23.02.2012 · Humangenetiker steigen aus: Weil schon Hunderte schlecht fortgebildeter Ärzte in Schnellkursen ein Zertifikat „geschenkt“ bekommen haben, kommt es zum Boykott.
Von Joachim Müller-JungDie Humangenetiker im Land schlagen nach Gesprächen mit der Bundesärztekammer und nach internen Anstimmungen erneut Alarm: Hunderte „wertloser“ Zertifikate seien bereits an Ärzte im Land ausgestellt worden, die diesen offiziell erlauben, humangenetische Beratungen an Patienten und Paaren vorzunehmen – die aber nach Überzeugung der Humangenetiker bei weitem nicht die nötige Qualifikation dafür lieferten.
In einem Offenen Brief an Bundesärztekammerpräsident Frank Montgomery kündigen die Humangenetiker an, die nach dem Gendiagnostikgesetz vorgesehene Fortbildung von Ärzten für die humangenetische Beratung zu boykottieren. „Wir haben daher den Vertretern unseres Faches geraten, sich nicht mehr an den laufenden Qualifizierungsmaßnahmen für die fachgebundene genetische Beratung zu beteiligen und auch keine Prüfungsfragen mehr zur Verfügung zu stellen“, schreibt der Erlanger Humangenetiker André Reis für den Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Humangenetik.
Begonnen hatte der Streit vor einigen Wochen, als die Bundesärztekammer und die Landesärztekammern mit ihren Qualifizierungsmaßnahmen begannen. Viel zu spät, monierten die Humangenetiker. Als dann die Kammern statt der von der Gendiagnostik-Kommission vorgesehen Fortbildung bestehend aus einem 72-stündigen theoretischen und einem fünf bis zehn Stunden praktisch-kommunikativen Teil abwichen und stattdessen eintägige „Refresherkurse“ und Online-Qualifizierungen anboten, platzte der Humangenetik-Fachgesellschaft der Kragen.
Sie publizierte eine offizielle Stellungnahme, in der angedroht wurde, die eigenen Leute als Ausbilder von der vor allem für Gynäkologen wichtigen Maßnahme abzuziehen.
Nach der Veröffentlichung in der FAZ kam es zwar zu Gesprächen zwischen Ärztekammern und der Fachgesellschaft. Doch die führten offensichtlich ins Leere.
An der „desaströsen Vergabepraxis“ und den „eklatanten Missständen und Versäumnissen“ bei der Zertifikatvergabe habe sich nichts geändert, schreibt die Humangenetik-Gesellschaft. In dem Brief an Ärztekammer-Präsident Montgomery heißt es: „Eine Ausgabe von Persilscheinen für die genetische Beratung im Rahmen der prädiktiven und invasiven pränatalen genetischen Diagnostik ist diametral zu unseren Interessen, die Versorgung der Bevölkerung mit qualifizierter genetischer Beratung zu garantieren.“
Arztvorbehalt
Kurt Michler (Kurt.Michler)
- 24.02.2012, 10:28 Uhr
Joachim Müller-Jung Jahrgang 1964, Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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