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Graffiti-Forschung Lucifer war hier

07.05.2010 ·  Graffiti gibt es, seit es Wände gibt. Wer sie anbringt, will etwas mitteilen oder seine Kumpel beeindrucken. Und liefert mit seinen „inoffiziellen Botschaften im öffentlichen Raum“ nebenbei der Graffiti-Forschung wertvolles Material.

Von Tilman Spreckelsen
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Der Kampf gegen Ratten gehört so selbstverständlich zu den Aufgaben einer Stadtverwaltung wie der Kampf gegen Vandalismus. Schön, wenn man beides in einem Aufwasch erledigen kann, werden sich die Männer von der Stadtreinigung Melbourne gedacht haben, als sie jüngst in der dortigen Hosier Lane mit grauer Farbe ein Graffito übermalten, das eine Ratte zeigte. Dass sie damit ein Kunstwerk vernichteten, war ihnen nicht klar - wie auch? Sie dürften nicht die Einzigen sein, die den Graffiti-Künstler mit dem Pseudonym „Banksy“ nicht kannten, für dessen Arbeiten auf dem Kunstmarkt sechsstellige Beträge erzielt werden. Aber sie wussten, dass die Hauswand in der Hosier Lane, anders als viele in der direkten Nachbarschaft, nicht zum Besprühen freigegeben war.

Kompliziert wird die Sache dadurch, dass Banksys schon 2003 entstandene Ratte in den vergangenen sieben Jahren durch die Stadtverwaltung ausdrücklich geduldet worden war. Melbourne versteht sich als Hochburg künstlerischer Graffiti, und viele Touristen besuchen das Viertel, in dem sich die Hosier Lane befindet, wegen der dort massenhaft anzutreffenden Street Art. Umgekehrt gehört es offenbar zu Banksys Selbstverständnis, eben nicht eine Fläche zu besprühen, auf der das erlaubt ist - sondern eine, auf der sein Werk Anstoß erregt.

Suche nach Grenzerfahrungen

Wer das verstehen will, findet Hilfe bei der Graffiti-Forschung. „Es gibt zwei Schienen“, sagt Norbert Siegl, der Gründer und Leiter des Wiener „Instituts für Graffiti-Forschung“ (ifg): „Die eine Schiene ist die der künstlerischen Ambition, die andere ist die der pubertären adoleszenten Destruktion. Beides findet man gleichermaßen in der Spraydosenkultur.“ Siegl, der seit 35 Jahren Graffiti erforscht, verweist unter anderem auf das „subversive Potential“ im Bereich der Sprayer-Kultur, „das nicht mehr mit Botschaften arbeitet, sondern an sich subversiv ist und davon lebt, irgendetwas zu hinterlassen, was einerseits als lästig empfunden wird und andererseits die Menschheit ein bisschen vor ein Rätsel stellt“.

Vielleicht macht Banksy auch deshalb bis heute ein Geheimnis aus seiner wahren Identität. Es gilt allerdings als sicher, dass er die dreißig schon überschritten hat. Damit wäre er unter den Sprayern, die den Anreiz für ihr Werk aus der Illegalität beziehen, ein absoluter Sonderfall, schreiben Falko Rheinberg und Yvette Manig in ihrer „induktiven Anreizanalyse“ unter dem Titel „Was macht Spaß am Graffiti-Sprayen?“ (Report Psychologie 4/2003). Die Potsdamer Psychologen halten fest, dass die Suche nach Grenzerfahrungen und Anerkennung in der Szene unter den sprayenden Teenagern mit steigendem Alter signifikant abnimmt: „Da dies die wichtigsten Anreize des illegalen Sprayens sind, dürfte dieser alterskorrelierte Anreizverlust erklären, warum es kaum illegale Sprayer gibt, die älter als 21 Jahre sind.“ Umgekehrt spiele der Reiz des Illegalen unter den Jüngeren aber eine derart bedeutende Rolle, dass der Versuch nach Ansicht der Autoren sinnlos ist, „illegales Sprayen dadurch zu verhindern, dass man Gelegenheit zum legalen Sprayen bietet“. Zumal viele, die auf den Fragebogen der Forscher antworteten, sowohl legal als auch illegal sprayen, je nach Fläche und Gelegenheit.

“Lucifer und Primigenius waren hier“

Die jeweilige Motivation der Urheber ist ein beliebtes Thema der Graffiti-Forschung, doch die Vielfalt der Perspektiven, unter denen die Wandgemälde und -inschriften betrachtet werden, ist bedeutend größer. Neben Psychologen beschäftigen sich Kunsthistoriker, Medienwissenschaftler und Linguisten mit Graffiti, Soziologen und Volkskundler tragen das Ihre bei - und natürlich Archäologen.

