Hurrikane

Galveston versank wie New Orleans

Von Horst Rademacher

Ein historisches Foto der Katastrophe in Galveston

Ein historisches Foto der Katastrophe in Galveston

03. September 2005 Allmählich wird deutlich, daß der Hurrikan „Katrina“ wahrscheinlich die schlimmste Naturkatastrophe in der Geschichte der Vereinigten Staaten ist.

Das spüren nicht nur die Amerikaner, die während des Sturms in den Südstaaten ihr Hab und Gut verloren haben, oder jene, die im überfluteten New Orleans noch immer auf Rettung warten. Auch was die Sachschäden und möglicherweise auch die Zahl der Todesopfer angeht, wird „Katrina“ in die Rekordbücher der Hurrikane entlang der Nordküste des Golfes von Mexiko eingehen.

Keine andere Gegend Nordamerikas wird derart oft von tropischen Wirbelstürmen heimgesucht wie die Golfküste der Vereinigten Staaten. Dieser nahezu 1500 Kilometer lange, in einem eleganten Bogen geschwungene Küstenstreifen reicht von der texanisch-mexikanischen Grenze bei Brownsville bis nach Tallahassee im Pfannenstiel Floridas.

Nach einer Statistik der amerikanischen Ozean- und Wetterbehörde NOAA haben seit dem Jahre 1851, dem ersten Jahr, für das zuverlässige Informationen vorliegen, insgesamt 275 Hurrikane das amerikanische Festland erreicht. Bei 93 von ihnen handelte es sich um schwere Wirbelstürme, deren Stärke mindestens den Wert drei auf der fünfteiligen Saffir-Simpson-Skala erreichte.

Die Maja nannten die Stürme „Hurukan“

Mehr als die Hälfte dieser Hurrikane „landete“ an der Golfküste. Louisiana allein wurde in den vergangenen 154 Jahren von 49 Hurrikanen getroffen, 18 von ihnen galten als schwer. Im wesentlich kleineren Küstenabschnitt des Nachbarstaates Mississippi, über den am Montag auch das Auge von „Katrina“ hinwegzog, landeten 15 Hurrikane, acht davon mit Stärken von drei oder mehr. Die Geschichte der tropischen Wirbelstürme im Golf von Mexiko reicht jedoch wesentlich weiter als bis zum Jahre 1851 zurück.

Bei Untersuchungen der Sedimente in Binnenseen in Louisiana, Mississippi und Alabama fand der Geowissenschaftler Kam-biu Liu von der Staatsuniversität von Louisiana große Mengen an Sand, den man sonst nur an Meeresstränden findet. Aus der Folge der Schichten leitete Liu ab, daß der Golf von Mexiko von 1400 vor Christus bis vor etwa 1000 Jahren drei- bis fünfmal so häufig von schweren Hurrikanen heimgesucht wurde wie heute. In das Ende dieses Zeitraums fiel auch die Blütezeit der mittelamerikanischen Maya. Aus ihrer Sprache ist das Wort „Hurukan“ überliefert, das zweifellos den aus dem Atlantik stammenden tropischen Wirbelstürmen ihren Namen gab.

Einer dieser Hurrikane an der Golfküste war die Naturkatastrophe mit den bislang meisten Todesopfern in Amerika. Am 8. September 1900 wurde die texanische Hafenstadt Galveston von einem Hurrikan vernichtet. Mehr als 6000 Menschen kamen in den Trümmern der damals aufstrebenden Stadt ums Leben oder wurden von den Fluten in den Golf von Mexiko gespült. Ähnlich wie jetzt New Orleans ging damals die Stadt Galveston in einer Flutwelle unter.

„Andrew“ der bislang teuerste Sturm

Aus meteorologischer Sicht gehört der Hurrikan „Camille“, der im Jahre 1969 die Golfküste des Bundesstaates Mississippi weitgehend zerstörte, zu den intensivsten Wirbelstürmen. Der Luftdruck in seinem Auge fiel auf 908 Hektopascal, noch etwa zehn Hektopascal weniger als der Luftdruck in „Katrina“. Der niedrigste Luftdruck, der je in einem die Vereinigten Staaten erreichenden Hurrikan gemessen wurde, betrug 892 Hektopascal.

Das war am 2. September 1935 im Auge eines Wirbelsturms ohne Namen, der damals über die Florida Keys hinwegzog. Mehr als 250 arbeitslose Veteranen des Ersten Weltkriegs kamen in diesem Sturm ums Leben, in dem Winde mit Geschwindigkeiten von bis zu 320 Kilometern pro Stunde peitschten. Die Männer waren im Rahmen einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme dabei, die heute noch bestehende Straßenverbindung zwischen den Dutzenden nur knapp über den Meeresspiegel emporragenden Inseln zu bauen.

In bezug auf Sachschäden war der Hurrikan „Andrew“ der bislang teuerste Sturm. Er richtete im Sommer 1992 allein in Florida und dem Südosten Louisianas Verwüstungen in Höhe von 26,5 Milliarden Dollar an. Das vergangene Jahr war dagegen - was die Summe aller Hurrikanschäden angeht - das teuerste Jahr in Amerika überhaupt. Die Hurrikane „Ivan“, „Frances“, „Jeanne“ und „Charley“ richteten im Laufe von nur zwei Monaten allein in Florida Schäden von mehr als 45 Milliarden Dollar an. Es ist zu befürchten, daß in der Folge von „Katrina“ dieser Wert in den kommenden Wochen weit überschritten wird.

Text: F.A.Z., 03.09.2005, Nr. 205 / Seite 7
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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