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Video-Filmkritik Kleine Krisen am Heiratsmarkt: „Brautalarm“

20.07.2011 ·  Dieser Film hat alles, was eine große Komödie braucht: Slapstick, Präzision und Herzensintelligenz. Das ist vor allem der Hauptdarstellerin Kristen Wiig zu verdanken.

Von Bert Rebhandl
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Aus der Komödie „Knocked Up“ („Beim ersten Mal“) von Judd Apatow ist vielen Fans eine Szene besonders in Erinnerung geblieben. Katherine Heigl, der blonde Star des Films, spielt darin Alison, die Angestellte eines Fernsehsenders, die zu ihrem Boss gerufen wird. Der macht ihr ein tolles Angebot: Sie soll künftig vor die Kamera, sie muss nicht länger an einem Schreibtisch versauern. Die Sache hat nur einen Haken, und diese Einschränkung formuliert die Kollegin, die bei diesem Gespräch auch noch am Tisch sitzt. Alison muss nämlich abnehmen. Allerdings kann man dies von einer Angestellten aus rechtlichen Gründen nicht ausdrücklich verlangen, und so übernimmt es die Kollegin, diese unangenehme Tatsache so unpeinlich und unumstößlich wie möglich zu vermitteln.

Diese denkwürdige, zugleich unfehlbar höfliche und unheimlich fiese Kollegin spielte Kristen Wiig. Dem amerikanischen Publikum war sie damals schon bestens bekannt, schließlich ist sie seit Jahren ein Star der Truppe von „Saturday Night Live“, die mit ihrer Comedy-Show immer neue Generationen von Komikern hervorbringt. Kristen Wiig hat für SNL so unterschiedliche Figuren wie Björk oder Nancy Pelosi verkörpert, ganz besonderen Eindruck aber macht sie als „Target Lady“, eine zur Überidentifikation neigende niedrige Angestellte in einem Warenhaus.

In der Logik einer Mainstream-Komödie, die „Knocked Up“ bei allem schrägen Witz doch war, blieb für eine Darstellerin wie Kristen Wiig nur die qualifizierte Nebenrolle, das clevere Cameo neben der strahlenden, oft aber auch ein wenig eindimensionalen Katherine Heigl. Nun aber hat Kristen Wiig das ewige Nachsehen der klugen Brünetten auf beeindruckende Weise in einen Vorteil verwandelt: In der Komödie „Brautalarm“ („Bridesmaids“) spielt sie Annie, eine Frau, die man im 19. Jahrhundert noch als „spätes Mädchen“ bezeichnet hätte, während sie 2011 schon fast zu den „Cougars“ zu zählen wäre, den in der Männerwelt wildernden „Berglöwinnen“.

Vier Frauen - vier Klischees

Doch Annie ist weder das eine noch das andere. Sie hat nur einfach Pech in der Liebe, und in dieser Situation ist nichts tröstlicher als eine gute Freundin. So bricht eigentlich eine Welt zusammen, als Lillian (Maya Rudolph) ihr eröffnet, dass sie heiraten wird. Bis zum großen Fest gibt es eine ganze Reihe von traditionellen Terminen zu absolvieren, und dabei fällt Annie die wichtigste Rolle zu. Sie wird zur „Maid of Honor“ bestimmt, ihr obliegt es, das alles zu organisieren.

So wird sie unvermutet - denn den Erwählten bekommen wir nur flüchtig zu Gesicht - zur Vorsitzenden einer Frauengruppe, die sehr heterogen ist (wie das eben so ist, wenn zwei Familien mit ihren Verzweigungen zusammenkommen): Becca, Megan, Helen, Rita. Helen (Rose Byrne) müsste man wohl als „Zicke“ bezeichnen. Ferner sind da noch eine abgebrühte Ehefrau und Mutter, eine junge Unbedarfte und ein Sonderfall in Gestalt von Megan (Melissa McCarthy), die gar nicht zu bemerken scheint, dass sie dem gängigen Schönheitsideal überhaupt nicht entspricht. Megan ist diejenige, die offensiv mit sich im Reinen zu sein scheint.

