23. August 2004 Auch in der Nacht haben massive Polizeikräfte in Norwegen die flüchtigen Räuber der weltberühmten Gemälde Der Schrei und Madonna von Edvard Munch (1863-1944) gejagt. Alle Grenzübergänge zu den skandinavischen Nachbarländern wurden streng überwacht.
Der Chef des Munch-Museums, Ginnar Sørensen, sagte am Sonntag abend: Wir wissen absolut nichts über den Zustand der beiden Bilder. Er äußerte die Befürchtung, daß beide Bilder durch die brutale Behandlung bei dem Raubüberfall zerstört sein könnten. Sørensen meinte weiter: Im Leben eines Museumsmannes ist das eine Tragödie. Viele Menschen kommen zu uns, um genau dieses beiden Bilder anzusehen. Das sind Kunstwerke, die der ganzen Menschheit gehören.
Pistole an die Stirn der Wärterin
Mit Waffengewalt hatten Kunsträuber die Bilder gestohlen. Wie in einem Gangsterfilm hielten zwei maskierten Täter vor den Augen entsetzter Besucher des Munch-Museums in Oslo einer Wärterin eine Pistole an die Stirn, rissen die Bilder von der Wand und flüchteten mit einem wartenden Helfer in einem schwarzen Audi 6. Das vom Norweger Munch, einem Wegbereiter des Expressionismus, in mehreren Versionen gemalte Bild Der Schrei gilt als eins der berühmtesten Gemälde der Kunstgeschichte.
Die maskierten Räuber drangen den Augenzeugen zufolge gegen 11.15 Uhr ins Munch-Museum im Osloer Stadtteil Toyen ein, bedrohten Wärter und Besucher, nahmen die beiden wertvollsten Bilder von der Wand und verschwanden Richtung Stadtzentrum. Unter den Museumsbesuchern brach kurzfristig Panik aus, weil sie zunächst an einen Terrorakt glaubten. Es war dann aber schnell klar, daß die Männer auf Bilder aus waren, sagte die tschechische Besucherin Marketa Cajova. Die von den Räubern mit einer Pistole an der Schläfe bedrohte Wärterin mußte mit einem Schock ins Krankenhaus gebracht werden. Von den Tätern fehlte zunächst jede Spur. Die Ermittler fanden in Oslos Stadtzentrum wenig später lediglich einen weggeworfenen Bilderrahmen.
Bilder gelten als unverkäuflich
Beide gestohlenen Gemälde gelten als unverkäuflich. Allein der Wert von Der Schrei (1893) wird in Oslo auf umgerechnet 450 Millionen Kronen (54 Millionen Euro) geschätzt. Am 12. Februar 1994 war eine andere Version des insgesamt vier Mal existierenden Bildes gestohlen worden. Damals wurden mangelnde Sicherheitsvorkehrungen kritisiert. Auch am Sonntag wurden Sicherheitslücken bemängelt. Wir hörten keinen Alarm, und es dauerte 15 bis 20 Minuten, bis die Polizei da war, sagten die beiden amerikanischen Besucherinnen Mary und Christina Assilio.
Norwegens Kultusministerin Svarstad Haugland zeigte sich unmittelbar nach der Tat schockiert: Wir haben unsere Kunstschätze nicht ausreichend gesichert. Das Ganze ist furchtbar und ein gewaltiger Schock. Hier geht es um Nationalschätze von unschätzbarem Wert. Museumssprecher Jorun Christoffersen wies die Kritik zurück: Gegen bewaffnete Kunsträuber kann es letztlich keinen ausreichenden Schutz geben.
Ähnlicher Diebstahl vor zehn Jahren
Im zehn Jahre zurückliegenden Fall war Der Schrei wenige Stunden vor der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele in Lillehammer aus der Osloer Nationalgalerie gestohlen worden. Damals waren die beiden Täter auf einer Trittleiter eingestiegen und unbehelligt geflüchtet. Sie hinterließen am Tatort, der Nationalgalerie, ein Kärtchen mit dem Satz Danke für die schlechte Sicherung. Das Bild tauchte drei Monate nach der Tat wieder auf, nachdem die Diebe vier Millionen Kronen Lösegeld gefordert hatten - diese waren offiziellen Angaben zufolge nie bezahlt worden. Ein Norweger wurde später als Hehler zu einer hohen Haftstrafe verurteilt.
Der Chef des Osloer Nationalmuseums, Sune Nordgren, sagte am Sonntag: Man kann diese Aktion mit einer Entführung vergleichen. Wahrscheinlich steht eine internationale Gangsterbande dahinter, die demnächst mit einer Lösegeldforderung kommen wird. Die Sicherung besonders gefragter Kunstwerke in hermetisch geschlossenen Glasschränken wie im Fall der Mona Lisa im Pariser Louvre sowie durch bewaffnete Wächter lehnte er ab: Dann kann es kein Kunsterlebnis mehr geben.
Text: dpa
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb, REUTERS