24.11.2008 · Es gibt sie, die historischen Momente: Requisiten des Filmklassikers „Der Lauf der Dinge“ von Fischli/Weiss kommen in Zürich gemeinsam mit dem Originalfilm zur Auktion.
Von Tilo RichterBasel. Kunstauktionen leben von ihren Höhepunkten: von Starkünstlern und ihren Meisterwerken, von schillernden Käufern im Saal und anonymen Interessenten an den Telefonen und nicht zuletzt von Bietgefechten und Rekordsummen. Und wenn es so etwas wie Spitzenlose gibt, dann zählt ganz bestimmt jenes eigenwillige Kunstwerk dazu, das am 1. Dezember in Zürich einen neuen Besitzer finden wird: „Der Lauf der Dinge“ der Züricher Künstler Peter Fischli und David Weiss.
Zum Verkauf stehen de facto zwar nur ein Film und zwei Vitrinen mit den Requisiten der aufgenommenen Kunstinstallation. Doch da die Produktion des Films in einer Lagerhalle so abenteuerlich war und das Ergebnis international für Aufsehen sorgte, kann man getrost von einem Meilenstein der Schweizer Kunstgeschichte sprechen.
Ein ungebremster Ablauf
Bereits im Jahr 1979 starten die beiden in Italien und der Schweiz ausgebildeten Künstler Fischli/Weiss gemeinsame Projekte, zuerst entstehen Fotoserien, bald darauf erste experimentelle Filme auf Super 8. Ihr dreißigminütiger Film „Der Lauf der Dinge“, gedreht von Kameramann Pio Corradi im 16-mm-Format, ist ein wilder Husarenritt durch eine abenteuerlich anmutende Kulisse von selbstgebauten Mobiles, Objekten und Alltagsgegenständen, die sich wie durch Geisterhand in Bewegung setzen.
Kleine Feuerwerke bringen Autoreifen ins Rollen, die wiederum als Anschub für explodierende Teekessel oder sich entfaltende Luftmatratzen fungieren. Ballons werden aufgeblasen, nur um Konservendosen aus der Balance zu bringen. Das alles ist nicht nur Physik und Chemie, sondern hat vor allem Humor; großartig etwa die Slapstick-Einlage eines an einer Walze montierten Paars Schuhe, die auf einer schiefen Ebene zu laufen scheinen, bevor sie ein liegendes Metallfass nur um Zentimeter rotieren lassen, was die insgesamt vierzig Meter lange Kettenreaktion fortsetzt. Kleine Mengen Wasser oder Säure wirken Wunder, ja, selbst Schaum oder gar nur der Luftzug einer umfallenden Holzplatte dienen dazu, das Procedere schier endlos fortzusetzen.
Verborgene Brüche
Zwei Dutzend Schnitte hat der Film, die meisten davon sind so gut kaschiert, dass sich dem Betrachter ein ununterbrochenes Schauspiel präsentiert. Zu beschreiben ist dieses absurde Theater der Dinge nicht, man muss es gesehen haben. Einer, der es nicht nur gesehen, sondern erst möglich gemacht hat, ist Alfred Richterich. Der Schweizer Kunstsammler, Ricola-Erbe und Stifter war 1987 in die Produktion involviert. Kurzfristig sicherte er die Finanzierung der Aufnahmen, die anschließend auf der von Manfred Schneckenburger konzipierten Documenta 8 Furore machten.
Film-Koproduzent Richterich erhielt als Gegenleistung für sein Engagement alle verbliebenen Objekte - die eigentlichen Akteure des Filmes. Seitdem hatten zwei dicht gefüllte Vitrinen ihren Platz in seiner Sammlung und wurden nur wenige Male für Fischli/Weiss-Retrospektiven in Basel, Paris, London und Hamburg temporär wieder aufgebaut. Nun hoffen viele, dass sie - gemeinsam mit den beiden originalen Filmrollen - einen festen Platz in einer öffentlichen Sammlung finden. Als mögliche Kandidaten werden neben dem Museum of Modern Art in New York auch die Londoner Tate Gallery oder das Centre Pompidou in Paris gehandelt; zumindest wären das die Wunschkandidaten des heutigen Eigentümers.
Schweizer Hoffnungen
Doch bei Auktionen ist bekanntlich alles offen. Es wird übrigens das erste Kunstwerk aus Richterichs Besitz sein, das er wieder verkauft; der Erlös fließt in seine Kunstförderung. Das Auktionshaus Christie's hat den Wert auf bis zu 1,5 Millionen Schweizer Franken geschätzt. Ob sich am Ende eines der ganz großen Häuser über den „Lauf der Dinge“ freuen kann oder das Werk gar in der Schweiz bleibt, wird man vielleicht schon am Abend des 1. Dezember wissen, wenn in Zürich der Hammer fällt.
Im Fahrwasser dieses Schlüsselwerks kommen weitere hochkarätige Werke Schweizer Kunst zum Aufruf. So erhofft sich Christie's für das Familienporträt „Maternité“ von Giovanni Giacometti aus dem Jahr 1908 einen Zuschlag zwischen 2,5 und 3,5 Millionen Franken. Arnold Böcklin schuf 1870 „Die Nacht“ (Taxe 1,2 bis 1,5 Mio. Franken), das zu den wenigen seiner bedeutenden Werke zählt, die überhaupt noch auf Auktionen angeboten werden können. Sotheby's Zürich lädt parallel zur Auktion Swiss Art, die traditionsgemäß von den großen Namen der Schweizer Moderne dominiert wird.
Albert Anker ist mit sechs Zeichnungen (20.000 bis 150.000) und dem reizvollen Gemälde seiner Tochter „Marie Anker mit Puppe“ (von 200.000 bis 300.000) vertreten. Bei 1,5 bis 2 Millionen Franken liegen die Erwartungen für Ferdinand Hodlers großformatigen „Mäher“. Das Potential für Giovanni Giacomettis „Winter bei Capolago“ von 1930, von dessen Existenz man bislang nicht wusste, soll 1,2 bis 1,8 Millionen Franken betragen. 135 Lose sollen bei Sotheby's elf bis 15,6 Millionen Franken einspielen, während Christie's für 312 Werke einen Gesamtzuschlag zwischen dreizehn und achtzehn Millionen Franken erwartet.