China und die Trauer

Was zählt der Tod des Einzelnen?

Donald Sutton ist Professor für Geschichte und Anthropologie an der Carnegie-Mellon- Universität in Pittsburgh. Karen Krüger sprach mit ihm über alte und neue Trauerrituale in China.

Herr Sutton, zählt in China ein Menschenleben weniger als bei uns?

Überhaupt nicht. In der westlichen Welt mögen das viele Menschen lange geglaubt haben - vielleicht weil es ihnen schwerfiel, mit einer so unvorstellbar großen Bevölkerung konfrontiert zu sein, die immer wieder von furchtbaren Katastrophen heimgesucht worden ist. Vielleicht wollten sie damit aber auch einfach ihre koloniale Vorherrschaft und den vergleichsweise großen Wohlstand vor sich selbst rechtfertigen. Doch niemand, der Chinesen jemals beim Trauern erlebt hat, wird glauben, dass ein Menschenleben dort nichts zählt.

Ein westliches Klischee ist, dass Chinesen Gefühle wie Trauer nicht zeigen.

Sie zeigen ihre Gefühle einfach anders. Wenn jemand stirbt, dann kommen immer Klagefrauen zum Grab und weinen. Das hört sich ritualisiert an, ist aber ein wahrhaftiger Ausdruck von Gefühlen.

Nach dem Erdbeben hat die chinesische Regierung Staatstrauer verordnet. Hat Sie das überrascht?

Nein. Als Mao Tse-tung im Jahr 1976 starb, ordnete die Regierung das ebenfalls an. Wie nach dem Erdbeben wurde den Opfern damals in einer Schweigeminute gedacht und drei Tage lang landesweit getrauert. Diese Parallele zeigt, wie ernst die chinesische Regierung die Katastrophe nimmt. Gleichzeitig hat sie mit spezifischen chinesischen Trauerritualen auf das Erdbeben reagiert.

Welche Rituale meinen Sie?

In den Nachrichten hat man Präsident Hu Jintao beim Besuch zerstörter Orte gezeigt. Offensichtlich ging es ihm körperlich sehr schlecht, dennoch wanderte er ohne Hilfe in den Trümmern umher. Später wurde ein lokaler Parteiführer gezeigt, der vor der Schule, in der neunhundert Kinder starben, auf den Boden fiel und sich dreimal verbeugte. Beides hat die Menschen in China sehr berührt. Sicherlich auch deshalb, weil die Politiker sich eines Ausdrucks von Trauer bedienten, der tief in der Kultur verwurzelt ist. Im alten China glaubte man, dass der Kaiser persönlich dafür verantwortlich ist, wenn seinem Volk ein Leid geschieht - eine Naturkatastrophe etwa kam einem moralischen Versagen von ihm gleich. Es konnte ein Anzeichen dafür sein, dass ihm das göttliche Mandat entzogen worden ist. Deshalb verlangte man Buße von ihm und von den lokalen Autoritäten. Wenn ein Landstrich von einer Überschwemmung heimgesucht wurde, dann reisten Letztere dorthin und zeigten ihre Anteilnahme im wahrsten Sinne des Wortes auch körperlich. Ganz so, als bereite das Leid des Landes ihnen nicht nur seelische, sondern auch körperliche Pein.

Gab es diese Beileidsbesuche auch in der Hochphase des Kommunismus?

Selten. Im Jahr 1976 starben bei einem Erdbeben in Tangshan mehr als 240.000 Menschen. Die Katastrophe ereignete sich zwischen dem Tod von Premierminister Zhou Enlai und Mao Tse-tung, deshalb sagte man in China auch, dass das Jahr 1976 verflucht gewesen sei. Die Menschen interpretierten das Erdbeben als Ausdruck des Auseinanderklaffens der natürlichen und menschlichen Ordnung und als Vorboten für den Zerfall des Regimes. Die Führung machte den Fehler, nicht in das Katastrophengebiet zu reisen. Nur Hua Guofeng, Maos Nachfolger, fuhr dorthin. Sein Besuch und die von ihm veranlasste Hilfe steigerten sein Ansehen so sehr, dass er seine politischen Gegner ausschalten konnte.

Hinter Präsident Hu Jintaos Besuch könnte also auch politisches Kalkül gesteckt haben?

Ich bin mir sicher, dass er die politischen Folgen der damaligen Katastrophe im Hinterkopf hatte.

Sie haben die zerstörte Schule erwähnt. Im Fernsehen sah man Rettungskräfte, die Feuerwerkskörper in die Luft schossen, wenn sie einen toten Körper geborgen hatten, und Menschen, die in den Trümmern eine Art Papiergeld verbrannten. Was hatte das zu bedeuten?

Mit den Feuerwerkskörpern sollen böse Geister vertrieben werden; es ist eine Form von Exorzismus. Das Papiergeld ist eine Art Opfergeld, ein symbolisches Geschenk an die Toten. In China glauben die Menschen, dass es eine enge Verbindung zwischen den Lebenden und den Toten gibt. Sie fühlen sich verpflichtet, den Verstorbenen das Leben im Jenseits zu erleichtern. Dazu gehört es, echte Gefühle von Trauer zu zeigen, ansonsten finden die Toten keine Ruhe. Durch das Verbrennen wird das Geld transformiert und kann den Toten auf seiner Reise ins Jenseits begleiten. Früher hat man oft ein Papiermodell vom Haus des Verstorbenen verbrannt, damit er im Jenseits darin wohnen kann. All das fand Eingang in die offiziellen Trauerzeremonien in einigen der zerstörten Orte. Aber natürlich in einem offiziellen Rahmen, mit Reden von Politikern und mit Trauermusik.

