GREIFSWALD, im März. Das Knüpfen Freester Fischerteppiche würden wir heute Arbeitsbeschaffung nennen. Im Jahre 1927 erließ die Stettiner Provinzialregierung für drei Jahre ein Fangverbot in der südlichen Ostsee. Die pommerschen Landräte wurden zugleich aufgefordert, den arbeitslosen Fischern zu helfen. Der Greifswalder Landrat kam auf eine originelle Idee: Wer Netze flickt, der kann vielleicht auch Teppiche knüpfen. Die Idee war allerdings nicht ganz neu. Schon nach dem Ersten Weltkrieg war versucht worden, Arbeitslosen das Teppichknüpfen beizubringen. Daraus war aber nicht viel geworden.
Die Geschichte der Fischerteppiche indes wurde ein Erfolg, weil ein Österreicher als künstlerischer Leiter des Unternehmens gewonnen wurde: Rudolf Stundl, aus Wien stammend, hatte auch kaufmännische Erfahrung und einen Blick für das Marketing. Bis Anfang der siebziger Jahre kümmerte er sich um die Teppichherstellung. Da knüpften und webten freilich schon lange nicht mehr Fischer, sondern Frauen. Die Teppiche waren inzwischen kein Ersatz für Arbeit mehr, sondern die Arbeit selbst.
Als Stundl nach Pommern kam, wollte er, dass die neuen Teppiche zur Ostsee passten und zum Alltag der Fischer. Es sollten "Fischerteppiche" werden. Er entwarf die Ornamente selbst. Maritim sollten sie sein, einfach und klar. Fische kamen darin vor, der Greif als das pommersche Symbol, Möwen, Stranddisteln, Anker und Wellen. Auch durfte die Knüpferei die Fischer nicht überfordern. Stundl entschied sich für eine einfache, etwas gröbere Knüpfart und für festes Wollmaterial, das zunächst aus Afrika und später aus der Mongolei bezogen wurde. Er entwarf hölzerne Knüpfstühle, die in die niedrigen Stuben der Katen passten. Gearbeitet wurde zu Hause, aber organisiert waren die Männer in der "Pommerschen Fischer Teppich Heimknüpferei", die in den folgenden Jahrzehnten mehrfach ihren Namen ändern musste, nicht zuletzt wegen der wechselnden politischen Verhältnisse.
Stundl war der Mittelsmann, der von Haus zu Haus ging, das Material und die Entwürfe brachte, die Qualität der Teppiche prüfte und den Verkauf organisierte. Etwa vier Wochen brauchte ein Knüpfer für einen 1,7 Quadratmeter großen Teppich. Dreißig Knüpfer brachten es in den besten Jahren der Freester Fischerteppiche auf hundert Teppiche im Jahr. Der Tapisserist Stundl wohnte in Freest an der Peenemündung, wo auch die meisten Teppichknüpfer-Fischer lebten. Er sollte die Gegend auch nicht mehr verlassen. 1990 starb er, 93 Jahre alt, in Greifswald.
Schon 1929, also nach nur zwei Jahren Arbeit, hatten die Freester Fischerteppiche einen guten Ruf. Stundl setzte auf Verkaufsausstellungen. Bald gab es die ersten öffentlichen Aufträge. Freester Fischerteppiche waren beliebte Gastgeschenke. Sogar im Hamburger Rathaus lag schon bald ein Teppich. Adolf Hitler besaß Fischerteppiche, aber auch Walter Ulbricht und Erich Honecker. Als Anfang der dreißiger Jahre Freester Fischerteppiche in Berlin beim Kaufhaus Wertheim vorgestellt wurden, gab es noch Kritik von nationalistischen Kreisen. In der Zeit der Nationalsozialisten wurden die Fischerteppiche aber als nordische Kunst gefeiert, als "Tausendjährige Volkskunst der pommerschen Fischer", obwohl es sie gerade einmal seit einem halben Dutzend Jahren gab.
In der DDR galten die Fischerteppiche als "sozialistische Volkskunst". Als die "Produktionsgenossenschaften des Handwerks" (PGH) durchgesetzt wurden, suchte man auch nach einer Entsprechung für das Kunsthandwerk. So entstand die PGH "Volkskunst an der Ostsee". Es war die erste dieser Art in der DDR. Nach Stundls Ausscheiden verloren die Teppiche ihre robuste Qualität, was auch mit dem Mangel an Material zu tun hatte. Freester Fischerteppiche wurden zur Allerweltsware. So war auch klar, dass mit dem Ende der DDR der Betrieb auf dem freien Markt nicht überleben konnte.
Bis 1992 wurden noch Fischerteppiche geknüpft. Dann löste sich die Genossenschaft auf. Niemand hatte den Mut, einen Neuanfang zu wagen. Heute entstehen Fischerteppiche nur hin und wieder noch privat. Etwa 8000 Teppiche wurden insgesamt geknüpft. Die Greifswalder Ernst-Moritz-Arndt-Universität besitzt eine eigene Sammlung innerhalb ihrer Teppichsammlung, in welcher das Prunkstück freilich, der 4,46 mal 6,90 Meter große Croy-Teppich, von 1554 stammt und in Stettin gewirkt wurde. Die 23 Fischerteppiche aus dem Universitätsbesitz sind anlässlich von Rudolf Stundls 110. Geburtstag noch bis Ende April im Hauptgebäude der Universität in Greifswald zu sehen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung / Sonntagszeitung vom
20.3.2008, Seite 12
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