Stimmt das?

Die Chinesen werden so wie wir

Von Mark Siemons, Peking

Eklektizismus ist in China geradezu Programm

Eklektizismus ist in China geradezu Programm

Das traditionelle Peking hat seine verlässlichsten Verteidiger im Westen. Seit vielen Jahren sind melancholische Nachrufe auf die alten Hofhausgassen, die den traditionslosen Hochhäusern und breiten Straßen weichen müssen, ein stabiles Genre des westlichen China-Interesses.

Und neuerdings reagiert die Stadt. Rechtzeitig vor den Olympischen Spielen soll eine Fußgängerzone im alten Händlerviertel Qianmen fertig werden, die eine Geschäftsstraße im Stil der zwanziger Jahre rekonstruiert, inklusive alten Apotheken, Straßenbahn und Uhrenturm. Die liquideren Stadtbewohner - keineswegs bloß Ausländer, sondern vermehrt auch Chinesen, die sich deren Lebensstil abgeguckt haben - lassen sich die alten Hofhäuser ohnehin seit einiger Zeit als Luxuswohnungen nachbauen.

Das ist den sensibleren Teilen der westlichen Öffentlichkeit natürlich auch nicht recht. Von „Disneyland“ und „Gentrifizierung“ ist grummelnd die Rede. Man will doch, dass sich der alte Lebenszusammenhang insgesamt erhält, nicht bloß dessen folkloristische Schauseite, als Augenweide für Besserverdienende. Wie das gehen soll, weiß allerdings niemand zu sagen - wenigstens keiner, der auch vernünftige Toiletten und ausreichend Wohnraum für erstrebenswerte Ziele hält, also einen Lebensstandard, der halbwegs dem der fortschrittsskeptischen Westler gleicht. Wer also zugesteht, dass das Land nicht in dem traditionellen Elend verbleiben, sondern von den Gewinnen der globalen Wirtschaftskreisläufe profitieren möchte.

Wer Authentizität sucht, wird selten fündig

Behalten also diejenigen recht, die annehmen, dass der globale Markt auf lange Sicht alle Kulturen gleichmacht, dass die Durchdringung des Lebens mit den Gesetzen von Angebot und Nachfrage traditionelle Besonderheiten unweigerlich auflösen muss oder allenfalls als touristische Marken gelten lässt? Werden die Chinesen also auf Dauer so wie wir: die darüber bedauernd dreinblickenden Westler?

Der äußere Eindruck scheint dafür zu sprechen. Seit langem sind die chinesischen Städte voll von Filialen von McDonald's und Kentucky Fried Chicken, auf den Straßen fahren VW und Daimler- Benz, die Leute tragen Boss und Levi Strauss, und die Skyline der Metropolen gleicht eher der von Dallas als der von chinesischen Städten, wie sie noch vor dreißig Jahren aussahen. Es sind Ausdrucksformen jener globalen Wirtschaftsformen, die der Westen exportiert und in ihren gleichmacherischen Auswirkungen gleichzeitig bedauert.

Den westlich-touristischen Blick irritiert, dass seine Suche nach „Authentischem“ in China viel weniger fündig wird als etwa in Thailand, das China das marketingtechnisch bedeutsame Attribut „Land des Lächelns“ längst abgejagt hat. Das Chinesische, das man heute sieht, scheint bloß künstlich und aufgesetzt, nicht aber „ursprünglich“ zu sein. Zugleich aber bedeutet dieser Mangel an eindeutigen Wiedererkennbarkeitsmerkmalen keineswegs, dass die Verständigung im interkulturellen Diskurs reibungslos klappen würde. Zumal Geschäftsleute immer wieder ihre Unzufriedenheit damit zu erkennen geben, dass die chinesische Kommunikation offensichtlich nach völlig anderen, ihnen leider unbekannten Regeln funktioniert. Ein doppelter Unmut ist die Folge: über den Verlust der chinesischen Kultur einerseits und andererseits über ihr nicht recht durchsichtiges, intransparentes Fortbestehen.

