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Ein Gespräch mit Orhan Esen, dem Stadtforscher und Soziologen

Istanbuls 11. September war ein Erdbeben

Istanbul wurde beim Marmara-Erdbeben 1999 im Mark getroffen und neu aufgebaut. Offiziellen Angaben zufolge gab es 18 000 Tote, bis zu 38 000 Menschen sollen tatsächlich umgekommen sein. Wird die Erdbebengefahr bei der aktuellen urbanen Transformation verdrängt?

Ja und nein. Das Erdbeben wird bei Entscheidungen im Immobilienkauf nicht verdrängt. Es gibt kaum wichtigere Entscheidungskriterien, vorausgesetzt, dass man sich das leisten kann. Bewusst werden Angstbilder aufgebaut. Das Erdbeben hat eine ähnliche Funktion wie 9/11 in der amerikanischen Politik: Entscheidungen werden über "Bedrohungen" legitimiert. Die Bauwirtschaft versucht mit allen Mitteln, den Norden zu urbanisieren und Autobahnen zu erschließen. Einerseits wird die Zersiedlung des ökologisch sensiblen Nordens, andererseits die Gentrifizierung, die Veredelung des nahe an der Bruchkante gelegenen Südens forciert.

Wie ist das Erdbeben im kollektiven Bewusstsein verankert?

Sehr stark, was Wohnraum anbelangt. Das Dilemma aber ist, dass alle Teile der Stadt bedroht sind, die im Süden liegen. Die Bruchkante der Kontinentalplatten liegt rund zehn Kilometer südlich vom Stadtzentrum im Marmarameer. Die Angst vor Erdbeben schafft eine instinktive Bewegung - weg von der Bruchkante - die gleichzeitig eine Flucht vor Armut ist. Dadurch werden Naturschutzgebiete der Stadt bedroht.

Ist die Verlegung des Finanzzentrums in den Norden ein Beispiel für erdbebensicheres Bauen?

Nein. Schon seit den Achtzigern verlagert sich das Finanzzentrum Richtung Norden. Das hat mit einem gescheiterten Versuch des Bürgermeisters Dalan zu tun, der das Pera-Viertel als City ausbauen und mit Autobahnen erschließen wollte. Das angrenzende Gründerzeit-Viertel sollte abgerissen werden. Nur Widerstand der Bevölkerung konnte verhindern, dass eine deutsche Nachkriegsinnenstadt nachgebaut wird! Das neue Zentrum siedelte sich spontan, ungeplant an. Zwei Autobahnkreuze liegen am Nordrand nebeneinander. Der Innen- und Außenring kreuzen diese Höhenstraße. Der Industriekorridor an der Westseite der Maslak-Straße, wo das neue Geschäftszentrum im Manhattan-Stil entsteht, begünstigt die Erschließung: Rasch wurden für die Pharmaindustrie zu teuer gewordene Liegenschaften in Bürotürme, Shoppingmalls und Wohnanlagen umfunktioniert.

Und damit in hohe Bodenpreise mit entsprechenden Renditen?

Ja. Zwei große Grundstücke wurden im Frühjahr verkauft. Die Preise, die man bezahlt, liegen bei 20 000 Dollar pro Quadratmeter. Das sind derzeit mit Manhattan und der Londoner Innenstadt weltweit die höchsten Immobilienpreise.

Die sich die breite Bevölkerung nicht leisten kann.

Arme Stadtgebiete liegen auf der historischen Halbinsel, am Goldenen Horn und Marmarameer. Sie stellen eine Karte der Armut dar. Bis 1950 bescheidene Viertel der Mittelschicht, griff die Armut ab den Sechzigern Richtung Pera über, einst ein mondän-weltbürgerliches Viertel.

Welche Stadtteile werden transformiert?

Gebiete mit Entwicklungspotential, Zonen, die am Meer, in der Nähe zur osmanisch-byzantinischen Stadt oder an Autobahnknoten und U-Bahnnetzen liegen, erweiterbar sind. Ein Gesetz zur Erhaltung historischer Bauten ermöglicht die "urbane Transformation" von "verslumten" historischen Stadtteilen.

Welches Gesetz ist das, und was besagt es?

Das ist das Gesetz 5366 zur Sanierung von Gebieten mit historischer Bausubstanz, das seit zwei Jahren in Kraft ist. Es gewährt nur Hauseigentümern Rückkehrrecht - nicht aber gegenwärtigen Mietern. Bauunternehmer und Eigentümer schließen sich für diese Luxussanierungen zusammen. Die derzeitige Sanierungspraxis geht mit harten Mitteln vor. Baufirmen gehen nur hin, wenn es potentielle Käufer gibt. Ärmere Bevölkerungsgruppen werden in Randgebiete verdrängt. Das Argument dafür ist, dass Istanbul noch immer eine Stadt mit ausreichend leistbarem Wohnraum ist.

