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Bildergalerie Klingelton für Christenmenschen

14.08.2005 ·  Der „Weltjugendtag“ in Köln setzt auf die Mittel der Event-Kultur. Aber die katholische Kirche kann und will sich damit für ihre Jugendarbeit nicht zufriedengeben.

Von Sascha Lehnartz
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Australische Pilger werden in Köln bei der Caritas noch um warme Socken betteln. Schuld daran ist die australische Internet-Seite zum Weltjugendtag, denn dort wird empfohlen, in „World Youth Day-Badeschlappen“ anzureisen. Es gebe kein passenderes Schuhwerk für den „europäischen Sommer“ als ein Paar „WYD-Thongs“, hieß es in Unkenntnis der klimatischen Verhältnisse in der Köln-Bonner Bucht.

„Thongs“, wie man Flip-Flops downunder nennt, seien eine „australische Institution“, die in der zeitgenössischen Mode-Szene bereits „eingeschlagen“ habe „wie eine Bombe“. Deshalb gehörten die Schlappen unbedingt auf die Packliste für den Christentreff. In leuchtendem Grün-Gold gehalten, würden sie zum „Symbol des australischen Pilgers“ (“Sizes 6, 8, 9, 11, 12, 13. Cost: $15 a pair“).

Wo Event ist, ist auch Ware, lautet eine Binse zeitgenössischer Ereignisökonomie. Wer sich dieser Tage nach Köln aufmacht, kommt an Bergen von Pilger-Plunder nicht vorbei. Australische Badeschlappen gehören zu den bunteren Blüten, die der Wille zur Vermarktung treibt, doch auch im offiziellen Weltjugendtags-Shop gibt es Putziges. 15 Prozent der erwarteten Kosten von rund 100 Millionen Euro sollen durch Spenden, Sponsoren und eben Merchandising eingenommen werden. Deshalb gibt es den offiziellen Weltjugendtags-Song „Venimus adorare eum“ auch im „Pop Remix“ als Klingelton. „Von der Schüttelkugel bis zur Handy-Schale“ reiche die „Produktpalette des Weltjugendtages", meldet eine Pressemitteilung des WJT-Organisationsbüros stolz.

Klingelton für Christenmenschen

„Besonders originell“ findet man hier das „Klebetattoo mit dem Weltjugendtagslogo“. „Nach zwei bis drei Tagen“ sei es „wieder weggeduscht“. Ansonsten gebe es an sechzig „Infopoints“ in Köln, Bonn und Düsseldorf "alles, was das Pilgerherz begehrt“. Nach Einschätzung der Marketing-Strategen begehrt das Pilgerherz Telefonkarten, Pins, Schlüsselanhänger, Silikonbänder fürs Handgelenk in WJT-Farben, klappbare Dreibeinhocker, die Besinnungs-Pop-CD mit dem Titel „Building One World“ sowie T-Shirts von zwei Päpsten.

Papst Benedikt XVI. als Top Act

Nicht nur die schiere Menge des ereignisbegleitenden Tands - zwei Millionen Silikonarmbänder, 300.000 Rosenkränze aus Bethlehemer Olivenholz, 400.000 Papst-T-Shirts -, auch der technische Aufwand macht den Weltjugendtag zu einem „MegaEvent“ der „Live-8“-Kategorie. Mit der bei solchen Veranstaltungen üblichen Tonnen-Ideologie-Prosa feiert das Organisationsbüro denn auch die „Mega-Technik“ für das Spektakel: Allein das Pressezentrum bedecke eine Fläche von „drei Fußballfeldern“ und verfüge über 7800 Steckdosen.

Es fehlt nur der eigentlich obligatorische Hinweis, daß so viele Steckdosen übereinandergestapelt die Höhe des Kölner Doms erreichen würden. Die Woche über spielen „auf achtzig Bühnen in drei Städten“ zahlreiche Musikgruppen von der Kelly Family und der Prinzengarde Rot-Weiß über „DeHöhner“ und Cliff Richard bis zu „Brings“. Letztere werden wie üblich „Superjeile Zick“ vortragen. Paßt immer, egal ob d'r Zoch kütt oder d'r Papst.

