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Stierkampf Stirbt der Tod am Nachmittag?

29.10.2009 ·  Katalonien debattiert über ein Verbot des Stierkampfs - nicht nur aus Tierschutzgründen. Politiker haben angeregt, dass man gleichzeitig mit dem Stierkampfverbot eine Legalisierung weicher Drogen wie Marihuana beschließen sollte.

Von Leo Wieland, Barcelona
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An einem schönen Frühherbsttag im September feierte der Torero José Tomás seinen letzten Triumph der Saison. Mit dem selbstvergessenen Wagemut, der ihn seit seinem Comeback vor zwei Jahren schon zu einer Legende der Tauromachie werden ließ, erkämpfte er sich vier Ohren und wurde auf den Schultern begeisterter Aficionados durch das Portal der „Monumental“-Arena in Barcelona getragen. Drinnen wegen seines Stils und seiner dutzendfach vernarbten Kühnheit als „Messias“ der Zunft bejubelt, wurde er draußen mit Protestplakaten empfangen: „José Tomás, es ist noch nicht zu spät, das Richtige zu tun: Quäle dich selbst, und bringe dich um.“

Nun ist es nicht ausgeschlossen, dass Tomás in Barcelona seine letzte Corrida absolviert hat. Denn zwei Herzen wohnen in der Brust der Katalanen. Und diejenigen, die der sechshundertjährigen Tradition den Garaus machen, die „Gladiatoren“ des 21. Jahrhunderts verbannen und das regionale Tierschutzgesetz ändern wollen, haben noch nie so viel Zuspruch gehabt. Die Bewegung der Grünen und der Tierschützer begann im spanischen Nordosten damit, dass sich im Jahr 1984 zuerst die Stadt Girona offiziell wider den Stierkampf aussprach. Es folgten bislang 70 weitere Gemeinden, darunter als wichtigste im Jahr 2004 Barcelona. Die Stadtväter konnten aber nicht verbieten, was nicht in ihre unmittelbare Zuständigkeit fällt. Denn hier ist das Parlament der Autonomen Region gefragt. So fing im vorigen Jahr die Plattform „Es reicht“ an, Unterschriften für eine „gesetzgeberische Volksinitiative“ zu sammeln. 50 000 Stimmen wären nötig gewesen – binnen der vorgeschriebenen sechs Monate kamen mehr als dreimal so viel zusammen. Das gab den Anstoß, das Parlament mit dem Schicksal des „römischen Zirkus“ auf katalanischem Territorium zu befassen. In wenigen Tagen findet die erste Debatte statt.

Artikel 6 verbietet ausdrücklich das Quälen und Töten

Die Sprecher der „Basta“-Plattform versichern, dass sie aus rein ethischen und nicht politischen Motiven heraus handeln. Sie weisen darauf hin, dass die Region erst im Jahr 2008 ein reformiertes Tierschutzgesetz verabschiedet habe, das in Artikel 6 ausdrücklich das Quälen und Töten verbiete, unverständlicherweise aber für den Stierkampf eine Ausnahme mache. Das solle nun schnellstmöglich geändert und die Besitzer der Arenen sollten notfalls vom Staat für ihre Verluste entschädigt werden.

Stierkampf: Stirbt der Tod am Nachmittag?

Katalonien wäre aber nicht Katalonien, wenn nicht doch unterschwellig eine separatistische Stimmung erkennbar würde – der Stierkampf ist so spanisch wie er nur sein kann. Wenn im Camp Nou der FC Barcelona spielt, dann wird dort immer das Plakat mit dem Slogan in englischer Sprache „Catalonia is not Spain“ entrollt. Das Ressentiment reicht bis nach Galicien, wo der Nationalistische Block von der Regionalregierung ebenfalls ein Verbot gefordert hat. Bei den Corridas handele es sich um eine „spanische Zwangskultur“. Nur die Basken würden vielleicht sogar in splendider Unabhängigkeit noch ihre Stierkampfarenen geöffnet halten. Weil auch im Ebrodelta zahlreiche Katalanen ihre uneingeschränkte Freude am Stierkampf haben, ist er für die politischen Parteien ein heikles Thema. Dafür hat sich bisher offen nur die konservative Volkspartei (PP) ausgesprochen. Ihre Abgeordneten werden gegen den Verbotsantrag stimmen. Die linken Regionalnationalisten von Esquerra Republicana (ERC) und die Ökosozialisten der grünkommunistischen Initiative für Katalonien (ICV) – die kleineren Partner in einer Dreier-Regierungskoalition mit der Sozialistischen Partei (PSC) – wollen dafür stimmen. Sie haben auch angeregt, dass man gleichzeitig mit dem Stierkampfverbot eine Legalisierung der weichen Drogen wie Marihuana beschließen sollte – als „lebensbejahende Maßnahme“. Die Sozialisten, die Christdemokraten (CiU) und die Bürgerpartei (Ciutadans), die gemeinsam eine große Mehrheit in der Kammer haben, möchten es sich aber nicht mit den Wählern verderben. So haben sie es ihren Abgeordneten salomonisch freigestellt, nach Gusto und Überzeugung zu votieren.

