Von Mark Siemons, Peking
20. Mai 2008 Das Erdbeben hat China verändert. Noch nie wurde so ausdauernd und detailliert über schlechte Nachrichten berichtet; nie wurden in allen Teilen der Bevölkerung so viele Spenden gesammelt; und selten wurde staatliche Symbolik so ernst genommen wie gerade jetzt, da sie sich durch das Halbmastsetzen der Nationalflagge selbst relativiert und ihren Triumphalismus vorübergehend aussetzt. Bei den landesweit verfügten Schweigeminuten erhoben sich die Leute auf der Straße, in den Bussen, in den Geschäften tatsächlich, und ihre Mienen ließen keinen Zweifel daran, dass sie dies, ganz anders als bei den üblichen kollektiven Verordnungen, mit innerer Beteiligung taten. Auf dem Tiananmen-Platz und an vielen anderen Orten brach die Menge danach in den trotzigen Ruf China, gib Gas“ aus, der sonst nur aus Sportstadien bekannt ist.
Unterdessen scheint auch der Inhalt dessen, was China“ bedeutet, nicht mehr der gleiche zu sein. Die Erschütterung über das unvorstellbare Leid der Menschen in der Krisenregion, über das vom ersten Programm des staatlichen Fernsehsenders CCTV rund um die Uhr berichtet wurde, hat die Art des Zusammengehörigkeitsgefühls verändert. Bis jetzt gab es, seitdem der Öffentlichkeit das Nachdenken über die politische Zukunft mit dem Massaker von 1989 aus der Hand genommen worden war, keinen anderen nationalen Bezugspunkt als den wachsenden wirtschaftlichen Erfolg und die Spiegelung in der Außenwelt. Beides sollte seinen Gipfelpunkt in der Selbstdarstellung bei den Olympischen Spielen erreichen, ein Ehrgeiz, der dann durch die Ablehnung des Westens in eine gegen diesen gerichtete Bewegung umschlug. Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Katastrophe kommt dieser Horizont vielen plötzlich nachgerade irreal vor.
Was die Liebe tut
Mitleiden und Hilfsbereitschaft, heißt es jetzt, sollen die Nation ausmachen – nicht das also, was die Chinesen von anderen Menschen trennt, sondern was sie mit ihnen verbindet. Die Liebe führt alle Menschen in China zusammen“ lautete bei CCTV das oft wiederholte Leitmotiv einer vierstündigen Spendengala, bei der bekannte Politbüromitglieder, Schauspieler, Tänzer, Moderatoren und Schriftsteller ihre Geldumschläge überreichten. Ich glaube, unser ganzes Volk ist reifer geworden“, sagte an diesem Abend eine alte Sängerin.
In den Zeitungen und im Internet gehören mit einem Mal Worte wie Katharsis“ und Spiritualität“ zu den am häufigsten gebrauchten Begriffen. In Foren wie Sina.com wird dazu aufgerufen, für die Opfer zu beten – worin sich nicht unbedingt eine spezielle Gottesvorstellung ausdrückt, sondern eher der traditionelle Ahnenkult, der sich mit einem vom Westen übernommenen Sprachgebrauch mischt. Der Himmel hat kein Gefühl, aber wir Menschen schon“, hieß es in Übereinstimmung mit der chinesischen Überlieferung in einem Lied auf der Spendengala.
Das Medium der außergewöhnlichen Erschütterung war die ausführliche und rasche Berichterstattung über das Desaster. Inzwischen ist bekanntgeworden, dass diese Transparenz nur zum Teil beabsichtigt war. Die zentrale Propaganda-Abteilung hatte zuerst die übliche Verfügung erlassen, die lokalen Medien sollten nicht auf eigene Faust berichten und sich an die von der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua und dem Staatssender CCTV herausgegebenen Nachrichten halten. Doch in einem Akt des kollektiven Ungehorsams hatten die Zeitungen, die sich am Markt verkaufen müssen, dieser Anordnung nicht Folge geleistet; die Zensoren fanden sich dann nachträglich damit ab. Die Journalisten sind unter der Leitung der Regierung so schnell wie möglich hingereist“, betonte auf der Spendengala jetzt eine Moderatorin. Politisch sensible Fragen wie der kümmerliche Bauzustand der eingestürzten Schulen kamen freilich auch jetzt in den chinesischen Medien nicht zur Sprache. Aber die Schnelligkeit und die Bereitschaft, akkurat auch negative Neuigkeiten zu melden, hebt die Berichterstattung doch deutlich von der früheren Bunkerungsstrategie ab.
Mehr Offenheit, weniger Chaos
Das Interessante – und für die Zukunft möglicherweise Folgenreiche – ist nun, dass diese neue Offenheit gerade nicht zu dem Chaos führte, das zu verhindern die Zensoren immer als ihr wichtigstes Argument anführen. Während bei dem letzten großen Erdbeben der Obskurantismus der Regierung 1976 zu einem Wuchern des kollektiven Unterbewussten und Spekulationen über den Untergang der Dynastie führte, hat die relative Transparenz und Verlässlichkeit der staatlichen Informationen jetzt die Integration des Landes enorm befördert. Gerüchte erschrecken eine Nation nicht, die über sich selbst reflektieren kann“, kommentierte das der Autor He Bin im Netz.
Was dies nun bedeutet, wird unterschiedlich interpretiert. Stärkt die kollektive Empathie vor allem den Zusammenhalt der Nation oder auch die Zivilgesellschaft? Der Akzent der staatlichen Stellen liegt eindeutig auf Patriotismus: Die chinesische Nation bildet sich neu im Sturm“, hieß es in dem Lied, das die Spendengala eröffnete. Wir hoffen, dass unsere Berichterstattung das Herz der Chinesen einigt“, sagte eine Vertreterin des Staatsfernsehens, das nicht weniger als hundertfünfzig Reporter in die Erdbebenzone geschickt hatte. In seiner Perspektive sind die Medien ein Werkzeug des Staates, um eine nationale Gemeinschaft rund um regierende Partei und Volksbefreiungsarmee herzustellen. Viele der Kunstschaffenden, die es zu Wort kommen ließ, beendeten ihre Ansprache mit dem Welt und Schicksal herausfordernden Ausruf: Ich bin ein Chinese!“
In deutlicher Absetzung davon sagte indessen die Schriftstellerin Zhang Kangkang, sie wolle stolz sein zu sagen: Ich bin eine Bürgerin der Volksrepublik China.“ Es sei sehr gut gewesen, dass die Regierung gleich verlässliche Nachrichten verbreitet hätte: Das hätte alle mit der Katastrophe verbunden und dadurch das Bürgerbewusstsein gestärkt. Ähnliche Kommentare waren letzte Woche im Netz und in den Zeitungen häufig zu finden. Erst lange nach dem Schock von Sichuan wird man wissen, in welcher Richtung sich die Veränderungen dieser Tage auswirken werden.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, REUTERS