„Verwestlichung“ kontrovers diskutiert

So weit die westliche Perspektive, die von Widersprüchen nicht frei ist. Die chinesische Debatte zum Thema hat dagegen einen ganz anderen Ton; statt des latenten Kulturpessimismus herrscht dort das Gefühl vor, nicht am Ende, sondern am Anfang einer Geschichte zu stehen. Die kulturelle Selbstbehauptung erscheint da als logische Vollendung des wirtschaftlichen und politischen Aufstiegs. „Wir können heute jedem Land der Welt von gleich zu gleich gegenübertreten“, heißt es in der staatlichen Zeitung „China Daily“: „Und, wichtiger noch, wir können auch unseren Vorfahren geradewegs in die Augen blicken.“

Dieser Optimismus gibt auch Diskussionen, die im Westen für defensiv oder hilflos gehalten würden, eine andere Farbe. Seit der Konfrontation mit westlichen Mächten im neunzehnten Jahrhundert und dem Anfang der chinesischen Moderne wird etwa das Konzept der „Verwestlichung“ ausgesprochen kontrovers diskutiert; halten einige sie auch für eine unverzichtbare Bedingung des Wiederaufstiegs, warnen andere doch deutlich vor einem Verschwinden der eigenen Kultur. Ein Fernsehmoderator erhielt viel Zustimmung, als er den Rückzug eines Starbucks-Cafés aus der „Verbotenen Stadt“, dem Innersten also der chinesischen Kultur, forderte - und damit am Ende tatsächlich Erfolg hatte.

China hat die Wahl

Gleichzeitig herrscht Ratlosigkeit, was man in den zahlreichen in letzter Zeit installierten Konfuzius-Instituten in aller Welt, mal abgesehen von der Sprache, überhaupt präsentieren will: Woraus „China“ kulturell bestehen soll, ist offensichtlich alles andere als klar. Seit Jahren gibt es ein Konfuzius-Revival, unter Fernsehzuschauern und Buchkäufern, die die einschlägigen Populärdarstellungen zu Kassenschlagern machen, aber auch unter manchen Staatsideologen, die nach einem neuen gesellschaftlichen Kitt inmitten der fortschreitenden Pluralisierung Ausschau halten. Im Westen könnte einen all das an die Rückzugsgefechte daheim erinnern, die auf Kongressen die Bedeutung aller möglichen gemeinsamen Werte beschwören und damit doch nur umso verzweifelter zu erkennen geben, dass die Zeit über diese hinweggegangen ist.

Der große Unterschied besteht darin, dass der Westen bei seiner Kulturkritik nach einem Paradies der Authentizität Ausschau hält, aus dem ihn Mächte wie Markt, Abstraktion und Historismus vertrieben haben und das er deshalb, wie er insgeheim weiß, niemals wieder betreten kann - daher die Melancholie. Wenn dagegen Chinesen über Kultur reden, sind sie von solchen Vorstellungen weit entfernt: Sie streben Reinheit weder auf synchroner noch auf diachroner Ebene an. Dass China heute alle Kulturen der Welt und alle seine eigenen Vergangenheiten zur Begutachtung und Auswahl zur Verfügung stehen, wird gerade als ein Vorteil der gegenwärtigen historischen Situation betrachtet. „Ohne traditionelle Belastungen und Verbote sind wir frei, alles Gute zu sammeln, und sind genauso bereit, alles, was wir nicht wollen, hinauszuwerfen, gleich ob es sich um importierte oder um eigene Dinge handelt“, schreibt die „China Daily“.

Eklektizismus ist hier geradezu Programm. Kultur erscheint nicht als etwas Überkommenes, das unter Natur- oder Denkmalschutz gestellt werden müsste, damit es nur ja nicht befleckt wird, sondern als etwas immer neu Auszuwählendes und Zusammenzustellendes.