Das bekannte Zeremoniell

Der Weg zur Hochzeit verläuft nach einem strengen Protokoll, bei dem sich eine Veranstaltung an die andere reiht. Zu den Höhepunkten zählt der „Bridal Shower“, eine große Beschenkung der Braut, und natürlich der Junggesellinnenabend, bei dem alles um den geeigneten Rahmen für die angesagte Entgrenzung geht. „Bridesmaids“ folgt also einer vertrauten Dramaturgie, geläufig aus unzähligen Filmen und Fernsehserien, die auf ein weibliches Publikum zielen und diesem Gelegenheit zur seufzenden Identifikation bieten. Doch von „Sex and the City“ ist dieser Film so weit entfernt wie New York von Milwaukee, wo „Bridesmaids“ spielt - in einem Mittleren Westen, der hier wie der Inbegriff des weißen Amerika wirkt, also auch ein wenig wie eine Insel in einem komplizierten Gesellschaftsgefüge.

Die Komik in „Bridesmaids“ ist eine vielfache, und sie erwächst aus der Verschiedenheit der Frauenfiguren und aus der Tatsache, dass sie unweigerlich in einem Konkurrenzverhältnis zueinander stehen. Der Heiratsmarkt verschärft die natürlichen Ungleichheiten, dementsprechend dringlicher wird das Bemühen, sich von diesem Markt nicht verdrängen zu lassen. Eine Gesellschaft von Brautjungfern bildet denn auch so etwas wie einen Chor zu dem ewigen Geschehen der Objektwahl, das allerdings in einer radikal individualistischen Gesellschaft wie der amerikanischen zu einem fast schon unmöglichen Projekt geworden ist. Umso mehr wird sie zelebriert, wenn sie denn einmal getroffen wird.

Mehrere großartige Duelle

Von dieser Überkompensation gibt „Bridesmaids“ einen fast schon schmerzlichen Eindruck. Die Frauen müssen eine Menge leiden auf diesem Parcours zum Glück. Sie stehen damit in der Tradition klassischer komischer Helden, die unser Mitgefühl auch durch Ungemach verdienen. Es gibt eine lange Szene auf einem Flug nach Las Vegas, die beinahe wie eine Sitcom-Episode innerhalb des Films wirkt und die selbstverständlich mit einem Eklat endet.

Es gibt mehrere großartige Duelle zwischen Kristen Wiig und Rose Byrne, die schließlich beim Anprobieren der Hochzeitsgarderobe ihren Höhepunkt erreichen: Annie hat die Truppe zuvor noch in ein brasilianisches Lokal geführt, dort haben sich die Frauen eine Lebensmittelvergiftung geholt, mit deren Symptomen die anderen längst panisch die einschlägigen Örtlichkeiten aufgesucht haben. Nur Annie, die sich hier wie auch sonst ihr Unglück nicht anmerken lassen will, steht tapfer da und lässt sich von Helen (die natürlich nichts gegessen hat) sogar noch ein Bonbon in dem Mund schieben.

Eine „leading lady“ der Komödie

Das ist Slapstick in Reinkultur, zugleich wunderbar gespielt, und es verweist darauf, dass Kristen Wiig hier ein großer Sprung gelingt, an dem schon viele gescheitert sind: Sie schafft es, sich tatsächlich von ihrer Fernsehvergangenheit zu lösen. Was sie hier leistet, als Autorin, als Star, als Integrationsfigur des ganzen Films, das lässt sie zu einer echten „leading lady“ werden, die ihre männlichen Pendants (Adam Sandler, Jim Carrey) vergleichsweise beschränkt in ihrem Rollenbild wirken lässt.

