen Kirchen schlossen in ihre Fürbitten auch den Attentäter und dessen Hinterbliebene ein. „Wir sind erschrocken über eine solche Ausweglosigkeit“, sagte der katholische Regionalbischof Franz-Peter Tebartz-van Elst. Schülern und Lehrern hätten sich „Bilder von unerklärlichem Hass und blinder Zerstörungswut geboten.“ Der Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, Alfred Buß, sagte, die Tat von Emsdetten habe viele Debatten ausgelöst. „Das ist alles richtig. Aber treffen sie auch den Kern des Problems?“, fragte er. Es gehe darum, füreinander da zu sein, Zeit füreinander zu haben. „Das ist schwerer, als Videospiele und Gewalt zu verbieten“, sagte der Präses.

Am Vormittag sollte es für die rund 700 Schüler der Geschwister- Scholl-Realschule noch keinen regulären Unterricht geben. Die älteren Schüler sollten klassenweise auf andere Schulen verteilt werden, die jüngeren Schüler sollten sich in einem Kulturzentrum treffen. Statt herkömmlichen Unterrichts waren Gespräche mit Lehrern, Seelsorgern und Psychologen vorgesehen.

Text: FAZ.NET mit ddp, dpa
Bildmaterial: dpa

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