10.11.2007 · Sie begann langsam und entwickelte sich doch zur schwersten Sturmflut an der Nordsee seit fast 20 Jahren. Die friesischen Inseln waren vom Festland abgeschnitten. Große Teile der Helgoländer Düne wurden fortgerissen. In Hamburg stand das Wasser so hoch wie seit 17 Jahren nicht.
Mit bis zu 130 Stundenkilometern ist der Orkan „Tilo“ am Freitag über Teile West- und Nordeuropas getobt. In Niedersachsen wurde das Emssperrwerk geschlossen, Fähren blieben in den Häfen, der Rotterdamer Hafen war nahezu dicht, vor Norwegen wurde die Ölförderung gestoppt, und in England saßen 1000 Menschen eine Nacht lang in Notunterkünften.
Im Hamburger Hafen wurde am Freitagnachmittag eine schwere Sturmflut mit Wasserständen bis zu 3,50 Meter über dem mittleren Hochwasser erwartet. Der Leiter des Sturmflutwarndienstes beim Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH), Sylvin Müller-Navarra, sagte: „Nachdem es zunächst in der Nacht so aussah, dass die Sturmflut schwächer ausfallen könnte, scheint nun unsere Prognose doch einzutreffen.“ Die Deutsche Bucht sei weltweit das am stärksten von Sturmfluten bedrohte Gebiet.
Emssperrwerk geschlossen
In Deutschland erreichte die Flut am Freitag zuerst die ostfriesische Insel Borkum. „30 Zentimeter mehr, und wir hätten den Hafen evakuieren müssen“, sagte ein Sprecher. Nach Behördenangaben wurden am Mittag in Niedersachsen auf den Inseln 2,5 Meter und in Emden 3,29 Meter über dem mittleren Hochwasser gemessen.
„So etwas habe ich ja noch nie gesehen“, erschreckten sich Passanten in Emden angesichts der Wassermassen, die in den Hafen liefen. Schilder standen in den Fluten, das Wasser drückte gegen den kleinen Bahnhof am Hafen. Fährverbindungen zu den niedersächsischen Nordseeinseln wurden teilweise eingestellt. Wegen der erwarteten schweren Sturmflut war Freitag das 476 Meter lange Emssperrwerk bei Emden geschlossen worden, um die Überflutung des Hinterlandes zu verhindern.
Helgoland befürchtet Millionenschäden
Die Nordsee-Insel Helgoland befürchtet Millionenschäden. „So wie es aussieht, sind am Nordstrand der Düne hunderttausende Kubikmeter Sand vom Wasser weggerissen worden“, berichtete Bürgermeister Frank Botter über die Situation auf dem der einzigen deutschen Hochseeinsel vorgelagerten Eiland Helgoländer Düne. Seit 30 Jahren sei Helgoland nicht mehr so hart von einer Sturmflut getroffen worden.
In Nordfriesland fuhr keine Fähre zwischen Sylt und Dänemark. Auch die Schiffsverbindungen vom Festland zu den Halligen Hooge und Langeneß waren unterbrochen, weil der Wasserstand an den Molen zu hoch zum An- und Ablegen war. Auf den Halligen könnten die Orkanböen am Freitagabend bis zu 140 Stundenkilometer erreichen, warnte der Wetterdienst Meteomedia. Die Meteorologen riefen am Freitagmorgen für die nordfriesische Küste die höchste Warnstufe „violett“ aus.
Brown ruft Notstandskabinett ein
Die höchste Nordseeflut seit Jahrzehnten hat an der englischen Ostküste Hochwassersperren durchbrochen und Straßen überspült, Sachschäden angerichtet, aber keine Menschenleben gefordert. Bei der letzten ähnlich schweren Sturmflut im Jahr 1953 waren entlang den englischen Küsten in East Anglia, Norfolk, Suffolk und Kent mehr als 300 Menschen ums Leben gekommen. Das britische Umweltministerium hatte am Donnerstag für die betreffenden Gegenden Flutwarnungen ausgegeben und von „höchster Gefahr für Leib und Leben“ gesprochen. In der Stadt Yarmouth waren hunderte Häuser vorsorglich evakuiert worden, mehrere tausend Einwohner verbrachten die Nacht in Sammelunterkünften. In manchen Straßenzügen klopfte die Polizei mitten in der Nacht an die Haustüren und weckte die Bewohner, um sie vor der Überflutungsgefahr zu warnen und zum Verlassen ihrer Häuser aufzufordern.
Mehrere Straßen und Bahnlinien entlang der Küste wurden gesperrt, der Hafen von Felixtowe musste geschlossen, der Fährverkehr unterbrochen werden. Das Themsesperrwerk, das London vor Überflutungen schützen soll, wurde geschlossen. Der britische Premierminister Brown berief zweimal, in der Nacht zum Freitag und am Freitagmorgen, Dringlichkeitssitzungen des Notstandskabinetts ein, um die Versorgung der betroffenen Gebiete mit Hubschraubern und Sandsäcken sicherzustellen.
Die Sturmflut in der Nordsee wird von einem Zusammenspiel verschiedener Wetterbedingungen erzeugt. Zu ohnehin hohen Gezeiten, die durch bestimmte Konstellationen von Sonne und Mond hervorgerufen werden, kommen Sturmwinde aus nördlicher Richtung und geringer Luftdruck. Umweltgruppen warnten am Freitag in London, durch den Klimawandel, die veränderten Wetterlagen und den steigenden Meeresspiegel seien die englischen Küsten immer stärker gefährdet. Benn sagte, in den nächsten Jahren werde mehr für die Sturmflutabwehr getan, im Jahr 2010 solle die jährliche Investitionssumme für Flutsperren mehr als eine Milliarde Euro betragen.
Erstmals Rotterdamer Flutwehr geschlossen
Die Niederlande hatten erstmals überhaupt das 1997 fertiggestellte Sturmflutwehr vor dem Rotterdamer Hafen wegen des hohen Wasserstandes geschlossen. Die beiden je 210 Meter langen getrennten Flügel des riesigen Bauwerks wurden um Mitternacht in den Schifffahrtsweg geschwenkt. Teile des größten europäischen Hafens sollten bis Freitagabend gesperrt bleiben. Der wirtschaftliche Schaden sei jedoch begrenzt, da bei Sturm ohnehin weniger Schiffe ein und ausliefen, sagte ein Hafensprecher.
Der Orkan hatte auch Teile der norwegischen Öl- und Gasförderung lahmgelegt. Der Rundfunk in Oslo berichtete, die Produktion sei eingestellt worden, um die Plattformen auf See bei Gefahr zu evakuieren.