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Der Irak, ein Paradies des Rohöls
Zweitgrößte Reserven der Erde: Schon zu biblischen Zeiten genutzt

Nach Saudi-Arabien verfügt der Irak über die zweitgrößten Rohölreserven der Erde. In Gesteinsformationen aus der Kreidezeit und dem Tertiär wurden unter dem Land bislang Ölvorkommen mit einem Volumen von insgesamt etwa 112 Milliarden Barrel (zu je knapp 160 Litern) nachgewiesen. Im noch weitgehend unerforschten Westen des Landes werden Öllagerstätten mit weiteren 200 bis 300 Milliarden Barrel vermutet. Weil das Öl im Irak zum Teil unter eigenem Überdruck zutage tritt, sind die Förderkosten zudem geringer als in allen anderen Opec-Ländern. Deshalb wird der Irak oft als ein Rohöl-Paradies bezeichnet.

Das Öl im Nahen Osten kommt in zwei verschiedenen geologischen Strukturen vor. Kuweit, Saudi-Arabien und die anderen Staaten entlang der Ostseite der Arabischen Halbinsel gehören zum sogenannten Zentralarabischen Becken. Das meiste Öl lagert dort in Sandsteinen aus der Kreidezeit, die etwa 65 bis 130 Millionen Jahre alt sind. Unter anderem enthält diese Formation das größte Ölfeld der Erde, das Ghawar-Feld im östlichen Saudi-Arabien. Dieser Region ist auch das Burgan-Feld, das größte Ölfeld im Scheichtum Kuweit, zuzuordnen. Unter einem 1250 Quadratkilometer großen Wüstengebiet lagern dort mindestens 66 Milliarden Barrel Rohöl, also zwei Drittel der kuweitischen Reserven.

Die andere wichtige ölhaltige geologische Struktur des Nahen Ostens ist das sich von der Türkei durch den Irak bis nach Iran erstreckende Faltengebirge. Kurdistan befindet sich im Norden dieses Gebirgszuges, der weiter im Süden in das wildzerklüftete Zagrosgebirge übergeht. Am Fuße dieses Bergmassivs wurde schon zu Zeiten des Alten Testaments Öl gefunden. Es sammelte sich in kleinen Tümpeln an der Erdoberfläche. Bereits die Babylonier müssen Komponenten dieses Rohöls als Baumaterial verwendet haben. Im Gilgamesch-Epos ist Bitumen als Dichtungsmasse für die auf dem Euphrat und Tigris verkehrenden Schiffe erwähnt. Außerdem diente das Öl als Brennstoff für Lampen und Fackeln.

Im Gebiet des heutigen Iraks begann man erst Anfang des vergangenen Jahrhunderts, mit wissenschaftlichen Verfahren nach dem Ursprung der legendären Ölquellen zu suchen. Im Jahre 1904 erhielt beispielsweise die Anatolische Eisenbahngesellschaft, die damals die Berlin-Bagdad-Bahn plante, die Genehmigung zur Ölförderung in den Bezirken Mossul und Bagdad. Im Jahre 1912 stieß man bei Qayyara auf Öl. Der eigentliche Ölboom begann allerdings erst ein Jahrzehnt später. Nach einer vergeblichen Expedition an den Fuß des Faltengebirges nördlich von Bagdad unter Leitung des ungarischen Geologen Hugo de Boeckh begann eine Gruppe von Briten und Amerikanern, gut 200 Kilometer nördlich von Bagdad nach Öl zu bohren. Schon in 500 Meter Tiefe wurden sie vor 75 Jahren fündig. Die Gruppe unter Leitung des britischen Geologen T. F. Williamson hatte das Kirkuk-Feld entdeckt, das über lange Zeit größte Ölvorkommen des Iraks. Heute schätzt man, daß es bis zu 16 Milliarden Barrel Rohöl enthält. Das Öl befindet sich in einem kalkigen Speichergestein, dessen Hauptschichten knapp 900 Meter tief liegen.

Durch den Fund ermuntert, begann Williamson den südlichen Teil des heutigen Iraks - dort, wo das Gebirge in das Zentralarabische Becken übergeht - zu untersuchen. Ein Beduine hatte ihm von einem kleinen Tümpel erzählt, in dem angeblich ständig Erdgasblasen aufstiegen. Williamson fand diese natürliche Erdgasquelle zwar nicht, schlug jedoch verschiedene Stellen nördlich und westlich der Stadt Basra als Standorte für Probebohrungen vor. Die Bohrarbeiten wurden allerdings bis nach dem Zweiten Weltkrieg aufgeschoben.

Im Jahre 1953 wurde das von Williamson untersuchte Gebiet westlich von Basra zum erstenmal systematisch mit seismischen Verfahren vermessen. In etwa 3000 Metern Tiefe, so ergab die Auswertung der Messungen, sollten sich angeblich domförmig nach oben gewölbte Erdschichten befinden. Solche Antiklinalen sind oft ein Hinweis auf eine mögliche Öllagerstätte. Probebohrungen führten tatsächlich zur Entdeckung von zwei Feldern, des kleineren Zubair-Vorkommens und des Rumaila-Feldes. Auf geologischen Karten sieht Rumaila wie eine Banane aus. Sie ist allerdings mehr als 70 Kilometer lang und enthält enorme Ölreserven. Die Angaben schwanken zwischen 14 und 30 Milliarden Barrel. Das Öl ruht dabei in einer mehr als 100 Millionen Jahre alten Sandsteinformation.

Kurz nach dem Fund zog die Arabische Liga die Grenzlinie zwischen Kuweit und dem Irak genau durch das südliche Ende des Rumaila-Feldes. Deshalb war es den in Kuweit operierenden Ölgesellschaften nach internationalem Recht erlaubt, ebenfalls Förderbohrungen in das Rumaila-Feld abzuteufen und die darin enthaltenen großen Reserven anzuzapfen. Vor 13 Jahren begründete Saddam Hussein die Annexion Kuweits unter anderem damit, daß dieses Land widerrechtlich das Öl des Rumaila-Feldes abgepumpt habe.

Insgesamt gibt es unter dem Irak 73 bekannte Ölfelder. Dazu gehören 17 sogenannte Riesenfelder, in denen die wirtschaftlich produzierbaren Reserven jeweils eine Milliarde Barrel übersteigen. Der jüngste Fund dieser Art ist die 1975 entdeckte Öllagerstätte von Majnun unmittelbar an der Grenze zu Iran nördlich von Basra. Die Angaben über die darin enthaltenen Reserven schwanken zwischen 20 und 30 Milliarden Barrel.

Die Förderanlagen sind in den meisten irakischen Ölfeldern allerdings in einem äußerst schlechten Zustand. Während des Krieges zwischen Iran und dem Irak, im ersten Golfkrieg und durch die darauffolgenden wirtschaftlichen Sanktionen wurden die Anlagen kaum gewartet und begannen zu verfallen. In nahezu zwei Dritteln aller irakischen Felder wird zur Zeit überhaupt nicht mehr gefördert. Insgesamt sprudeln aus den irakischen Ölquellen nur noch 2,6 Millionen Barrel. Im Jahre 1989, ein Jahr vor dem Angriff auf Kuweit, betrug die Fördermenge noch vier Millionen Barrel. Nach Meinung von Fachleuten dürfte es mehr als zehn Milliarden Dollar kosten, die petrochemischen Förder- und Verarbeitungsanlagen nach dem jetzigen Krieg zu modernisieren.

HORST RADEMACHER


Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.03.2003, Nr. 73 / Seite 40
Bildmaterial: F.A.Z
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