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Landplage Eine kleine Ökonomie der Wildschweinjagd

16.12.2008 ·  Das Schwarzwild wird zur Plage, die Kosten sind immens. Eigentlich müssten mehr Tiere abgeschossen werden. Doch das lohnt sich erst, wenn der Appetit auf Wildschwein steigt.

Von Winand von Petersdorff
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Man könnte vermuten, dass das Fass überlief, als am 28. September dieses Jahres kurz vor 13 Uhr ein Wildschwein durch die geschlossene Tür des Rex-Kinos in der Rüsselsheimer Innenstadt brach. Das Schwein gehörte zu einer Rotte, die die Opelstadt in wilder Flucht vor Polizisten durchquerte. Zum blutigen Showdown kam es am Kinoparkplatz. Die Polizei streckte dort fünf Tiere mit 100 Schuss nieder. Als Kollateralschaden sind die zerstörte Heckscheibe eines parkenden Autos und drei Einschusslöcher in einer Hauswand zu vermelden. Außerdem hat sich eine ältere Dame sehr erschreckt, als flüchtende Schweine an ihr vorbeistoben: Sie fiel hin und verletzte sich leicht.

Das ist ein besonders bemerkenswertes unter zahllosen Wildschwein-Ereignissen der letzten drei Monate. Inzwischen hat allerdings jeder eine Schweinestory zu bieten: Vom Besuch einer Sau in einem evangelischen Gemeindehaus in Frankfurt, von Verwüstungen in Berliner Schrebergärten, von Karambolagen auf einer Schnellstraße zwischen Darmstadt und Aschaffenburg, von Zusammenstößen mit Zügen auf der Rheinstrecke und von der Zerstörung der Eisweinernte der Winzergenossenschaft Altenahr geht die Kunde.

Nie gab es so viele Wildschweine wie jetzt

Die Wildschweine haben sich zu einer Landplage ausgewachsen. Wildbiologen verfügen über statistische Daten, die bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückreichen. Sie kommen zum Schluss, dass es nie so viele Wildschweine in deutschen Wäldern, auf Wiesen und Auen gab wie jetzt. Einen zuverlässigen Hinweis über die Größe der Population gibt die Zahl der niedergestreckten Tiere. 477 000 Wildschweine haben Jäger zwischen Anfang April 2007 und Ende März 2008 erschossen, das sind rund 66 Prozent mehr als im Jahr davor. Aus den Jagdverbänden kommt der Hinweis, dass es im Jagdjahr 2008/2009 noch einmal deutlich mehr werden.

Wildschweine hatten es warm in den letzten Wintern. Sie fanden genug zu essen auf den Mais- und Getreideäckern und an den Futterstellen. Und sie hatten Deckung vor allem in den Maisfeldern. Sind Umstände so günstig, dann entfalten die Tiere eine Populationsdynamik, die der von Wühlmäusen entspricht.

Wechseln sich zwei fette Jahre, in denen die Schweine genug zu essen finden, mit einem mageren Jahr ab, bleibt die Population konstant in einem 20-Jahres-Zeitraum. Gibt es aber in der Zeitspanne keine mageren Jahre, verzehnfachen sich die Bestände. Aus 200 Wildschweinen im Wienerwald werden bis zu 2000, haben österreichische Wildbiologen mit mathematischen Modellen herausgefunden. Die Realität bestätigt dieses Modell nun.

Hauptgefahr ist die Ausbreitung von Schweinepest

Wildschweine können Kosten erzeugen, die in die Milliarden gehen. Hauptgefahr ist die Ausbreitung von Schweinepest. Viele Wildschweine sind infiziert und können Hausschweine anstecken. Mit Impfprogrammen wird versucht, die Gefahr einzudämmen. Das Wild provoziert Unfälle mit hohen Schäden und es zerstört Ernten.

Das macht die Frage so virulent: Wie managen wir die Bestände? Erschießen ist die naheliegende Variante. "Das Problem bekommen Sie nur durch hohen Jagddruck in den Griff", sagt der Wiener Wildbiologe Walter Arnold.

Es klingt trivial. Aber das ist tatsächlich die Schlüsselfrage, wenn man die Bestände in den Griff bekommen will: Wie trägt man die Waidmänner zum Jagen? Die meisten sind Hobbyjäger mit begrenzten Zeitbudgets. Sie müssen animiert werden, häufiger in ihre Reviere zu gehen.