Erinnerung an alte Traditionen

Vor diesem Hintergrund sieht die Ausrichtung der Zeitvektoren auf einmal ganz anders aus. Die unbekümmerten Mixturen brauchen dann kein Zeichen für Ausdünnung und Niedergang mehr zu sein, sondern können als Demonstration von Gegenwärtigkeit gelten. Die Nachricht, dass chinesische Frauen der gehobenen Mittelklasse jetzt gerne wieder Qipao tragen, das eng anliegende Kleid, das im Schanghai der Zwanziger Mode war, und dass teure Boutiquen-Ketten wie Shanghai Tang den alten Schnitt erfolgreich mit aktuellen Stilen verbinden, müsste dann also nicht als Auflösung der Tradition zugunsten einer nivelliert-ubiquitären Globalkonsumentenideologie interpretiert werden, die sich bloß die dekorative Hülle einer früher einmal stimmigen Kultur überwirft. Sondern als Ausdruck der Kultur selbst, die ihre Vitalität gerade im Gebrauch ihrer Wahlfreiheit unter Beweis stellt.

Nicht anders steht es mit den Handys, denen ein chinesischer Hersteller die Form von alten Schwertern gibt. Jüngere Konsumenten, die mit westlichen Formen und Techniken aufgewachsen sind, schätzen heute wie selbstverständlich die Verbindung mit chinesischen Formen und Techniken. Die Qualitätsbedenken, die früher viele vom Kauf chinesischer Produkte abhielten, sind weniger geworden. Bei einer McKinsey-Untersuchung äußerten 88 Prozent der befragten Teenager, dass sie chinesischen Marken vertrauten; nur 65 Prozent sagten das gleiche von westlichen Marken.

Paradoxe Tücke

Als in den letzten Jahren einige chinesische Intellektuelle die zunehmende Beliebtheit westlicher Feste wie Valentinstag oder Weihnachten bei chinesischen Verbrauchern als Entfremdung kritisierten, konnte man das noch für ein etwas kurioses Stemmen gegen die mächtigen Zeitläufe des an globalen Konsumgewohnheiten orientierten Geschäfts halten. Aber offensichtlich standen diese Kritiker in größeren staatlichen Zusammenhängen, denn dieses Jahr wurden schon drei neue staatliche Feiertage eingeführt, die sich an den traditionellen Festen Qing Ming (Totengedenken), Duanwu (Drachenbootfest) und dem Mondfest orientieren. Was aus westlicher Perspektive wie ein ohnmächtiger Dezisionismus anmutet, ohne Aussicht, das Rad der von ganz anderen Kräften als solchen symbolischen Maßnahmen angetriebenen Geschichte zurückzudrehen, ist für China ein Ausdruck der neuen Zeit, die alte chinesische Traditionsbestände mit der gleichen Selbstverständlichkeit in ihre Konzepte einbezieht wie die westlichen.

Der abendländische Einwand wäre: Bestätigt nicht gerade diese Fähigkeit, das Überlieferte den Kalkülen des Staats und des Marketings einzufügen, dass die Chinesen so geworden sind wie wir, also hoffnungslos jenen Kategorien des Markts und der Zweckrationalität ausgeliefert, die wir (der Westen) in die Welt eingeführt haben? Die paradoxe Tücke dieses westlichen Gedankens ist, dass er als Differenz, die er zu verteidigen vorgibt, nur das anerkennt, was den eigenen Erwartungen entspricht. Könnte es sein, dass sein Nichtfindenkönnen kulturell unterscheidender Merkmale nur das Unpassende seiner Projektionen anzeigt und gerade damit den kulturellen Unterschied?

Pragmatische Verwandlungskünstler

Tatsächlich teilt das traditionelle chinesische Denken einige entscheidende Voraussetzungen mit dem traditionellen westlichen Denken nicht, wie es sich aus griechischer Philosophie, Christentum und Aufklärung herausgebildet hat. Es stellt keineswegs die Wahrheitssuche in den Mittelpunkt seiner Überlegungen, es kennt keine unveränderlichen Substanzen, und es hatte es auch nie nötig, eine Vorstellung wie die der „Seele“ zu dekonstruieren, weil die ihm noch nie plausibel, geschweige denn evident vorgekommen war; statt dessen drehte sich dieses Denken immer um Veränderung, Bewegung, Vielpoligkeit, die ihm als die zentralen Bedingungen des Lebens erscheinen.