Ausländer füllen oft genug die Lücken

Inzwischen gibt es auch eine Gegen-Bürgerinitiative der Stierkampfanhänger. Die „Plattform für die Fiesta“ argumentiert, dass sich der Staat nicht in eine Sache einmischen sollte, die ihn nichts angehe, weil die Corridas schließlich keine öffentlichen Mittel erhielten. Wenn der Stierkampf denn untergehen solle, dann durch die Gesetze des Marktes, nicht die des Parlaments. Die „Plattform“ gibt zu, dass die Begeisterung vor allem der Jüngeren schon seit den Siebzigern zurückgegangen sei. José Tomás habe jetzt aber noch einmal das Blatt gewendet. Die Zahl von zuletzt sieben Millionen zahlenden Zuschauern pro Jahr hat er um fast eine halbe Million erhöht. Außerdem sei für zahlreiche Gemeinden entlang der Costa Brava der Stierkampf eine wichtige Einnahmequelle aus dem Tourismus geworden. Ausländer füllten oft genug die Lücken in den Rängen. Um José Tomás zu sehen, hätte einige in Barcelona bis zu 5000 Euro für eine Eintrittskarte bezahlt. Der Stierkampf als Geschäft leidet jedoch viel heftiger als der spanische Fußball unter der gegenwärtigen Wirtschaftskrise. Viele Kommunen haben während der örtlichen Fiestas die Zahl der Corridas verringert. Sie sanken insgesamt in Spanien von 2200 im Jahr 2007 auf nur noch 1800 im Vorjahr. In diesem Jahr dürften es noch weniger gewesen sein. Die Gründe liegen aber nicht allein in der neuen Sparsamkeit der Spanier. Eine gewisse Stierkampfmüdigkeit hat außer mit dem Generationswechsel auch damit zu tun, dass sich der Sport nicht modernisiert hat. Die altmodischen Züchter schicken noch immer ihre knieweichen Stiere mit abgefeilten Hörnern in die Arenen. Manipulation ist an der Tagesordnung. Und der „toro bravo“, der noble Stier, den es ohne den Stierkampf vermutlich schon lange nicht mehr gäbe, ist häufig nicht mehr als die dekadente Karikatur seiner selbst.

Während Cayetano Rivera, einer der zugkräftigsten jüngeren Toreros, sich sicherheitshalber nebenbei als Armani-Modell verdingt hat und außer im „Lichteranzug“ auch im Smoking des Designers Figur zu machen versteht, hat sein Bruder Francisco Rivera einen der Hauptschuldigen an dem Niedergang der Tauromachie ausgemacht: José Luis Rodríguez Zapatero. Rivera, mit Cayetano Sohn und Enkel renommierter Stierkämpfer, bezeichnete vor wenigen Tagen den sozialistischen Ministerpräsidenten als den „Stierkampfgegner Nummer 1“. Er habe nicht nur „keinen Finger für die Fiesta gerührt“, sondern sie im Gegenteil „herabgewürdigt und schlechtgemacht“. Er habe in seinen bald sechs Amtsjahren auch nicht ein einziges Mal Toreros in den Moncloa-Palast eingeladen. Ein besseres Kompliment hätte Rivera dem tief in der ökonomischen Bredouille steckenden und dauernd nach fortschrittlichen Wählern Ausschau haltenden Zapatero nicht machen können.

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