Pflanzliche Arzneimittel sind inzwischen in der harten Welt des Pharmageschäfts angekommen. Ihre Unbedenklichkeit gilt nicht mehr als verbrieft. Die Zweifel haben sich an der komplexen Zusammensetzung der Produkte entzündet. Statt eines einzigen Inhaltsstoffs enthalten pflanzliche Zubereitungen ein ganzes Potpourri verschiedenster Ingredienzien. Grundsätzlich kann jeder dieser Inhaltsstoffe die Wirkung eines gleichzeitig verabreichten Medikamentes steigern oder schmälern. Seit spektakuläre Vorkommnisse das Risiko öffentlich gemacht haben, verlangt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn bei der Zulassung pflanzlicher Arzneimittel auch Angaben zu möglichen Wechselwirkungen mit verschreibungspflichtigen Medikamenten. Wie aber kürzlich auf der Jahrestagung der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft in Erlangen berichtet wurde, sind klinisch bedeutsame Wechselwirkungen zwischen pflanzlichen Zubereitungen und verschreibungspflichtigen Medikamenten äußerst selten. Sie konnten nur für zwölf der 180 in Deutschland gebräuchlichen Arzneipflanzen nachgewiesen werden.
Gefährliche Wechselwirkungen sind vor allem vom Johanniskraut her bekannt. Werner Knöss vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte betonte in Erlangen, diese seien so schwerwiegend gewesen, dass man künftig bei der Zulassung eines pflanzlichen Arzneimittels mögliche Interaktionen berücksichtigen müsse. In einem Falle hatte das Johanniskraut zur Abstoßung einer Spenderniere geführt, in einem anderen Fall zur Eskalation einer Aidsinfektion. Derzeit stehen auch noch Pfefferminze, Eukalyptus, Artischocke, Mariendistel, Süßholz, Brennnessel, Gelbwurz, Ginkgo, Knoblauch, Kamille und Herbstzeitlose auf der Verdachtsliste. Knöss verwies darauf, dass die Qualität der weltweit publizierten Daten oft stark zu wünschen übrigließe. Die Zahl der Veröffentlichungen über pflanzliche Präparate sei zwar in den vergangenen Jahren rapide angestiegen, aber häufig fehlten präzise Angaben zu den untersuchten Produkten und den verwendeten Testbedingungen. Ein angemessener Nachweis möglicher Wechselwirkungen bleibe somit schwierig.
Dass sich die im Körper auftretenden Wechselwirkungen zwischen pflanzlichen Arzneimitteln und verschreibungspflichtigen Medikamenten im Labor oft nur unzureichend darstellen lassen, machte Matthias Unger von der Universität Würzburg deutlich. Der Pharmazeut war vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte beauftragt worden, die gängigen, für chemische Wirkstoffe entwickelten Laborverfahren auf ihre Tauglichkeit für Phytopharmaka zu überprüfen. Viele Experimente lieferten falsche oder irrelevante Ergebnisse. Offensichtlich enthalten die pflanzlichen Extrakte eine ganze Reihe von Inhaltsstoffen, die mit den üblicherweise genutzten Nachweisverfahren interferieren. Klinische Studien wiederum fehlen häufig, weil sie für die Hersteller pflanzlicher Präparate - meist handelt es sich um kleinere bis mittelgroße Unternehmen - zu teuer sind.
Wären klinische Studien Voraussetzung für die Zulassung, würden viele Hersteller pflanzliche Präparate nicht mehr als Arzneimittel, sondern als Gesundheitspflege- oder Nahrungsergänzungsmittel vermarkten, befürchtet Hartwig Sievers vom Unternehmen Phytolab in Verstenbergsgreuth. Dies sei gefährlich, denn die Präparate würden dann nicht mehr unter die strenge Kontrolle des Arzneimittelgesetztes fallen, sondern unter das Lebensmittelgesetz.
Die Grenze zwischen pflanzlichen Arzneimitteln und pflanzlichen Lebensmitteln ist fließend, wie Susanne Alban von der Universität Kiel erläuterte. Fenchel wird zum Beispiel sowohl als Gewürz als auch gegen Blähungen verwendet. Pflanzliche Lebensmittel können, wenn sie Gift- oder Bitterstoffe enthalten, das System beeinflussen, mit dem der Körper Medikamente aufnimmt, verteilt und ausscheidet. Bekannt sind solche Interaktionen von Grapefruitsaft, Rotwein, Bienenhonig und schwarzem Tee.
Der Mediziner Volker Schulz aus Berlin vertrat in Erlangen die Ansicht, dass die Konzentration eines verschreibungspflichtigen Wirkstoffs im Körper schon durch die Wechselwirkung mit der täglichen Kost um ein Viertel schwanken könne. Trotzdem trage keines der Lebensmittel einen Warnhinweis. Ein alltagstaugliches Arzneimittel müsse ein solches Auf und Ab verkraften können. Bedenklich sei nur die Wechselwirkung mit solchen Medikamenten, die wie gerinnungshemmende und gegen Viren gerichtete Präparate eine geringe therapeutische Breite besitzen. Solche Arzneimittel müssen präzise dosiert werden, weil sie sonst nicht wirken oder zu starke Nebenwirkungen zeigen.
HILDEGARD KAULEN
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung / Sonntagszeitung vom
24.10.2007, Seite N1
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