Für die Abschlußfeier auf dem Frechener Marienfeld rechnet man mit bis zu einer Million Gästen. Zur Herrichtung des Geländes wurden „76.000 Kubikmeter Kies“ bewegt sowie „57 Kilometer Kabel verlegt, um 32 Großbildleinwände und hundert Beschallungsstationen mit Strom zu versorgen“. Das alles, damit der Top Act des Staraufgebots akustisch und optisch einwandfrei rüberkommt: Papst Benedikt XVI.

„Tourismus, Gleichgesinnte, Spaß, Liturgie und die Papstbegegnung“

Bei der Ausrichtung eines derartigen Großereignisses wandelt die katholische Kirche auf einem schmalen Grat. Da sie die Jugend erreichen will, begibt sie sich zwangsläufig in Konkurrenz zu spirituell weniger ambitionierten Festivalanbietern a la „Rock am Ring“. Je näher sie diesen weltlichen Wettbewerbern in der Ausgestaltung kommt, desto größer das Risiko, daß der eigentliche Charakter des Weltjugendtages in den Hintergrund gerät und die Teilnehmer vor lauter bunter Ereignishaftigkeit übersehen, daß sie sich immer noch auf einem „Pilgerweg des Glaubens“ befinden sollen.

Bei der Deutschen Bischofskonferenz hatte man diese Gefahr offenbar gewittert und daher zum Weltjugendtag 2002 in Toronto eine Umfrage unter dem Titel „Religion zwischen Alltag und Event“ initiiert, die in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Religionspädagogik der Universität Würzburg erhoben wurde. Geklärt werden sollte, welche Jugendliche aus welchen Gründen kirchliche „Events“ besuchen - und somit als Zielgruppe für kirchliche Jugendarbeit in Frage kommen.

Das Fazit der Untersuchung war einigermaßen beruhigend: „Tourismus, Gleichgesinnte, Spaß, Liturgie und die Papstbegegnung“ seien für die Befragten die stärksten Antriebe, um zum Weltjugendtag zu fahren, faßt die Studie zusammen. „Flirten“, „Freizeit ohne Kontrolle durch die Eltern genießen“ oder „einen Partner finden“ wurden dagegen seltener als Begründung genannt. Wenn auch deutlich öfter als „zur Beichte gehen“.

Der Kirchentag als Gemeinschaftserlebnis

Gemeinsam mit dem Würzburger Religionspädagogik-Professor Hans-Georg Ziebertz hat der Diplom-Theologe Christian Scharnberg von der Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz die Studie betreut. Scharnberg unterteilt die Weltjugendtags-Teilnehmer in vier Gruppen: Einen Pol bildeten die stark kirchlich organisierten Pilger, „denen Religion und der Papst am Herzen liegen und die sich zudem an der weltkirchlichen Erfahrung erfreuen“. Auf der anderen Seite gebe es „Kirchenferne“, die sagten, der Papst sei nicht sonderlich interessant, und sie seien vor allem aus Spaß dabei.

Zwischen diesen Polen sieht Scharnberg noch „Schnupperchristen“ und „Kritische“. Die „Kritischen“ seien meist etwas älter und kirchlich organisiert, aber skeptisch gegenüber dem Event-Charakter der Veranstaltung. Oft handele es sich bei ihnen um „verbandliches Urgestein“, die in der kirchlichen Jugendarbeit der siebziger Jahre sozialisiert worden seien und typischerweise dem Vatikan auf eine Art und Weise „ambivalent“ gegenüberstünden, die für heutige Jugendliche nicht mehr typisch sei. In diese Gruppe dürfte man wohl den guten alten Kirchenkritiker Eugen Drewermann einsortieren, der am Samstag in einem Interview mit der „taz“ monierte, der Weltjugendtag sei „ein reines Spaßevent“.

