Von Jan Klage
02. Dezember 2002 Das Wetter bestimmt unser Leben. Eine besondere Rolle kommt dabei wohl dem Regen zu. Grundsätzlich regnet es nämlich zur Unzeit. Mit Vorliebe bei Hochzeiten, Kindergeburtstagen oder Golfturnieren. Am allerliebsten aber an Wochenenden oder im Urlaub. Mit etwas weniger Regen hätte ich dieses Buch wahrscheinlich gar nicht geschrieben. Mit etwas weniger Regen hätte ich es im September 1985 wahrscheinlich rechtzeitig zum Auswahltest einer großen deutschen Fluggesellschaft geschafft und würde heute einen Jumbo Jet bewegen. Allein der Regen - und mein damaliges Auto, ein betagtes englisches Cabriolet - wußten dies zu verhindern: Bei Regen sprang der Wagen nämlich grundsätzlich nicht an.
Wenn das Wetter es will, stehen Geschäftsleute im Stau, verspäten sich Flüge und fallen Geschäftsabschlüsse ins sprichwörtliche Wasser. Was hier so launisch und unberechenbar wirkt, folgt in Wirklichkeit ganz bestimmten Gesetzmäßigkeiten, die letztlich zur Bildung der charakteristischen Wetterabläufe und Wetterphänomene führen. Die ersten Kapitel dieses Buches erzählen deshalb von den Zutaten, aus denen das Wetter zu jeder Stunde neu zusammengebraut wird: von der Strahlungsenergie der Sonne, dem Aufbau der Atmosphäre und der Oberflächengestalt unseres Planeten. Allesamt Größen, die sich gegenseitig beeinflussen und zusammen ein unvorstellbar großes ökologisches System bilden: das Wetter.
Die Liste bedeutender Wetterkapriolen ist lang. Das Wetter hatte schon immer weitreichende Konsequenzen für die Menschen. Sein Einfluß auf den Lauf der Geschichte ist bemerkenswert. Die Sintflut in Genesis 6-9 ist die vielleicht erste und bekannteste überlieferte wetterbedingte Katastrophe, die den Lauf der Geschichte vermutlich verändert hat und zu der Parallelberichte aus der altorientalischen Literatur vorliegen (Atramhasis, Gilgamesch Tafel XI). Recht bekannt sind wohl auch die historischen Folgen eines Vulkanausbruchs auf den Azoren im Jahr 1811. Die dabei aufgetretenen Schwefelemissionen verminderten beispielsweise die Wärmeeinstrahlung durch die Sonne über Monate, was 1812 zu einem bitterkalten Winter führte und insofern eine entscheidende Rolle für die Niederlage Napoleons in Rußland spielte. Gänzlich unbekannt dürfte aber beispielsweise der Einfluß des indonesischen Vulkans von Tambora auf die Malerei sein. Er beförderte 1815 annähernd 100 Kubikkilometer Asche in die Atmosphäre. Danach sanken in Europa die Durchschnittstemperaturen um etwa ein 1°C, und das Jahr 1816 ging als »Jahr ohne Sommer« in die Annalen ein. Durch den Staub in der Atmosphäre aber kam es zu besonders farbenprächtigen Sonnenaufgängen und Sonnenuntergängen, die in den Bildern William Turners ihren Ausdruck fanden.
Faszinierende Verbindungen. Mich haben die allseits bekannten - vom Wetter geprägten - Ereignisse
dazu bewegt, einmal nach den weniger bekannten, historisch bedeutsamen Wetterkapriolen zu suchen. Wußten Sie beispielsweise, daß Regen eine bedeutende Rolle bei der Niederlage der Römer im Teutoburger Wald spielte? Daß der Verlauf der Französischen Revolution maßgeblich von einem schweren Sommergewitter geprägt wurde? Die Historie des irischen Volkes vom Regen mitgeschrieben wurde?
Oder der Wind: Unzählige Male hat er Geschichte gemacht. Auffällig oft im Ärmelkanal. Wilhelm der Eroberer, die Spanische Armada und nicht zuletzt die Invasion der Alliierten waren den Launen des Windes ausgeliefert. Hiroshima wurde durch eine günstige Wetterlage am Tag des Abwurfs zum Opfer der ersten Atombombe der Geschichte. Und schließlich bewahrte der Westwind uns während der Kuba-Krise womöglich vor einem Atomschlag der Sowjetunion.
Angesichts der Hilflosigkeit, die der Mensch gegen-über meteorologischen Ausnahmezuständen empfindet, ist es nur konsequent, daß in unserem Jahrhundert versucht wurde, das Wetter zu beeinflussen. In den fünfziger Jahren wurden über weite Flächen des nordamerikanischen Kontinents die Wolken zur Regenerzeugung - mit mäßigem Erfolg - mit Silberjodid geimpft. Nebelauflösung und Hagelverhütung sind mittlerweile gängige Maßnahmen der erfolgreichen Wetterbeeinflussung. Heute aber forschen vor allem die Militärs auf dem Gebiet der Wettermodifikation. Geradezu unglaublich, was dort in geheimen Labors heranwächst: Von der künstlichen Erzeugung von Blitzschlägen bis hin zur Schaffung sogenannter Intelligenter Wolken reicht die Bandbreite der beeindruckenden, aber auch beängstigenden Technologien und Verfahren. Das abschließende Kapitel wird Ihnen eine Gänsehaut verschaffen. Aber lesen Sie selbst.
Text: FAZ