Die sich arme Bevölkerungsgruppen nicht leisten können . . .

Im Vergleich zu anderen Megalopolen ist Istanbul eine immer noch sehr kohärente Stadt. Noch kann man sich als Armer im Zentrum eine Wohnung leisten, sich dort über Wasser halten. In Istanbul kann man sich überall in einen Teegarten setzen und noch Tee für fünfzig Kurus, rund dreißig Cent, trinken und Lebensqualität genießen. Aber mit allen baulichen Maßnahmen werden Menschen in funktional segregierte Gebiete verlagert.

Das Stichwort: weitergereichte Armut.

Zwei Sozialforscher der Middle-Eastern-Technical University haben eine Studie über den Stadtteil Sultanbeyli erstellt, die besagt, dass Migranten, die sich in der Mittelklasse etablieren, ihre Armut an jene weiterreichen, die gerade ankommen. Die sind dann die neuen underdogs und haben große Schwierigkeiten, sich zu integrieren. Armut wird so neu indiziert. Der Begriff ist erweiterbar, da er zweifellos auch auf eine international institutionalisierte Armut zielt.

Istanbul gilt als durchmischte und zugleich sichere Stadt. Sie haben betont, dass Paris viel von ihr lernen könne. Sprechen Sie damit die Unruhen in französischen Vorstädten als Folge versäumter Immigrationspolitik an?

Paris hat lange eine ausschließende Migrationspolitik betrieben. Das ergibt ein explosives Gemisch. Wir sehen heute, dass Istanbul das intuitiv, ohne viel Raumplanung, richtig gemacht hat. Istanbul hat Migranten zu landlords zum Nulltarif gemacht. Diese städtebauliche Politik hatte einen sozial stark integrativen Charakter. Das Post-Gecekondu-Milieu, die anatolische Migrantenszene der letzten Jahrzehnte, heute die neue Mittelklasse, entstand aus eigenen Ressourcen und ist der Gegenpol zum Pariser Vorstadt-Ghetto.

Inwiefern ist "Gecekondu" der Gegenpol zur Pariser Banlieue?

Istanbuler Einwanderer haben ihre Stadt in der Nachkriegszeit selbst aufgebaut, während das Pariser Ghetto für Immigranten geplant wurde. Das besagt nicht, dass es keine Slums gibt. Einige zentrale Armutsgebiete wandelten sich Mitte der Neunziger zu Slums von Spätankömmlingen und Verlierern der ersten Neoliberalisierungswelle um. Der Begriff Gecekondu - die "Über-Nacht-Gelandeten", die in informellen Bauobjekten und Siedlungen leben - meint aber nicht Slum.

Der bauliche Wildwuchs der Gecekondu wird nun verhindert?

Die Möglichkeiten, insbesondere der Nicht-, oder Wenigbesitzenden, sich am öffentlichen Raum selbst zu bedienen und dort Aufenthaltsqualitäten zu produzieren, werden einer vermeintlichen Designqualität im öffentlichen Raum weichen. Harte Maßnahmen schieben sofort eine Segregationsmauer vor. Da, wo Investoren Interesse zeigen, werden fast immer Segregationsräume geschaffen.

Haben Sie ein Beispiel?

Wenn etwa der Bezirksbürgermeister Ünal, der sich als Sozialdemokrat bezeichnet, Politik durch Vermarktungsstrategien ersetzt oder als solche durchsetzt, wird "Qualität" zu einem Defizit. Trifft diese Strategie auf die Bauwirtschaft, die Architekten keinen Freiraum zur Gestaltung lässt, wo Bauunternehmer die Aufgabenstellung für den Architekten beschreiben, werden Probleme geschaffen, die mit "urbaner Transformation" gelöst werden sollen. Ünal will funktionierende urbane Räume. Das ist nicht die richtige Vorgehensweise. Wir haben funktionierende, gut durchmischte Stadträume! Istanbul ist eine "Selbstbedienungsstadt", die ohne Planer entstanden ist. Warum soll man sozialen Raum "bereinigen"?

Um eine Stadt nach europäischem Maßstab zu bauen?

Ja, nach dem Muster der mitteleuropäischen Stadt will man ein neues Istanbul errichten: Je monofunktionaler öffentlicher Raum wird und Stadt- und Familienstrukturen gezüchtet werden, desto europäischer wird man angeblich. So stellt man sich dann Europa vor. Die Errichtung einer europäischen Stadt dient nur der kurzfristigen Ankurbelung unserer Bauwirtschaft. Bevor man etwas ändert, muss man mit Respekt an das herangehen, was Menschen kreiert haben.

Das Gespräch führte Doris Lippitsch.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung / Sonntagszeitung vom 19.10.2007, Seite 46
Alle Rechte vorbehalten. © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH

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