Wie konnten diese Bräuche die Kulturrevolution überleben?

Diese Traditionen sind sicherlich tausend Jahre alt. Tatsächlich gelang es der chinesischen Regierung während der Kulturrevolution, die meisten von ihnen zu unterbinden. Doch seit den achtziger Jahren werden sie vor allem auf dem Land in vereinfachter Form wieder praktiziert. Die Regierung propagiert die Einäscherung, doch außerhalb der Städte findet man sie kaum.

Welche Regeln galt es noch beim Tod eines Menschen zu beachten?

Es wurden Rituale, die der Seele auf ihrem Weg ins Paradies helfen sollten, abgehalten. Gleichzeitig musste sich die Gemeinschaft vor deren dunklem Teil, dem Yin, schützen. Der Körper wurde gewaschen und in den Sarg gelegt. Bei der Beerdigung ging die Familie in einer Prozession zum Begräbnisplatz. Den hellen Teil der Seele, das Yang, brachte sie nach der Beerdigung symbolisch auf einem Tablett in ihr Haus zurück, das dort auf den Familienaltar gelegt wurde. Die Menschen glaubten, dass die Seele des Toten durch zehn verschiedene Höfe der Unterwelt gehen muss. Jeder Hof steht für eine bestimmte Sünde und hält eine bestimmte Strafe bereit, sollte der Verstorbene sich während seines Lebens schuldig gemacht haben. Normalerweise wurde der Verstorbene neunundvierzig Tage lang auf dieser Reise begleitet. Jeden siebten Tag kam ein buddhistischer Mönch in das Haus der Angehörigen und vollzog rituelle Gebete, die dem Toten helfen sollten, die Höfe zu überwinden. Die Zeremonie konnte aber auch hundert Tage dauern oder mehrere Jahre. Auf dem Land findet man sie wieder, aber nicht in den Städten.

Wie geht man in den Städten mit dem Tod um?

Die Toten werden fast nur noch eingeäschert. Friedhöfe in oder in der Nähe einer Stadt sind selten. Beerdigungsinstitute oder Arbeitseinheiten kümmern sich um Begräbnisse. Trotz dieses wenig traditionellen Umgangs mit dem Tod feiern in Peking jedes Jahr mehr als eine Million Menschen den Tag des „Grab-Fegens“: Die Familien gehen auf den Friedhof und reinigen die Gräber, es werden Räucherstäbchen verbrannt und Opfergaben auf das Grab gelegt.

Wie bezeugt man in China sein Beileid?

Die Freunde und Verwandten kommen, solange der Tote noch im Haus aufbewahrt wird. Man sitzt neben dem Sarg und unterhält sich leise, oft bringen die Besucher ein Geschenk. Feste Ablaufregeln gibt es nicht mehr. Es geht darum, Respekt zu zeigen.

Das Erdbeben hat viele Orte so zerstört, dass es kaum möglich sein wird, alle Toten zu bergen.

Für Chinesen ist das sehr schlimm, denn nach ihrem Glauben muss ein toter Körper die Gemeinschaft verlassen und beigesetzt werden.

Was passiert, wenn das nicht geht?

Die Toten sind auf eine gewisse Art noch da. Das bringt Unglück. Die Leute fühlen sich schuldig und haben das Gefühl, die Seelen im Stich zu lassen auf ihrem Weg ins Paradies. Seelen, die ihren Frieden nicht finden konnten, weil man ihren Körper nicht zur Ruhe gebettet hat, sind ein wichtiges Thema in China. Schauen Sie sich nur mal die Hongkong-Filme an: Das Thema wird dort immer wieder variiert. Die Regierung weiß, wie wichtig es für die Menschen wäre, alle Toten zu bergen. Aber das zu schaffen ist ausgeschlossen. Sie steht unter großem Druck.

Wurden durch das Erdbeben alte Trauerrituale wiederbelebt?

Ja, aber es sind auch neue Formen hinzugekommen. Eine davon war die Parade junger Chinesen, die patriotische Parolen riefen, um den Angehörigen der Opfer Mut zu machen. Im Internet konnte man virtuelle Blumen bestellen und eine Beileidsnachricht hinterlassen. Bisher haben 70.000 Chinesen diese Möglichkeit genutzt. Es ist dort eine richtige Gemeinschaft des Trauerns entstanden. Die Stärke des chinesischen Volkes wird beschwört und sein Zusammenhalt. Aber die Internetnutzer tauschen sich auch darüber aus, dass die gestorbenen Kinder jetzt im Himmel sind und einige von ihnen sicher wiedergeboren werden. Dieser Glaube, der auf buddhistische Ideen zurückgeht, ist auf dem Land nicht unüblich. Doch nur Städter nutzen das Internet.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: Basil Pao