Für Andrej Krementschouk waren seine Fahrten in die Sperrzone um den zerstörten Reaktor von Tschernobyl wie eine Reise in die Vergangenheit. Der Fotograf wurde 1973 im russischen Gorki geboren. Seit 2008 reiste er immer wieder in die 30-Kilometer-Sperrzone um den Reaktor. „Was von den Bewohnern noch übrig ist, kommt aus einer anderen Zeit“, sagt Krementschouk. „Es ist verschimmelt, zerfallen oder verblasst. In den Wohnungen habe ich Dinge gefunden, die ich aus meiner Kindheit in den 70er und 80er Jahren kenne. Eine Makkaroni-Verpackung, einen Schrank, eine Spielzeuglaute, verblassende Bilder an der Wand. Es war wie ein Blick in die Vergangenheit.“
Zwei Bildbände, „Chernobyl Zone (I)“ und „Chernobyl Zone (II) des erfolgreichen Fotografen werden demnächst im Heidelberger Kehrer Verlag erscheinen, der erste Band im April, der zweite im Mai. Sie bieten Einblicke in eine Zone, die zum Symbol für die zerstörerische Wucht eines Supergaus wurde. Tschernobyl war ursprünglich ein altertümliches Städtchen in der Ukraine, 100 Kilometer von Kiew entfernt. Heute ist es weltweit Sinnbild für die größte nukleare Katastrophe in der Geschichte der Menschheit.
„Es ist ihnen egal, ob sie früher sterben“
Das Unglück, das sich im April 2011 zum 25. Mal jährt, forderte Hunderte von Menschenleben und zwang zehntausende Bewohner der umliegenden Städte und Dörfer ihre Heimat zu verlassen. Einige kehrten jetzt zurück. In der stark verstrahlten Stadt Prypjat, einst eine Vorzeigestadt der Sowjetunion, arbeiten sogar wieder Menschen, obwohl die Bewohnerzahl offiziell bei null liegt.
„Chernobyl Zone (I)“ zeigt Krementschouks Beobachtungen aus dem ländlichen Lebensraum: „Die Zone hat etwas Märchenhaftes“, sagt der Fotograf. „Die Natur wuchert, die Tiere vermehren sich. Im Ort Tschernobyl, der nicht so schlimm verstrahlt ist wie Prypjat, wohnen wieder Menschen. Es sind Rückkehrer, die sich dort frei fühlen. Sie sind dort geboren, sie wollen nicht weg, es ist ihnen egal, ob sie deshalb früher sterben.“
Prypjat ist zu einer Geisterstadt geworden
Im zweiten Band „Chernobyl Zone (II)“ zeigt er Fotografien aus der verlassenen städtischen Zone neben historischen Aufnahmen. Seine Bilder aus Prypjat, das am 27. April 1986 evakuiert worden war, zeigen eine Geisterstadt, in der sich die Natur den städtischen Raum zurückerobert und wo Spuren menschlichen Lebens immer mehr verblassen.
Krementschouk war schon vor dem Erscheinen der spektakulären Bildbände bekannt. Sein erstes Buch „No Direction Home“ (2009) war Siegertitel des Deutschen Fotobuchpreises 2010. Seine Bilder wurden vielfach ausgestellt, unter anderem in den Deichtorhallen Hamburg und im Martin-Gropius-Bau in Berlin. Über seine Reise nach Tschernobyl sagt er: „Es ist absurd, aber ich habe dort, mitten in der Sperrzone, das Land wiedererkannt, in dem ich geboren bin. Und ich habe nur die schönsten Erinnerungen an meine Kindheit. Vielleicht lässt mich die Gegend deshalb nicht los.“
faszinierend
Klaus Müller (mo-mu)
- 22.03.2011, 22:22 Uhr
Schade..
Paul Drostendord (newsfish)
- 24.03.2011, 09:49 Uhr