20.04.2005 · Die Weltöffentlichkeit hat Marktl entdeckt. Im Geburtsort von Papst Benedikt XVI. bleibt man allerdings gelassen und bodenständig. Der Bürgermeister hofft, daß künftig Wallfahrer aus dem nahen Altötting einen Abstecker einplanen.
Von Albert SchäfferJoseph Gaßner, Heimatpfleger von Marktl am Inn, gibt sich gelassen: Nein, das Taufbecken werde man im Heimatmuseum nicht verrücken, sagt er. Es soll an seinem Platz in einem der hinteren Räume des Museums bleiben. Schließlich seien in ihm auch viele andere Säuglinge getauft, die später für den Ort Einiges geleistet hätten - nicht nur Joseph Ratzinger, der am 16. April 1927 über das sechseckige Becken aus Sandstein gehoben wurde, wenige Stunden nach seiner Geburt. Ein neues erläuterndes Schild werde er aber schon anbringen, fügt der Heimatpfleger hinzu.
Es ist eine große Gelassenheit und Bodenständigkeit, die die Menschen in der oberbayerischen Marktgemeinde zwischen Inn und Alz auszeichnet - auch in den bewegten Stunden, seit der Täufling des 16. April 1927 als Benedikt XVI. auf dem Stuhl Petri in Rom sitzt. Dem Ansturm der nationalen und internationalen Medien wird mit einem Lächeln standgehalten. Wenn die französische Reporterin die Bäckerin zum dritten Mal bittet, die flugs kreierten Papstmützen - mit oder ohne Puderzucker - in die Kamera zu halten, gibt es kein Murren, mögen auch weitere Kamerateams vor der Türe warten. Auch in der benachbarten Bäckerei wird geduldig erläutert, was sich hinter dem - selbstverständlich noch in der Nacht nach Eintreffen der Nachricht aus Rom erfundenen - Vatikanbrot verbirgt: eine herzhafte Roggenmischung.
Ein ganz besonderes Haus
Es sind die Vorboten eines bescheidenen Aufschwungs, den sich die Marktler vom Aufstieg ihres ehemaligen Mitbürgers erhoffen, der im Haus Nummer 11 am Marktplatz zur Welt gekommen ist - als Sohn des örtlichen Gendarmeriekommandanten und dessen Frau. Die Abschrift der Geburtsurkunde, die im Heimatmuseum verwahrt wird, enthüllt ein kleines Geheimnis: neben dem Rufnamen Joseph wurde auch noch Alois eingetragen. Nun ist der Streit müßig, ob es nicht korrekt Joseph Alois Kardinal Ratzinger hätte heißen müssen, schließlich genügt jetzt Benedikt XVI.
Marktl am Inn: Das Taufbecken im Museum wird nicht verrückt
Das Geburtshaus, in dem sich zu seines Vaters Zeiten auch die Gendameriestation befand, muß jedenfalls eine besondere Ausstrahlung auf neue Erdenbürger gehabt haben. Denn vor Ratzinger war dort im 18. Jahrhundert Georg Lankensperger geboren worden, der Erfinder der Achsschenkellenkung für Kutschen, ein Prinzip, das die Kurvenfestigkeit erheblich steigerte und noch heute im Automobilbau angewandt wird. Über ausgeprägte technische Fähigkeiten des zweiten großen Sohn Marktls, der dort geboren worden ist, ist zwar weniger bekannt, allerdings erzählte später der Kurienkardinal Ratzinger bei seinem Besuch zur Verleihung der Ehrenbürgerwürde den Marktlern eine bezeichnende Geschichte. Zwei Jahre war Joseph Ratzinger, als sein Vater in einer andere Gemeinde versetzt wurde - und später habe er nur noch eine Erinnerung mit den Kindertagen in Marktl verbunden: das Brummen des Autos der Hebamme, damals eine der wenigen motorisierten Bürger der Marktgemeinde.
Freundliches und bescheidenes Auftreten
Beste Erinnerungen haben die Marktler an den Besuch des Kurienkardinals im Jahre 1997, sagt der erste. Bürgermeister Hubert Gschwendtner. Sehr freundlich und sehr bescheiden sei der Kardinal aufgetreten. Heimatpfleger Gaßner schildert, daß die Delegation der Marktler, die dann zu einem Gegenbesuch nach Rom gefahren sei, doch sehr angespannt gewesen sei in den ehrfurchtseinflößenden Räumen des Vatikans. Dann jedoch sei die Tür aufgegangen, ein lächelnder Ratzinger habe „Grüß Gott, Bayern“ gesagt und gefragt, ob die Marktler denn zufrieden mit ihrem Kardinal seien.