Denn als man im 18. Jahrhundert begann, die 79 nach Christus verschüttete Vesuvstadt Pompeji auszugraben, kamen dabei bis heute auch einige tausend Wandkritzeleien und -karikaturen ans Licht. Weil sie spontan entstanden sind, nicht auf Dauer berechnet und in der Regel ohne den geringsten künstlerischen Anspruch, geben sie einen Einblick in den römerzeitlichen Alltag wie kein anderes Zeugnis sonst. Ans Licht kamen Liebesschwüre (“Marcus liebt Spendusa“) und Weisheiten (“Nichts kann ewig dauern“), Beleidigungen (“Albanus ist ein Knabenschänder“) oder schlichte Markierungen des Terrains (“Lucifer und Primigenius waren hier“) und die unvermeidlichen Darstellungen von Gladiatorenkämpfen.

Eine Sache der unteren Schichten

Mit der Zeit wurden die Archäologen aufmerksam auf die Graffiti anderer historischer Gebäude, von den ägyptischen Pyramiden bis zu den Mayatempeln. Der nächste Schritt war die Überlegung, dass das, was da aus großer zeitlicher Distanz hochinteressant erscheint, auch als Gegenwartsphänomen einige Beachtung verdiente, zumal sich bestimmte inhaltliche Konstanten über diese Distanz hinweg zeigten: Ganz ähnliche Beleidigungen, Sinnsprüche und Grüße wie in Pompeji lassen sich auch auf heutigen Wänden finden, von den Botschaften, wer wann an welchem Ort gewesen ist, ganz abgesehen.

„Damals wie heute“, sagt der Althistoriker Angelos Chaniotis, der die Inschriften der kleinasiatischen Stadt Aphrodisias untersucht hat, waren Graffiti „vor allem eine Sache der unteren Schichten, der Außenseiter, der für eine Ideologie, eine Mannschaft oder eine Partei Begeisterten. Sie waren keine Sache der Elite, der intellektuellen Oberschicht.“ Begünstigt wird das, weil Graffiti ein leicht zugängliches Medium geblieben sind: „Jeder kann mitmachen, der Zugang zu einem Baumarkt hat“, sagt der Berliner Kunsthistoriker Friedrich Weltzien, und daher seien Graffiti besonders an sozialen Brennpunkten so häufig anzutreffen.

Anfänge der „Grünen“ eng mit Graffiti verbunden

In seinem jüngst erschienenen Essay „Der verwunderte Mauerzeitungsleser“ beschreibt der deutsch-georgische Autor Giwi Margwelaschwili seine Irritation angesichts platter politischer Forderungen, die irgendjemand an die Wände in der Nachbarschaft des Berliner Autors gesprüht hat, und überlegt, in welcher Weise die ein- oder ausgrenzende Tendenz verbreiteter Sprüche wie „Ausländer raus!“ oder „Berlin muss deutsch bleiben“ ästhetisch mit dem Trägermedium, also der Mauer, korrespondiert. „Es werden vor allem jene politischen Botschaften über Graffiti verbreitet, die kein anderes Medium zur Verfügung haben“, sagt auch Norbert Siegl vom ifg. Das seien nicht nur Anarchisten, Links- oder Rechtsextremisten, sondern auch „finanzschwache Bürgerinitiativen“ - so seien die Anfänge der „Grünen“ eng mit dem Medium Graffiti verbunden.

Wenn es aber Graffiti schon immer überall gegeben hat und geben wird, wenn die thematische Bandbreite so groß ist und zudem gleichermaßen Texte wie Bilder und gar deren Kombination umfasst - wie will man dann zu einer sinnvollen Definition des Gegenstandes kommen? Zunächst einmal, sagt Norbert Siegl, seien Graffiti „inoffizielle Botschaften im öffentlichen Raum“. Um die einzelnen Graffiti zu klassifizieren, hat er in seinem 1996 gegründeten Institut das sogenannte „Wiener Modell“ entwickelt: Es hält für jedes der empirisch erhobenen Beispiele - soweit ermittelt - den Entstehungs- wie den Erhebungszeitraum fest, bezieht die Herkunftsregion sowie Alter, Geschlecht und soziale Zugehörigkeit des Urhebers mit ein, die Physis des Graffitos (Trägermaterial, Ausführung) und dessen Größe, ordnet das Werk thematisch ein und fragt schließlich nach den vermuteten Absichten des Urhebers sowie nach dem konkreten Umfeld des Graffitos: Antwortet es vielleicht auf ein bereits vorhandenes?

Geschlechtstypische Toilettengraffiti

Im Laufe der Jahre haben Siegl und seine Kollegen ein Fotoarchiv mit über 80.000 Graffiti zusammengetragen und verschlagwortet. Doch neben der Empirie steht die Deutung des Materials. So untersuchte Siegl schon in der Diplomarbeit seines Psychologiestudiums „geschlechtstypisches Kommunikationsverhalten am Beispiel von Toilettengraffiti“. Das machte Schule. Bis heute gibt es eine Vielzahl von ähnlich gelagerten Studien, in denen jeweils eine bestimmte Toilette oder die Toiletten eines Gebäudes auf Graffiti hin untersucht worden sind.

