FAZ.NET-Spezial: XX. Weltjugendtag

Das Gold des Lebens

Von Daniel Deckers

Im Schatten des Doms: Junge Katholiken aus aller Welt

Im Schatten des Doms: Junge Katholiken aus aller Welt

16. August 2005 Sie kommen aus Nord und Süd, Ost und West - buchstäblich die ganze Welt ist von diesem Montag an in Deutschland zu Gast. Der Name des einmaligen Stelldicheins an den Ufern des Rheins, des heiligen Stromes? World Youth Day, Journees mondiales de la Jeunesse, Jornada Mundial de la Juventud, Giornata Mondiale della Gioventu oder - kurzgesagt - Weltjugendtag. Das klingt ernst, ernster als es ist.

Gewiß, unernst bis wird es bis zum kommenden Sonntag zwischen Bonn und Düsseldorf kaum zugehen. Weltjugendtage sind nicht Brot und Spiele, mit denen Papst und Bischöfe das murrende Kirchenvolk periodisch bei Laune halten müssen. Aber noch weniger haben sie etwas von dem ehrgeizig-verbissenen Charakter jener „games“, bei denen sich die Besten der Besten der Weltjugend regelmäßig ihre Kräfte messen. Nicht eine weiße Fahne mit den bunten Ringen flattert im Wind, nicht um Weltrekorde und Gold-Sensationen geht es. Ein hölzernes Kreuz macht auf seinem Weg durch die Welt für eine Woche Station, und der Dreiklang der kommenden Tage lautet nicht etwa höher, schneller, weiter, sondern Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Auf Einladung Johannes Pauls

An Superlativen herrscht dennoch kein Mangel: 800.000 Pilger aus 160 Nationen sind der Einladung zum XX. Weltjugendtag nach Deutschland gefolgt. Papst Johannes Paul II. hatte sie vor drei Jahren im kanadischen Toronto ausgesprochen, sein Nachfolger Benedikt XVI. sie vor wenigen Wochen wiederholt. Das Ziel der Pilgerschaft, die mehr Gäste als je zuvor zunächst in die deutschen Diözesen geführt hat, ist Köln. Hier sollen die Wallfahrer sagen: „Wir sind gekommen, um IHN anzubeten“ - wie jene drei Männer, die vor langer Zeit einen König suchten, einem Stern folgten und Gott als Kind in der Krippe fanden. Wir alle sind Suchende, so lautet die Botschaft, die von dem glänzenden Schrein ausgeht, der seit dem hohen Mittelalter im Kölner Dom die Gebeine der Heiligen Drei Könige aufbewahrt, wir müssen uns nur von den richtigen Sternen leiten lassen.

Freilich dachte Johannes Paul, der Papst aus Polen, nicht nur an Köln, als er die Jugend der Welt aufforderte, nach Deutschland zu kommen. „Wir vergeben, und wir bitten um Vergebung“, das hatte er als jugendlicher Erzbischof von Krakau zusammen mit den andern polnischen Bischöfen schon 1965 gesagt. „Im 20. Jahrhundert gingen die beiden Weltkatastrophen von Deutschland aus. Ich möchte, daß am Anfang des 21. Jahrhunderts von Deutschland eine positive Bewegung ausgeht“, sagte der Mann, der die 1942 in Auschwitz ermordete jüdische Ordensschwester Edith Stein 1987, bei seinem zweiten Besuch in Deutschland, selig- und ein Jahr später heiliggesprochen hatte. Der Wunsch des Papstes ist nun, nach seinem Tod im April, Vermächtnis und Auftrag zugleich.

Raum für das Sinnlich-Symbolische des Glaubens

Bewegungen gab es in Deutschland schon einige. Es gab „die“ Bewegung, die in der Ideologie der Vernichtung des Anderen endete, und es gibt jene, die zum permanenten Tanz um das Goldene Kalb geworden ist, und jene, die keine Kultur mehr kennt, sondern nur noch mit Kult verwechselt, und sei es der des eigenen Körpers. Doch weder soll es beim Weltjugendtag an Musik und Tanz fehlen, wie auch das Sinnlich-Symbolische des Glaubens nicht zu kurz kommen wird. Noch hallen die Worte Johannes Pauls II. nach: „Liebe Jugendliche, bringt auch ihr dem Herrn das Gold eures Lebens dar, das heißt die Freiheit, ihm aus Liebe zu folgen, indem ihr seinem Anruf treu folgt; laßt den Weihrauch eures innigen Gebetes zu seinem Lob und Ruhm zu ihm emporsteigen; bringt ihm die Myrrhe dar, das heißt die herzliche Dankbarkeit ihm gegenüber, dem wahren Menschen, der uns so geliebt hat, daß er wie ein Verbrecher auf Golgota gestorben ist.“

Nach einer Woche dann, am Ende des Weltjugendtags, nach Domwallfahrt und Beichte, nach Katechese und Kreuzweg, nach nächtlicher Vigil und Papstmesse am Sonntag, könnte es manch einem Pilger so gehen wie einst den dreien. Zwar muß wohl niemand auf einem anderen Weg nach Hause zurückkehren, aber doch anders. Nicht geblendet oder berauscht, sondern verwandelt.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.08.2005
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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