So unterschiedlich die Motive der Weltjugendtagsbesucher seien, sagt Scharnberg, würden sie doch durch eine gemeinsame Erfahrung geeint, die eine „Selbstbestätigung der katholischen Jugend“ bewirke. Das Signal, das vom Weltjugendtag ausgehe, laute: „Es ist nicht abwegig, katholisch zu sein, sondern dieser Glaube ist lebbar, etwas Fröhliches. Und er ist sozial bewährt.“ Diese Erfahrung sei gerade für Jugendliche aus „entkirchlichten Ländern“ wichtig, und dazu müsse man heute auch Deutschland zählen. Gerade im Osten säßen junge Katholiken vereinzelt zu Hause, auf dem Jugendtag aber erlebten sie ihren Glauben „oft zum ersten Mal in einer großen Gemeinschaft“. Das hat Konsequenzen für die Jugendarbeit, denn gerade für diejenigen, die sich nach einer solchen Erfahrung stärker engagieren wollen, muß die Kirche Angebote bereitstellen. Genau daran habe es aber nach früheren Weltjugendtagen gefehlt, der Frust bei den Jugendlichen war entsprechend groß.

Mobiler und dynamischer

„Wir müssen Angebote haben, die mindestens so attraktiv sind wie der Weltjugendtag, damit der Weltjugendtag nicht als Fake empfunden wird“, sagt Scharnberg und ist sich da einig mit dem Vorsitzenden der Jugendkommission der Deutschen Bischofskonferenz, dem Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode. „Wir merken, daß es Events geben muß. Aber sie müssen auch zurückführen in den Alltag und verbunden sein durch Strukturen, in denen es Verbände, Begegnungen und Projekte gibt, die Verbindlichkeit und Kontinuität gewährleisten“, sagt der Jugendbischof, der sich vom Weltjugendtag „Rückenwind“ für die Jugendpastoralarbeit erhofft.

Im Weltjugendtagsmotto, dem Satz der Heiligen Drei Könige „Wir sind gekommen, Ihn anzubeten“, stecke die Frage, „welchem Stern wir eigentlich folgen, vor wem oder was wir heute in die Knie gehen“. Und damit auch weiterführende Fragen, wie sie sich junge Menschen auf der ganzen Welt stellten: Wie gelingt mein Leben? Wie gelingen meine Beziehungen? Wie meine Zukunft? Gibt es einen Gott? Welche Bedeutung hat er für mein Leben? „Darauf müssen wir Antworten geben, und wir müssen echte Maßstäbe anbieten“, sagt Bode.

Um junge Menschen zu erreichen, die Antworten auf solche Fragen suchen, will die katholische Kirche auch abseits von Events nach neuen Wegen suchen. „Jugendarbeit hört heute oft nach Firmung und Katechese auf, spätestens aber mit 16 oder 18 Jahren“, sagt Christian Scharnberg. „Dann beginnt sie erst wieder bei der Familiengründung. Dabei liegen zwischen dem Alter von 16 und dreißig Jahren mindestens drei verschiedene Zielgruppen.“ Doch gerade während der Studienzeit seien die Menschen heute mobil und nicht mehr in die Heimatgemeinden eingebunden - und gingen der Kirche oft verloren.

Auf ihre alten Tage will deshalb auch die katholische Kirche etwas mobiler und dynamischer werden. Um die vorhandene „Sehnsucht vieler Jugendlicher nach Sakralität“ zu bedienen, setzt man im Bistum Osnabrück seit geraumer Zeit an Schulen und bei Veranstaltungen eine mobile Zeltkirche ein. Mit durchaus beachtlichem Erfolg, wie Bischof Bode berichtet.

Mitarbeit: Christine Ritzenhoff

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.08.2005, Nr. 32 / Seite 47
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