Natürlich hat diese Konstellation für die damit befassten Wissenschaftler einiges zu bieten: Das Terrain ist überschaubar, zudem hat man es bei den Urhebern je nach der gewählten Toilette entweder nur mit Frauen oder nur mit Männern zu tun - und wenn das Klo dann noch in einem Gebäude ist, das von einer homogenen sozialen Gruppe wie Anglistikstudenten oder Bankangestellten besucht wird, scheint es noch leichter zu fallen, valide Aussagen zu treffen.

Lieber Lyrik als Witze

Zum Beispiel solche: „Das Gesamtergebnis betrachtend ist das beliebteste Thema beider Geschlechter eindeutig die Sexualität. Bei den Männern folgen dicht darauf Themen zur Politik, wobei die Frauen an zweiter Stelle die Themen rund um die Liebe bevorzugen“, beobachtete vor zehn Jahren die Kölner Studentin Andrea Jakobs auf diversen Toiletten ihrer Stadt: „Während auf den Frauentoiletten vermehrt emotionale Regungen zum Ausdruck gebracht wurden, stellte ich auf den Herrentoiletten eher eine von Witzen untermauerte Oberflächlichkeit fest.“

Falls sich das empirisch erhärten lässt, bliebe noch zu klären, ob man den Befund als Bestätigung des üblichen Klischees deutet - oder ob man nicht doch das besondere Medium stärker in seine Überlegungen mit einbeziehen sollte: Ist es nun das Anzeichen einer schönen Seele, wenn man lieber Lyrik als Witze auf Klokacheln pinselt? Wie aussagekräftig ist das, was in dem jeder Kontrolle entzogenen Raum der Toilette geschieht, für die Welt jenseits der Klotür?

Interaktionen zwischen den Autorinnen

Ein knappes Jahrzehnt nach Jakobs hat die Basler Linguistin Christina Cuonz in norwegischen und britischen Universitätstoiletten Feldforschung betrieben. Sie kommt zu ähnlichen Ergebnissen wie Jakobs, was den Inhalt der Klosprüche angeht, betont aber noch einen weiteren Punkt: Offensichtlich neigen Frauen viel stärker zum schriftlichen Dialog an der Toilettenwand als Männer, indem sie auf frühere Einträge reagieren.

Auch Katrin Fischer, deren medienlinguistische Bonner Magisterarbeit sich einigen Damentoiletten ihrer Universität widmete, beschreibt, in welchem Maß es zu Interaktionen zwischen den Autorinnen der Einträge kommt - und mit welchem Ernst mitunter Sachthemen aus dem Bereich der Lebenshilfe verhandelt werden. Das scheint sich auch diachron zu bestätigen: Eine in den siebziger Jahren angelegte Sammlung von Klosprüchen aus Bielefeld, sagt Fischer, habe in dieser Hinsicht ein ähnliches Bild ergeben. Allerdings sei es da vielmehr um Tipps gegangen, wo etwa der beste Frauenarzt zu finden sei - derlei sei heute in Internetforen abgewandert.

Langlebiger als vermutet

Sind solche frei zugänglichen und anonymen Foren nicht per se geeignet, das Medium Graffiti irgendwann abzulösen? „Anonymer Gedankenaustausch“, schreibt Fischer, „kann im Internet schneller und ernsthafter betrieben werden als auf der Toilette (vorausgesetzt, man ist auf der Toilette an ernsthaftem Gedankenaustausch interessiert). Andererseits kann die Toilette den Faktor ,Illegalität als Kick' und den Status eines relativ abgesicherten Kommunikationsraums ohne öffentliche Überwachung für sich verbuchen.“

Zweifellos sind Graffiti langlebiger als vermutet. Diese Erfahrung machten auch die Ordnungshüter von Melbourne. Als 2008 schon einmal ein Werk Banksys - ein Taucher mit riesigem Helm - in Melbourne übermalt worden war, klebte man eine Kopie auf einer Vinylplane an die Stelle. Seit das Unglück mit der Ratte bekannt wurde, haben Unbekannte in der Hosier Lane gleich zehn neue Ratten gemalt. Sie sehen aus wie das zerstörte Original, mit einem Unterschied: Sie fluoreszieren.

Literatur

„Der Graffiti-Reader“. Herausgegeben von Susanne Schäfer und Norbert Siegl. Graffiti-Edition, Wien 2000. Karl Wilhelm Weeber: „Decius war hier“. Artemis & Winkler, Düsseldorf 2003.

Katrin Fischer: „Laute Wände an stillen Orten“. Deutscher Wissenschafts-Verlag, Baden-Baden 2009. Giwi Margwelaschwili: „Der verwunderte Mauerzeitungsleser“. Verbrecher Verlag, Berlin 2010.

Im Internet: www.graffitieuropa.org

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Jahrgang 1967, Redakteur im Wissenschaftsressort der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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