Der vielzitierte „Pragmatismus“ der Chinesen hat dort seine theoretische Grundlage. Er hat die chinesische Kultur immer schon fähig gemacht, sich allen möglichen äußeren Einflüssen anzuverwandeln, ohne sich selbst zu verlieren: dem aus Indien kommenden Buddhismus, aber auch den Kulturen der Mongolen und der Mandschuren, die das Reich in zwei Dynastien beherrschten. Schon als im barocken Europa Chinoiserie Mode war, fand China nichts dabei, massenweise Porzellanwaren mit griechischen Motiven für den westlichen Markt herzustellen.

Insofern entspricht gerade die spielerische Vermischung von Versatzstücken eigener und fremder Kulturen der eigenen Tradition, ihrer nicht-essentialistischen Ausrichtung - und keineswegs einem westlichen Verfallsschema. Nun besteht auch eine der Stärken der westlichen Moderne darin, dass sie sich in alle partikularen Kulturen hineinversetzen, sich ihnen anverwandeln kann. Aber da ihre Marktrationalisierung aus einer essentialistischen Kultur hervorgegangen ist, die sie zugleich auflöst, ist dieser Prozess immer auch mit der Vorstellung von Selbstaufhebung und Verlust verbunden. Es könnte daher sein, dass die von vornherein nicht-essentialistische Kultur Chinas die Moderne weit unbeschadeter überstehen wird. Die „Kultur ohne Zentrum“, die der amerikanische Philosoph Richard Rorty für fortgeschritten demokratische Gesellschaften des Westens diagnostizierte, hat China schon lange, nur leider bis jetzt ohne Demokratie.

Chinesisches Fastfood auf dem Vormarsch

Vielleicht ist es also an der Zeit, die Blickrichtung umzukehren. Statt die Selbstbehauptung der chinesischen Kultur an vermeintlichen Entsprechungen des eigenen Anspruchs auf Authentizität und Wahrheit wie dem sogenannten „Konfuzianismus“ zu messen, müsste man die Flexibilität der Mischverhältnisse als kulturellen Ausdruck anerkennen. An der materiellen Basis dieses Überbaus braucht niemand zu zweifeln. In Schanghai experimentiert zur Zeit der Lizenzinhaber für Kentucky Fried Chicken, Pizza Hut und andere amerikanische Marken mit einer chinesischen Schnellimbisskette namens „East Dawning“.

Das ist ein kompliziertes Unterfangen, denn das sonst nur aufwendig zuzubereitende chinesische Essen lässt sich weit weniger leicht industrialisieren als Pizza und Hamburger. Trotzdem glaubt der chinesisch-amerikanische Unternehmer, dass „East Dawning“ auf Dauer eine stärkere Marke sein werde als Kentucky Fried Chicken, und er hat dafür ein einfaches Argument: „Wir haben den größten Markt der Welt.“ Was Niveau und Komplexität betrifft, braucht die chinesische Küche ohnehin keine Konkurrenz zu fürchten. Die Inhaberin der extrem trendy gestylten Sichuan-Restaurantkette „South Beauty“ sagt, im chinesischen Essen sei immer schon alles enthalten gewesen, was man sich an Geschmack, Gesundheit und Verfeinerung wünschen konnte; es habe bisher nur an der richtigen Verpackung gefehlt.

Und die Kultur, die nicht durch den Magen geht, hat in der Sprache ein reiches Arsenal an Zeichen und Strukturen, die sich von denen im Westen erheblich unterscheiden. Und diese Sprache wird von mehr als zwanzig Prozent der Menschheit verwendet. Die richtige Frage ist vielleicht weniger, ob die Chinesen so werden wie wir. Sondern wann wir so werden wie die Chinesen.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: Basil Pao

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben