21. Dezember 2009

Körpersprache

Wohin mit den Händen?

Von Anne Jacoby




14. Oktober 2002 
Sie stolpern auf dem Weg zum Rednerpult? Sie stoßen mit der Nase ans Mikrophon? Und dann wissen Sie nicht, wohin mit Ihren Händen? Wer bei Präsentationen zu Aufregung neigt, kennt das Phänomen: Der Körper streikt. Aber keine Panik, das geht vielen so. Mit ein paar Tricks haben Sie sich wieder im Griff.

„Unsere Wirtschaftsprüfer sind es gewohnt, sich auf Zahlen, Daten und Fakten zu beziehen“, weiß Sascha Maurer, Trainer und Berater in der Aus- und Fortbildung bei PriceWaterhouseCoopers. Da es bei einer Präsentation aber nicht nur auf „Gewissenhaftigkeit und Perfektion in der Sache“ ankomme, fördern die Kommunikationstrainer bei PwC vor allem die nonverbalen Faktoren und das sprachliche Verhalten. „Kontakt, Aufmerksamkeit und Präsenz“, präzisiert Maurer.

„Wenn jemand mit einem Körperpanzer da steht, sich nicht bewegt und nur Schallwellen produziert, dann fördert das nicht eben seine Glaubwürdigkeit.“

Wie das? Zunächst halten die Seminar-Teilnehmer eine Präsentation. Unmittelbar danach geben sie ihre Selbsteinschätzung wieder: Wie haben sie sich gefühlt? Glauben sie, daß sie gut angekommen sind? Dann geben die anderen Seminarteilnehmer ihr Feedback: Was hat ihnen gut gefallen? Was könnte der Präsentierende verbessern? Und dann kommt die Roßkur: Die Videoanalyse. Maurer: „Sie zeigt auf verschiedenen Ebenen, worauf es ankommt: Man kann das sprachliche Verhalten beobachten. Und wenn man den Ton ausstellt, auch die nonverbalen Aspekte. „Ein Schockerlebnis? Ja, das sei richtig“, bestätigt Maurer. Viele sähen sich selbst zum ersten Mal und seien überrascht über ihre Außenwirkung: „Da es in der Präsentation immer um Wirkung geht, nicht um Perfektion, kann die Videoanalyse sehr erkenntnisreich sein.“

Wie kommt es, daß die innere Wahrnehmung und die äußere Wirkung so weit auseinanderklaffen? Als „egoistischen Wahrnehmungsfehler“ bezeichnet Eberhardt Hofmann, Psychologe und Fachbuch-Autor, dieses Phänomen. „Eigentlich wäre es ja logisch, in Situationen, in denen man öffentlicher Beachtung ausgesetzt ist, die Aufmerksamkeit auf die äußere Situation zu konzentrieren - aber genau das Gegenteil ist der Fall“, erklärt Hofmann. „Wir konzentrieren uns in solchen Situationen eher auf uns selbst.“ Und dann scheint die innere Anspannung immens groß und weithin sichtbar, auch wenn sie von außen gar nicht bemerkt werden kann. Wie sich dieser Teufelskreis stoppen läßt? Es reiche aus, sich die Diskrepanz zwischen interner und externer Wahrnehmung bewußt zu machen: „Dies alleine wird schon zu einer wesentlichen Reduktion des unangenehmen Gefühls bei oder vor einer Präsentation beitragen können“, so Hofmann.

Und das ist nicht nur für den Vortragenden eine Entlastung, sondern auch für das Publikum: „Wenn jemand mit einem Körperpanzer da steht, sich nicht bewegt und nur Schallwellen produziert, dann fördert das nicht eben seine Glaubwürdigkeit“, erklärt Kommunikationstrainer Albert Thiele. Warum? „Glaubwürdigkeit basiert auf der Stimmigkeit der Körpersprache und des Verbalen“, so Thiele. Wenn da Diskrepanzen seien, erzeuge das „kognitive Dissonanzen“ im Kopf des Zuhörers. Wenn jemand zum Beispiel sage, „Ich freue mich, Sie zu treffen“ und dazu ein griesgrämiges Gesicht ziehe, verursache er bei seinem Gegenüber Skepsis. „Der Zuhörer hat keinen anderen Maßstab als die Körpersprache“, unterstreicht Thiele. Er könne die Richtigkeit der gehörten Inhalte nicht nachprüfen, deshalb orientiere er sich an der Erscheinung des Redners.

Ein Beispiel: verzögertes Einatmen.
Gut, aber wie bekommt man einen sprechenden Körper? „Reduzieren Sie Ihre innere Anspannung“, rät Hofmann. Bei einem mittleren Grad an Anspannung arbeite das Gehirn sehr effektiv: Es könne auf unser Wissen zugreifen und es der Situation entsprechend anwenden. Steige die Anspannung aber über dieses Maß hinaus, sinke die Effektivität unseres Verhaltens. In seinem Buch „Professionell präsentieren - Wie Manager selbstsicher und streßfrei vor Gruppen sprechen“, verrät Hofmann eine Fülle von Tricks, um sich innerlich „locker“ zu machen. Vor einer Präsentation, oder sogar währenddessen.

