Chinas Gesundheitssystem

Krankheit kann den Ruin bedeuten

Von Petra Kolonko, Peking

22. Juli 2008 Als die 70 Jahre alte Mutter Xiao ins Krankenhaus gebracht wurde, berief ihr Sohn einen Familienrat ein. Der Arzt hatte eine Operation empfohlen, doch die alte Frau hatte keine Krankenversicherung. 100.000 Yuan Arzt- und Krankenhauskosten müsste die Familie ganz allein aufbringen. Selbst die Ersparnisse aller drei Kinder reichten nicht für so eine große Summe. Den Kindern blieb nur, sich Geld bei Freunden zu leihen.

„Ich werde zehn Jahre brauchen, bis ich die Schulden abgezahlt habe“, sagt Xiao Li, der als Taxifahrer arbeitet, seit der Staatsbetrieb, bei dem er angestellt war, bankrott gemacht hat. Er verdient 3000 Yuan im Monat, die für seine Familie reichen müssen. Da bleibt nichts zum Sparen übrig. Die Familie Xiao gehört zu den vielen Familien in China, die durch einen Krankheitsfall in Schulden gestürzt werden.

Mit Schmiergeld zu guter Behandlung

Chinas Gesundheitssystem ist nach der Umstellung auf die Marktwirtschaft teuer geworden. Seitdem Krankenhäuser und Ärzte profitabel arbeiten müssen, sind die Kosten für Behandlungen, Medikamente, ärztliche Beratung und Pflege in die Höhe geschossen. Die Krankenhäuser bekommen nur minimale Zuschüsse vom Staat und verdienen ihr Geld hauptsächlich durch Behandlungen und den Verkauf von Medikamenten. Das hat die Preise in die Höhe getrieben und führt dazu, dass in chinesischen Krankenhäusern Medikamente verschrieben und teure Untersuchungen angeordnet werden, die eigentlich nicht nötig sind.

Ärzte verdienen wenig und sind anfällig für Korruption, sie verdienen mit am Verkauf der Medikamente und bekommen von Patienten „Rote Briefe“ mit Geld, die eine gute Behandlung sichern sollen. Die guten Ärzte konzentrieren sich in den berühmten Krankenhäusern der Großstädte, kaum ein Arzt will freiwillig auf dem Land arbeiten, wo die Lebensumstände hart und die Bezahlung schlecht ist. Die Öffentlichkeit macht die Korruption im Gesundheitssystem für die Mängel verantwortlich. Doch Wissenschaftler sagen, dass das Problem viel tiefer geht. Das ganze System müsse geändert werden, sagt der Pekinger Gesundheitsforscher Liu Jitong. Nach einer Erhebung seines Institutes müssen derzeit 70 Prozent der chinesischen Bevölkerung im Krankheitsfall alle Kosten selbst tragen.

Versicherungsschutz genießen die wenigsten

Derzeit ist erst die Hälfte der städtischen Bevölkerung durch eine Krankenversicherung geschützt. Dabei schließt diese Hälfte auch die weit verbreitete Minimal- Versicherung ein, die nur für Notfälle, Operationen und Arbeitsunfälle gilt und einen großen Eigenanteil vorsieht. Volle Sicherheit haben nur die Staatsbediensteten. Sie genießen eine Krankenversicherung, die alle Kosten abdeckt. Wer einen stationären Krankenhausaufenthalt braucht, muss schon bei Eintritt ins Krankenhaus eine Kaution von 10.000 Yuan (umgerechnet 1000 Euro) hinterlegen, das sind fünf durchschnittliche Monatsgehälter. Allein das übersteigt schon die Möglichkeiten vieler Familien.

Noch schlechter steht die Landbevölkerung da. 80 Prozent der Bauern und der Wanderarbeiter, die noch zur ländlichen Bevölkerung zählen, sind ganz ohne Versicherungsschutz. Auch eine Rentenabsicherung gibt es auf dem Land nur für diejenigen, die für den Staat gearbeitet haben. Der Rest muss sich im Alter und bei Krankheit ganz auf die Kinder und Verwandten verlassen.

Schwierige Grundversorgung auf dem Land

Viele Bauern machen erst gar nicht den Versuch, in ein Krankenhaus zu gehen. „Zu Hause auf den Tod warten“ so bezeichnen die Bauern in China ihre Aussichten für den Fall einer schweren Krankheit.