Und man muss sich nur noch einmal vor Augen führen, wie verloren zum Beispiel Tina Fey bei dem Versuch wirkte, ihren Ruhm aus „Saturday Night Live“ (sie spielte in zahlreichen Sketches im Wahlkampfjahr 2008 Sarah Palin) und aus der Serie „30 Rock“ in eine Hollywood-Hauptrolle zu übertragen: In „Date Night“ wirkte sie ungelenk, fast konnte man ihr ansehen, wie ihre Intelligenz in diesem Star-Vehikel unterfordert wurde, das ganz von den Kurzschlüssen geprägt war, die so oft bei dem Begriff „Synergien“ entstehen.

Mehr als ein Feuerwerk an Gags

Dass „Bridesmaids“ den Comediennes ein viel besseres Forum eröffnet, hat sicher auch mit dem professionellen Umfeld zu tun, das Judd Apatow geschaffen hat. Der Regisseur („Funny People“) und Produzent („Superbad“) ist längst einer der größten Ermöglicher in der amerikanischen Filmindustrie geworden. Seine Bedeutung für das Komödien-Genre ist mit der von Steven Spielberg für die Blockbuster zu vergleichen. Doch Apatow sucht nicht einfach Adepten für die immergleiche Formel, er ist an Vielfalt und Idiosynkrasie interessiert, und so entstehen ständig wechselnde Verwertungslogiken, insgesamt zumeist relativ billige Filme, in denen Figuren aus dem zweiten Glied nach vorn treten können und eine Vielzahl komischer Talente ständig neue Verbindungen eingeht.

So kam Kristen Wiig bei „Bridesmaids“ mit Regisseur Paul Feig zusammen, der in den neunziger Jahren die Fernsehserie „Freaks and Geeks“ erfand, aus der zum Beispiel James Franco und Seth Rogen hervorgingen. Die Serie kam über eine Staffel nicht hinaus, gilt heute aber als ein wichtiges Bindeglied zwischen der Fernsehwelt und dem Archipel Apatow, der sich im Kino etabliert hat. Feig bringt eine im Fernsehen unerlässliche Präzision in die Arbeit, bei ihm sitzt jeder Schnitt perfekt, er lässt dem Handwerk aber Raum zur Entfaltung: Der Film ist mehr als zwei Stunden lang, was für dieses Format ungewöhnlich ist, woran man aber auch erkennen kann, dass es um mehr geht als nur um ein Feuerwerk an Gags.

Herzensintelligenz als entscheidende Zutat

Die Figuren bekommen hier Zeit, sich zu profilieren, und so ist dann eben auch noch Zeit für eine der bezauberndsten Liebesgeschichten seit langem. Sie hat mit dem Verkehrspolizisten Nathan Rhodes zu tun, gespielt von Chris O'Dowd, der in der Serie „The IT Crowd“ viele Anhänger fand und auch schon für das nächste Judd-Apatow-Projekt verpflichtet wurde. Eher blass bleibt hingegen Jon Hamm, der Beau aus der Serie „Mad Men“, der bei seinen Filmprojekten bisher eher fremdelte.

Im alten Hollywood waren die Genres recht konventionell nach Geschlechtern getrennt, es gab Filme für Männer, und es gab „women's films“. Aber auch damals war die Komödie schon der Ort, an dem diese Ordnung aufgemischt wurde. Frauen konnten hier so stark wie Männer sein und Männer so kompliziert wie Frauen. Daran wird man unweigerlich denken müssen, wenn es um die Würdigung von „Bridesmaids“ geht. Denn hier geschieht im Grunde zweierlei: Kristen Wiig und ihre Gefährtinnen erlösen das Jungsuniversum von Judd Apatow aus seiner geschlechterpolitischen Einseitigkeit. Die „Funny People“ sind nun nicht mehr nur, wie in Feigs programmatischer Serie, „Freaks and Geeks“. Und zugleich öffnen sie das Universum der konfektionierten Frauenserie für das emotionale Register der klassischen „women's films“. In der Figur von Annie steckt auch eine melodramatische Heldin, und diese Spannung ist es, die zu einer sehr lustigen Komödie noch diese andere Dimension hinzufügt, die einen großen Film erst komplett macht: Herzensintelligenz.

Ab Donnerstag im Kino

Quelle: F.A.Z.
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