Von Nathalie Heinke
22. November 2001 Materialien sind ein Zündstoff des Fortschritts - ohne die Erfindung neuer Werkstoffe und Verfahrensweisen hätten kleine wie große Meilensteine der Produkt- und Architekturgeschichte vom Hochhaus über das Automobil bis hin zur Plastikgabel niemals entwickelt werden können. Das hat sich bis heute nicht geändert.
"Neue Materialien sind zur Zeit der spannendste Bereich des Designs, der zudem über ein ungeheures Innovationspotential verfügt", sagte Andrej Kupetz, Geschäftsführer des Rat für Formgebung auf der Konferenz Material Experience. Der Rat beschäftigt sich mit Design und aktuellen Entwicklungen innerhalb der Gestaltung. Designer aus der Automobil, Möbel- und Kleiderindustrie sowie Ingenieuren und Wissenschaftlern sind in dem Gremium organisiert. Mit von der Partie sind auch das Fraunhofer Institut Verbund, Werkstoffe und Bauteile sowie die Gesellschaft für Technische Biologie und Bionik.
Nabeltechnologien
"Der technische Fortschritt in Schlüsselfeldern wie etwa in Informationstechnik, Medizin, Bautechnik oder auch Verkehr und Energie hängt von erfolgreichen Werkstoffentwicklungen ab", bestätigte der Geschäftsführer der Gesellschaft für Materialkunde, Peter Paul Schepp. Einst Stiefkinder, zählten die Entwicklung neuer Werkstoffe heute zu den Nabeltechnologien. So setzten Unternehmen bei der Entwicklung ihrer Produkte immer häufiger auf neue Materialien. Vor allem im Bereich der Nanotechnologie aber auch bei so genannten intelligenten Materialien, ist das Entwicklungspotential nach Angaben der Referenten besonders groß.
Intelligente Materialien sind aufgrund ihrer Beschaffenheit in der Lage, auf äußere Einflüsse zu reagieren und ihre Eigenschaften danach auszurichten. "Einige Metalle können beispielsweise mit Hilfe von Elektrizität ihre Oberflächenstruktur verändern", beschrieb Torben Lenau, Professor an der Technischen Universität Dänemark solch ein intelligentes Material.
Auch Gläser, die je nach Lichtbeschaffenheit ihre Farbe verändern und Jacken, die Wärmezufuhr des Trägers über einen Computer regulieren, sind solche Beispiele. In der Nanotechnologie dagegen geht es um die Erforschung und die Nutzung kleinster Strukturen in der Welt der Atome und Moleküle. So verhält sich ein Meter zu einem Nanometer wie der Durchmesser der Erde zu dem einer Haselnuss.
Weg vom Katalogdenken
Miniroboter, die in der Blutbahn kreisen und Viren töten, extrem kratzfeste Materialien, federleichte aber leistungsfähige Computer - die Liste an Wünschen, die Wissenschaftler mit der Nanotechnologie verbinden, ist lang. Doch noch ist all das Zukunftsmusik. Um die Entwicklung im Bereich Materialien voran zu peitschen, fordert Schepp von der Deutschen Gesellschaft für Materialkunde daher: "Wir müssen weg vom Katalogdenken und statt dessen Werkstoffe für die Produkte Maß schneidern."
"Und die Natur als Vorbild nehmen", wünschte sich Werner Nachtigall, Direktor des Zoologischen Instituts der Universität des Saarlandes. Seiner Ansicht könnten beispielsweise Designer von der Arbeit der Biologen profitieren. Die Gestalt etwa eines Pinguins sei nicht zufällig, seine Form eigne sich besonders gut zum schwimmen. "Es liegt daher nahe, sie auf Unterwasserkörper zu übertragen", erklärte er.
Von dem Aufbau eines Schlangenkörpers haben nach seinen Angaben bereits Französische Biologen profitiert: An den Bauchschuppen des Tieres hätten sie ihr patentiertes Verfahren für einen Antirutschbelag von Langlaufskiern abgeguckt. Nachtigall plädiert deshalb für eine Grenzüberschreitung der Disziplinen. Durch den Austausch könnten neue Materialien und Verfahren entwickelt werden.
Dass neue Materialien nicht immer auch mit Fortschritt gleichzusetzen sind, veranschaulichte der Berliner Modeschöpfer Carl Tillessen. So hätten die zunächst von der Modewelt begeistert aufgenommenen Metallstoffe bald zur Ernüchterung geführt: "Sie sind recht schnell kaputt gegangen. Doch das war nicht das schlimmste; sie haben auch die Haut verletzt."
Text: @nath
Bildmaterial: dpa, ZB-Fotoreport
