Behörden

Das Ende der Drachenwurst

Von Jörg Thomann

Ihn macht keiner zur Wurst: der „Welsh Dragon”

Ihn macht keiner zur Wurst: der „Welsh Dragon”

19. November 2006 Wales ist ein rauhes und wildes Land, und die Waliser sind hart im Nehmen. Sie trotzen dem Regen, klettern über zerklüftete Klippen und sprechen eine Sprache, die fast nur aus Konsonanten besteht. Und manche von ihnen essen gern eine höllisch scharfe Wurst aus Schweinefleisch und Chilischoten, die nach dem walisischen Wappentier „Welsh Dragon“ heißt.

Bislang jedenfalls. Die zuständige Lebensmittelbehörde nämlich hat nun den Hersteller dazu verpflichtet, seine Wurst umzubenennen - weil der bisherige Name die „tatsächliche Natur der Speise“ verschleiere. Mit anderen Worten: Er könnte den Konsumenten glauben machen, eine Wurst zu verspeisen, die zumindest partiell aus Drachenfleisch besteht.

Nun sind Drachen selbst im wilden Wales eine eher seltene Erscheinung, und sollte ein Waliser doch mal einem begegnen, so dürfte sein erster Gedanke kaum der Wurstverarbeitung gelten. Doch Lebensmittelgesetz ist Lebensmittelgesetz. Und es steht zu erwarten, daß sich die deutschen Beamten, an Akribie unübertroffen, ihre walisischen Kollegen zum Vorbild nehmen.

Die Tage der Teewurst dürften gezählt sein, auch die des Marmorkuchens, des Holzfällersteaks und des Jägerschnitzels. Und der Christstollen wird als gefundenes Fressen nicht nur für Islamisten bald ausgedient haben. Nicht zu vergessen das berüchtigte blaue Schlumpf-Eis, dessen genaue Konsistenz uns von jeher Kopfzerbrechen bereitet hat. Sowie - was Zugezogenen nicht wirklich leid tut - der Frankfurter Handkäs mit Musik, der in Wahrheit weder eine echte Hand noch ordentliche Musik zu bieten hat.

Danke also, liebe Waliser! Und wenn ihr schon dabei seid, könntet ihr gleich auch euer Wappen den Gegebenheiten eures in Wahrheit drachenfreien Landes anpassen. Wie wäre es mit einem Schaf?

Text: F.A.Z., 20.11.2006, Nr. 270 / Seite 9

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