Hubert Gschwendtner, der Bürgermeister, dürfte mittlerweile der bekannteste Sozialdemokrat Bayerns sein; der gelernte Lehrer reiht mit einer Souveränität ein Interview an das andere, als habe er zusammen mit Georg Bush mehrere Schulungen für den rechten Umgang mit der Presse absolviert. Gschwendtner ist ein Beispiel, das auch ländliche Regionen in Bayern für SPD-Politiker ersprießlich sein können, wenn sie bei der Direktwahl in ein Bürgermeisteramt die richtigen persönlichen Voraussetzungen mitbringen. Seine Gemeinde mit ihren 2700 Einwohnern kämpft wie viele Gemeinden gegen eine finanzielle Auszehrung durch sinkende Einnahmen; 1100 Euro beträgt die Verschuldung pro Kopf.
Marktl hofft auf Wallfahrer aus Altötting
Der Marktler Bürgermeister setzt darauf, daß es künftig Touristen und Pilger in seine Gemeinde ziehen wird; schließlich ist der Wallfahrtsort Altötting nicht weit, der im Jahr mehr als eine Million Besucher verzeichnet. En Abstecher in den Geburtsort von Papst Benedikts XVI. könnte da bald zu ihrem Pflichtprogramm gehören - und die Geschäfte und Gastronomie beleben, nicht nur durch den Verzehr von Papstmützen und Vatikanbrot; auch an einer Papstwurst arbeitet der örtliche Metzger schon, mit eßbaren Blumen, wie seine Frau ankündigt - an Innovationskraft haben die Marktler seit Lankensperger offenbar nichts eingebüßt.
Überstürzt werden soll in Marktl aber nichts; man werde erst einmal die nächsten Wochen abwarten und nicht voreilige Planungen auf den Weg bringen, sagt Bürgermeister Gschwendtner. Mit dem schwierigen Verhältnis zwischen Bewahren und Erneuern haben die Marktler ohnehin ihrer eigenen Erfahrungen - auch auf dem ureigensten Feld ihres Ehrenbürgers Benedikt XVI. In St. Oswald, seiner Taufkirche, wurde Mitte der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, mußte die neugotische Ausstattung weichen; auch das Taufbecken wanderte ins Museum. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil habe man halt mit der Zeit gehen wollen, sagt Heimatpfleger Gaßner. Sogar das Hauptschiff der Kirche wurde abgerissen und neu errichtet, um einen möglichst der neuen Liturgie angepaßten Raum zu erhalten, dem das alte Hochaltarschiff beigestellt wurde. Eine wenig geglückte Lösung sei entstanden, wurde später in einer Ortschronik beklagt; es sei sicher nicht der letzte Umbau der Kirche gewesen. Es ist also nicht gänzlich ausgeschlossen, daß Benedikt XVI., sollte er sich eines Tages zu einem Besuch seines Geburtsorts aufmachen, einen Neubau weihen könnte - dann vielleicht die architektonische Umsetzung eines Dritten Vatikanischen Konzils.
Marktl am Inn - eine bayerische Marktgemeinde am Ostrand Oberbayerns ist der Geburtsort des neuen Papstes Benedikt XVI., der hier als Joseph Ratzinger ins Geburtsregister eingetragen ist. 2700 Einwohner leben östlich des bedeutenden Wallfahrtsortes Altötting. Das Wappen der Gemeinde zeigt unter den bayerischen Rauten einen Schifferhaken und erinnert an die einst bedeutende Schiffahrt auf dem Inn, für die Marktl ein Umschlagplatz war.
Die Siedlung wurde im 13. Jahrhundert als Hofmark der Grafen von Leonberg gegründet. Bald wurde die erste Kirche gebaut und dem heiligen Oswald geweiht. 1422 erhob der bayerische Herzog Heinrich VI. den Ort zum Markt. Seit 1677 hat die Gemeinde einen eigenen Priester.
Wenige Jahre nachdem Kurfürst Max Emanuel an dieser Stelle den Bau der ersten Brücke über den Inn angestoßen hatte, äscherte ein Blitzschlag im Jahre 1701 den Ort ein. Zum Wiederaufbau gehörte die neue Oswald-Kirche, Mittelpunkt des Gemeindelebens bis heute.
Hier zwischen Inn und Alz war Joseph Ratzingers Vater in den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts Gendarmeriemeister. Es waren weniger die Zeitläufte als die tiefgläubige Umgebung, die den Boden dafür bereitete, daß gleich zwei Söhne der Familie Priester wurden.
Als Kurienkardinal noch pflegte Joseph Ratzinger fast jedes Jahr einige Tage in Marktl zu verbringen.