„Ein sich bewegender Redner hat eine größere Chance, sehr gut zu wirken.“

Ein Beispiel: Verzögertes Einatmen. Das geht so: Sie atmen ganz normal ein und aus. Dann warten Sie nach jedem Ausatmen drei bis vier Sekunden, bevor sie wieder Luft holen. Hofmann: „In dieser Ruhepause nach dem Ausatmen befindet sich der Körper in einem maximalen Ruhezustand.“ Jener Zustand, den Sportschützen ausnutzen, um sicher ins Schwarze zu treffen. Und keine Sorge, ersticken werden Sie nicht: „Sie brauchen dabei keinerlei Aufmerksamkeit auf das Einatmen zu richten, das Einatmen erfolgt von ganz alleine“, erläutert Hofmann.

Der Effekt: totale Entspannung.
Wem Atemkünste zu ätherisch sind, der kann sich auf die Entspannung seiner Muskeln verlegen: Dabei spannt man zum Beispiel Hände und Arme oder Füße und Unterschenkel so stark wie möglich an, hält diese Spannung etwa eine halbe Minute, und läßt dann schlagartig locker. Der Effekt: totale Entspannung. Denn wenn man seine Muskulatur nicht einfach nur versucht, locker zu machen, sondern zuerst noch einmal richtig anspannt, dann steigert sich der, so Hofmann, „relative Entspannungseffekt“. Das geht auch während einer Präsentation, und zwar ohne, daß irgend jemand etwas merkt: Spannen Sie einfach eine Muskelpartie an - Füße, Waden, Oberschenkel, warum nicht das Gesäß, Oberarme, Schultern, oder umfassen Sie einen Stift mit ihrer Faust - und entspannen Sie wieder.

Als richtiger Präsentationsprofi sitzen Sie natürlich nicht nur locker auf Ihrem Stuhl - Sie nutzen Ihre Bühne: „Ein sich bewegender Redner hat eine größere Chance, sehr gut zu wirken“, ermutigt der amerikanische Präsentations-Trainer Malcolm Kushner. Die Bewegung helfe, die Aufmerksamkeit des Publikums aufrechtzuerhalten. Wie Donald Duck mit rückwärts verschränkten Armen pausenlos im Kreis herumzurennen, bedeutet das freilich nicht. Das wirkt hektisch, schlimmstenfalls einschläfernd: „Die Vorhersagbarkeit Ihres Bewegungsmusters lullt das Publikum in einen semi-hypnotischen Zustand ein“, warnt Kushner. Also: Bewegen Sie sich bewußt und zielgerichtet. Und wie? In seinem Buch „Erfolgreich präsentieren für Dummies“ schlägt Kushner vor, sich die Bühne in neun imaginäre Quadrate aufzuteilen. Vorn, in der Mitte und hinten liegen je drei dieser Quadrate nebeneinander, das wichtigste und wirksamste Quadrat befindet sich vorn in der Mitte („Machtposition“). Je nachdem, wie es zum Inhalt der Rede paßt, bewegen Sie sich im Raum. Wenn Sie eine Frage beantworten, gehen Sie auf Ihr Publikum zu. „Aktives Bühnenbild“ nennt Kushner diese Methode und ist überzeugt, daß sie Ihre Präsentation für das Publikum interessanter macht.

Ihre Bewegungen sollten Sie zwar bewußt ausführen, aber nicht zu starr planen - sonst wirken Sie wie ein schlechter Moderator der Wettervorhersage. Das gleiche gilt für Ihre Gestik: „Bemühen Sie sich darum, Ihre Gestik nicht zu machen, sondern zuzulassen“, rät Thiele. Wenn der innere Impuls da sei, komme die Gestik von selbst. Wer seine Hände „sprechen“ läßt, wirkt nach Ansicht Thieles offener als jemand, der sie in den Taschen oder hinter seinem Rücken verbirgt. Große, ausholende Gesten vermittelten dabei Sicherheit und Souveränität, kleine Bewegungen würden als kleinlich gewertet. Und noch etwas: Asymmetrische Arm- und Beinhaltungen werden Thiele zufolge „als geringschätzend erlebt“.

„Tue, was Du befürchtest, und die Angst stirbt einen sicheren Tod.“

Klingt komplex, nicht? Aber Sie müssen sich jetzt nicht an einer Schauspielschule anmelden. Und erst recht nicht unter Erfolgsdruck setzen: „Wenn man überzogene, absolutistische Forderungen an sich selbst stellt, so führt dies häufig dazu, daß die Wahrscheinlichkeit, mit der man das angestrebte Ziel erreicht, geringer wird“, erläutert Psychologe Hofmann. Man blockiert sich selbst.

„Lampenfieber ist völlig normal“, beruhigt PwC-Trainer Maurer. Wer vor einer Präsentation kein Lampenfieber verspürt, der „hat auch nicht die nötige Spannung“. Das einzige, was Selbstsicherheit gebe, sei - ganz klassisch: übung. Maurer: „Nur wenn ich meine Angst überwinde, indem ich es tue, kann ich mir selbst Anerkennung dafür aussprechen, daß ich es getan habe.“ Bei der nächsten Präsentation sei die Hemmschwelle dann schon gar nicht mehr so hoch. Vor allem dann, wenn der Auftritt gut beim Publikum angekommen ist. Und wie sagte schon Goethe: „Tue, was Du befürchtest, und die Angst stirbt einen sicheren Tod.“

Text: Hochschulanzeiger Nr. 62, 2002
Bildmaterial: Claudia Weikert, Labor