31. Juli 2007 Herr Seim, der von der Plattenfirma Aggro Berlin entdeckte Rapper G-Hot geriet kürzlich in die Kritik, nachdem sein homophobes Lied Keine Toleranz auf Youtube veröffentlicht worden war - mit Zeilen wie Nie wieder freilaufende Gays und Meiner Meinung nach hat so was kein Leben verdient. Der Grünen-Politiker Volker Beck stellte Strafanzeige wegen Volksverhetzung.
Wie bewerten Sie die Aussagen in G-Hots Lied?
Aggressive Texte und Proll-Posen sind ein Markenzeichen von G-Hot und seiner früheren Plattenfirma Aggro Berlin. Das Schockpotential nivelliert sich mit der Zeit. Was mich an solchen Texten allerdings stört, ist die erstaunlich spießig verklemmte Attitüde, die weit hinter die zivilisatorischen Errungenschaften von Aufklärung, Humanismus und Emanzipation zurückfällt. Homophobie bei Fundamentalisten ist keine Überraschung, aber in diesem Zusammenhang finde ich das enttäuschend langweilig.
Und wie tolerant sollte man gegenüber Intoleranz sein?
Es wirft kein gutes Bild auf die Szene, wenn man sieht, wie viel positives Feedback es in Internetforen zu dem Song gibt. Wenn Rap-Fans konkret zu Gewalt gegen kritische Stimmen aufrufen, dann läuft da tatsächlich etwas aus dem Ruder.
Sollten diese Lieder Ihrer Meinung nach also verboten werden?
Nein, man sollte sie lieber im Unterricht durchnehmen. Womöglich erkennen Jugendliche mit besserer Bildung und mehr Medienkompetenz, dass Computerspiele und Rap-Lieder keine Handlungsanweisungen sind, sondern artifizielle Pop-Produkte der Kulturindustrie.
Wieso ist Gangsta-Rap denn gerade bei Jugendlichen so beliebt?
Pop und Provokation gehörten schon immer zusammen. Seit Aufkommen der modernen Jugendkultur vor gut 50 Jahren zeichnet sie sich durch jeweils zeitgemäßes Rebellentum aus und definiert sich auch durch die Reaktionen der Spießbürger. Nur wenn sich die Elterngeneration über die Grenzverletzungen aufregt, macht es auch Spaß. Nach Gammlern, Hippies, Rockern und Punks ist es heute schon schwieriger, Aufmerksamkeit zu erregen. Dazu greift man dann schon mal tief in die Kiste mit Tabus, Ressentiments und Vorurteilen, mixt sie mit vulgärer Fäkalsprache, und pimpt es mit cooler Gangsta-Pose und Gewaltbereitschaft auf. Damit ist schon mal der Unmut der Alten erreicht.
Geht es nicht um die alte Frage, wie viel Verantwortung die Künstler gegenüber ihren Anhängern haben?
Sicherlich wäre es wünschenswert, wenn Jugendmusik Werte vermitteln würde oder wenigstens originell wäre. Doch es wäre zu viel verlangt, Pop-Musik weltkulturerbetauglich machen zu wollen. Andererseits: Aus Sicht der Jugendschützer kann ich die Sorge schon verstehen, zumal wenn man die Zeilen wörtlich und nicht ironisch nimmt.
Wie ist der große Erfolg des Labels Aggro Berlin zu erklären?
Die Proll-Attitüde scheint den Zeitgeist getroffen zu haben. Ballermann-Niveau, gern auch mit Kanak-Sprak, verkauft sich gut.
Können Sie sich erklären, weshalb sich Aggro Berlin, dessen Künstler für harte Texte bekannt sind, sich ausgerechnet wegen dieses Textes von G-Hot distanziert?
In einer Stadt mit schwulem Bürgermeister geht die Aussage von Keine Toleranz natürlich gar nicht. Vielleicht wollte man nicht von den falschen Leuten Applaus bekommen. Ich sehe das nicht als Zeichen von Schwäche, wenn sich das Label auch mal selbstkritisch mit den eigenen Hervorbringungen befasst.
Welche Musik hören Sie, wenn Sie nicht gerade als Zensurforscher gefragt sind?
Eher Punk und Indie-Musik. Der restringierte Code im Gangsta-Rap ist mir zu öde. Frühe Sachen von Grandmaster Flash, Ice-T oder Run DMC finde ich gut, aber für das Chick-Checker-Macho-Getue von goldkettentragenden Krawallkids bin ich mit mehr als 40 Jahren wohl zu alt.
Die Fragen stellte Martin Wittmann.
Text: F.A.Z., 31.07.2007, Nr. 175 / Seite 7
Bildmaterial: POP-EYE, privat