Zu Maos Zeiten gab es in China noch ein umfassendes Gesundheitssystem für alle. Zwar war es nicht besonders fortschrittlich, doch sorgten immerhin die „Barfußärzte“ dafür, dass auch auf dem Land eine billige oder kostenfreie medizinische Grundversorgung garantiert war. Viele Regierungsberater fordern jetzt, wieder ein allgemeines System der Grundversorgung einzurichten.

Selbst die chinesische Regierung hat jetzt zugegeben, dass dieses System Vorteile hatte. Die Reform des Gesundheitssystems sei gescheitert, hieß es in einer aufsehenerregenden Regierungs-Studie vor zwei Jahren. Die Regierung sah sich veranlasst, neue Wege zu versuchen. So wurde ein „Kooperatives System“ für die ländliche Bevölkerung eingerichtet, bei dem der Staat und die Bauern in einen Fonds einzahlen, der dann im Krankheitsfall den Bauern einen Teil der Arztkosten erstattet. Doch noch erreicht dieses System nur einen kleinen Teil der ländlichen Bevölkerung.

Die Gesellschaft wird immer älter

In den Städten soll die Einrichtung von bisher kaum verbreiteten Arztpraxen und Gesundheitszentren in den Stadtvierteln die Krankenhäuser entlasten und eine Grundversorgung für weniger schwere Krankheitsfälle bieten. Einige Großstädte wie Peking und Schanghai haben jetzt Versicherungssysteme für Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger eingerichtet. Die Krise in Chinas Gesundheitssystem wird verstärkt durch die Überalterung der Bevölkerung.

Ende 2005 hatte China bereits 144 Millionen Menschen, die über 60 Jahre alt waren. Nur die wenigsten bekommen eine staatliche Rente, die anderen sind ganz auf die Unterstützung ihrer Kinder angewiesen. Durch die Ein-Kind-Politik steht die Alterspyramide auf dem Kopf. Ein Paar der mittleren Generation muss jetzt für ein Kind und für vier Großeltern aufkommen. Nach dem Maßstab der Vereinten Nationen gilt die ganze Volksrepublik schon als „alternde Gesellschaft“. Landesweit sind bereits über 10,5 Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre alt. Im Jahr 2050 wird schon jeder dritte Chinese über 60 Jahre alt sein. „Werden wir alt, bevor wir wohlhabend werden?“ fragte das einflussreiche „Nachrichtenmagazin“.

Mit 50 Jahren in den Ruhestand

Wie kann die Volksrepublik die vielen Alten versorgen? Unter dem sozialistischen System waren die Arbeitgeber, Staatsunternehmen und Behörden, für die Altersversorgung und Krankenversicherung ihrer Angestellten und der Angehörigen zuständig. Aber nach der Umstrukturierung der Industrie konnten viele Unternehmen die hohen Kosten für das Heer der Rentner, das sie zu versorgen haben, nicht mehr aufbringen. In chinesischen Städten gehen Frauen schon mit 50 und Männer schon mit 55 in Rente. Zudem wurden bei der Privatisierung und Auflösung der Staatsbetriebe viele in den Frühruhestand gezwungen, so dass das durchschnittliche Renteneinstiegsalter jetzt schon bei 51 Jahren liegt.

Ende der neunziger Jahre wurden Städte und Provinzen angehalten, Sozialfonds einzurichten, in die Angestellte und Arbeitgeber gleichermaßen einzahlen sollen. Das hilft den Städtern, doch die Landbevölkerung bleibt außen vor. Nach offiziellen Angaben leben zwei Drittel der Alten auf dem Land, und dort gibt es bisher noch keinerlei Renten. Die älteren Bauern sind darauf angewiesen, dass ihre Kinder sie im Alter unterstützen. Daher lässt sich auf dem Land auch die Familienplanung so schwer durchsetzen. Jeder will einen Sohn, denn Mädchen gehen aus dem Haus. Der Sohn aber ist die Alterversorgung für zwei alte Leute. Eine Umfrage unter Bauern in 31 Provinzen ergab, dass sechzig Prozent der Bauern nur einen Satz Kleidung hatten und dass 67 Prozent sich den Gang zum Arzt nicht leisten können.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: F.A.Z., REUTERS