
Einerseite verkauft der Westen moralvorstellung, Produkt und Ideologie an uns, versucht unser System und Leben zu verändern, andererseite kritisiert er, was wir in Tibet leisten. das erste wird als Globalisierung und Demokratisierung genannt, das zweite wird als Volkermord und Kulturvernichtung genannt. Nennt man das nicht Doppelmoral? Was für eine verrückte Welt!

Das nennt man einen kuturellen Völkermord, den die westlichen Länder an den Chinesen begangen haben.

Mir scheint, wir betrachten diese chinesischen Tendenzen nicht von ungefähr mit der größten Skepsis. Hat nicht im Fall Europa Historismus genauso in einer Epoche begonnen, in welcher Zeitkonzept und Lebensideale erstmals von einem recht unreflektierten Fortschritts-Imperativ bestimmt wurden? Daran muss ich doch immer denken, wenn ich diese Hochhäuser sehe: Das letzte Stockwerk ziert immer ein geschwungenes chinesisches Giebeldächer! Zurecht schaut man die Wiener Votivkirche kopfschüttelnd an - mit seinen zwei gotischen Türmen aus den 1860er Jahren. Am Ende unterscheidet sich auch unser aktueller Blick auf China (Darfur, Tibet) nicht wenig von der Sattheit, mit der wir heute das späte 19. Jahrhundert verurteilen (Kolonialismus, Imperialismus, Rassismus). Natürlich: Geschichte wiederholt sich nicht. Aber falls doch, dann bedeutet das eine sehr, sehr ungemütliche Zukunft!

Chinesen beginnen mit Belanglosem und kommen dann zum Wesentlichen. Deutsche kommen erst auf den Punkt und schieben Belangloses nach. Wer nicht aufmerksam alles hört, was der Partner sagt, formuliert gedanklich die Antwort, während das Wesentliche gesagt wird. Chinesen setzen Pausen gezielt ein, um ihre Formulierung zu verbessern. Deutsche mögen keine Pausen, fallen dem Partner manchmal ins Wort. Chinesen analysieren jeden Satz darauf, was ungesagt gemeint sein könnte. Bei erkennbaren Widersprüchen verfolgen Chinesen eine Sache zunächst nicht weiter (kommen später darauf zurück). Deutsche leisten sich Widersprüche - meist wenn mehrer Personen verhandeln - weil sie ihr Gespräch nur selten am strategischen "Endziel" orientieren. Das strategische Vorgehen der Chinesen in Verhandlungen basiert auf völlig anderen Konzepten als westliche Verkaufsstrategien und -taktiken.

Das ist keine erfreuliche Nachricht! Wenn sich ein Volk in die Richtung einer Konsumgesellschaft entwickelt ist es kein Fortschritt. Und wenn der Business, auf Kosten der Menschenrechte, bejubelt wird, ist es noch bedauerlicher. Warum es aber den Chinesen vorwerfen, wenn unsere "vorbildliche" Demokratien jeden Tag mehr die Bürgerrechte abbauen?