Einen echten Motivationsschub bringen Erfolgserlebnisse. Jagdglück. Genauer: Das Verhältnis von Zeitaufwand und Blattschuss. Die Wildforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg hat gemessen, wie lange der Jäger im Schnitt lauert, bis er ein Tier erlegen kann: 30 Stunden an Futterstellen, die eigens für die Wildschweine angelegt wurden (Kirrungen). Im Schnitt 60 Stunden an Stellen, an denen die Sauen früher schon gehaust haben. Das ist viel Zeit in zumeist kühlen Abendstunden.

Rund 20 Mannstunden kostet es, bis eine Sau erlegt ist

Erfolgreicher und zugleich viel aufwendiger sind Drückjagden über mehrere Reviere hinweg. Dafür jagen Treiber und Hunde durchs Unterholz, während Jäger an günstigen Stellen lauern. Rund 20 Mannstunden kostet es, bis eine Sau erlegt ist, ermittelten Wildforscher. Immer häufiger bemühen sich Forstämter und Jagdvereinigungen um solche Jagden.

Das nächste Problem des effizienten Wildmanagements liegt darin, dass nicht jedes abgeschossene Tier den Bestand verkleinert. Keiler (ausgewachsene männliche Wildschweine) zu erlegen, bringt wenig bis gar nichts. Es reichen wenige, um die Nachfolge zu sichern. Alte dominante weibliche Tiere, die Leitbachen, zu töten, schadet sogar. Die Leitbachen sorgen dafür, dass die jungen Schweine nicht zu früh begattet werden. Deshalb sollen vor allem Jungtiere und Frischlinge geschossen werden. Das behagt den Jägern nicht und bringt keine Trophäen.

Gewünscht ist ein gezielter Abschuss, um die Menge der Tiere regulieren zu können. Aber im jagdlichen Alltag schießt der Jäger das Tier, das er im Dämmerlicht am besten treffen kann. Gewehre mit Nachtzielgeräten, die das Restlicht bündeln und das anvisierte Wild sichtbar machen, sind nach deutschem Jagdrecht verboten.

Der Deutsche isst nur 800 Gramm Wild im Jahr

Ein handfestes Motiv für die Jagd ist Prävention: Tote Tiere können nicht in Maisfeldern, Wiesen und Weinbergen randalieren. Für den Jagdpächter ist das selbst dann ein ökonomischer Anreiz, wenn er keine bedrohten Äcker hat. Denn gewöhnlich sehen die Pachtverträge vor, dass der Pächter eines Jagdreviers für die Wild- (schwein)schäden geradesteht. Das Wildschadenrisiko - fünfstellige Beträge sind möglich - hält aber inzwischen selbst passionierte Waidmänner ab, Reviere mit Getreide- und Maisfeldern zu pachten. Die Besitzer haben Probleme, Pächter zu finden, wenn sie sich nicht freiwillig am Risiko beteiligen.

Das ökonomische Kalkül ginge besser auf, wenn Jäger und Revierbesitzer für das Wildbret gute Preise erzielen würden. Preise hängen am Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Der Deutsche Jagdschutz-Verband versucht mit Marketing, die Lust auf Wildschwein zu stimulieren. Hans-Dietrich Genscher war probeessen, Angela Merkel hat ihrem Gast George Bush das Schwein am Spieß serviert, und manche Frankfurter Szenerestaurants wie das "Wanners" haben Wildschweinwürste auf der Karte. Forstämter vermarkten in ihren Läden nicht nur Wild, sondern auch Rezepte. Der Kunde zögert. Der Deutsche isst seit Jahren nur 800 Gramm Wild. Im Jahr.

Das Angebot steigt gleichzeitig dramatisch. Nach manchen Drückjagden finden sich kaum Händler, die 100 oder mehr Tiere mitnehmen können und wollen. So wird das Geldverdienen schwer.

Wildschweinlexikon

Bache. Das weibliche Wildschwein ab dem dritten Lebensjahr. Sie leitet die Rotte.

frischen. Das Gebären der Wildschweine

Frischling. Junges Wildschwein

Haderer. Eckzähne im Oberkiefer des Keilers

Keiler. Das ausgewachsene männliche Wildschwein ab dem dritten Lebensjahr. Sie sind Einzelgänger und suchen die Wildschweinrotten nur auf, um sich zu paaren.

Kessel. Die Lagerstätte einer Wildschweinrotte

Kirrung. Das Ausbringen von Futter, um Schwarzwild anzulocken und zu schießen.

rauschen. Begatten

Saubart. Zum Hutschmuck gebundene Borsten

Überläufer. Weibliches und männliches Schwarzwild im Alter von ein bis zwei Jahren

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Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.

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