15.04.2006 · Die Egoisten, die nicht mit den Armen teilten, die Lust an der Überschreitung von Grenzen, die Gentechnik und die Bedrohung der Familien: In seinen Gebeten am Karfreitag hat Benedikt XVI., der erstmals als Papst den Kreuzweg beschritt, die Laster der modernen Welt gegeißelt.
Bei Fackelschein und sternklarem Himmel hat Papst Benedikt XVI. am Freitag abend erstmals den Kreuzweg in Rom geleitet. An der Karfreitags-Prozession am stimmungsvoll erleuchteten Kolosseum nahmen Zehntausende Gläubige teil.
Gemeinsam mit zahlreichen Pilgern machte sich der Kirchenführer auf den Weg, um bei Meditationen und Gebeten die 14 Stationen der Verurteilung Jesu zum Kreuzestod bis zu seiner Grablegung nachzuvollziehen. In Anlehnung an die in der Bibel überlieferten Begebenheiten wurden an jeder der Stationen Gebete und Meditationen verlesen. Die Texte hat in diesem Jahr der Generalvikar von Rom, Erzbischof Angelo Comastri, verfaßt.
Die Dekadenz des Egoismus
In dem vorab veröffentlichten Wortlaut der Via Crucis prangert der Vatikan dabei scharf Hunger und Elend in der Welt an und beklagt den Verfall der Familie. „Herr Jesus, laß den Skandal enden, der die Welt teilt in Villen und Baracken“, hieß es in einem Gebet. „Ein Schritt genügte, und die Armen könnten sich zu Tisch setzen und die Traurigkeit verscheuchen von der Tafel der Egoisten, die für sich allein nicht feiern können“. Am Ende des Kreuzweges hielt der deutsche Papst, der in einen bis zum Boden reichenden roten Umhang gehüllt war, eine kurze Ansprache. Dabei betonte er, daß die Via Crucis keineswegs der Vergangenheit angehöre, sondern „Kontinente und Zeiten überschreite“.
Karfreitag: Benedikt XVI. auf dem Kreuzweg
Vor allem griff die katholische Kirchen beim ersten Kreuzweg unter Papst Benedikt XVI. die Laster der modernen Welt an: „Herr Jesus, der Wohlstand läßt uns unmenschlich werden, die Vergnügung ist zur Entfremdung, zur Droge geworden; und der monotone Werbespot dieser Gesellschaft ist die Einladung, im Egoismus zu sterben“, hieß es. Es sei nötig, sich von der „Dekadenz des Egoismus“ zu befreien, um wieder Lebensfreude zu finden.
„Die dümmste Arroganz“
Zur Familie und mit Blick auf die Gentechnologie hieß es in der siebten Station, der Mensch wolle die Familie neu erfinden und das verändern, was Gott ersonnen hatte: „Doch sich an Gottes Stelle zu setzen, ohne Gott zu sein, ist die dümmste Arroganz, ist das gefährlichste Abenteuer.“
„Sicherlich ist ein schmerzliches Leiden Gottes der Angriff auf die Familie“, hieß es in den Meditationen.“ Es scheint als gebe es heute eine Art Anti-Genesis, einen Gegen-Entwurf, einen diabolischen Hochmut, der die Familie abschaffen will.“ Eine andere Stelle richtete sich offenbar gegen Genmanipulationen und das Klonen von Erbgut. Dabei handle es sich um den Versuch, die Menschheit neu zu erfinden, „die Grammatik des Leben selbst, von Gott so ersonnen und gewollt“ zu verändern.
„Heimtückische Propaganda“
Die Menschheit habe das Empfinden für die Sünde verloren, hieß es an einer weiteren Stelle. „Mit heimtückischer Propaganda verbreitet sich heute eine törichte Apologie des Schlechten, ein absurder Kult Satans, ein unsinniger Wille zur Übertretung, eine verlogene und haltlose Freiheit, welche die Laune, das Laster und den Egoismus verherrlicht und sie als Errungenschaften der Zivilisation hinstellt.“ Teilweise trug Joseph Ratzinger das Kreuz bei der Prozession selbst. Im vergangenen Jahr hatte der damalige Kardinal Joseph Ratzinger die Meditationen geschrieben. Damals konnte Papst Johannes Paul II., schon von seiner schweren Krankheit gezeichnet, erstmals nicht mehr persönlich die Osterfeierlichkeiten leiten (siehe auch: Papst versagt die Stimme: „Es ist eine Qual für ihn“ sowie Johannes Paul II.: „Ich biete Euch mein Leiden an“).
Insgesamt wurde der Kreuzweg in 42 Ländern live im Fernsehen übertragen, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa. Am Samstag wollte der Papst vor Tausenden Gläubigen die nächtliche Osterwache im Petersdom halten. Im Verlauf der Messe wird in der Vorhalle das Osterlicht als Symbol für die Auferstehung Jesu von den Toten entzündet und in den Petersdom gebracht. Am Sonntag gehen die Osterfeierlichkeiten im Vatikan mit der feierlichen Ostermesse zu Ende. Der deutsche Papst, der an diesem Tag 79 Jahre alt wird, spricht dabei den traditionellen Segen „Urbi et Orbi (Der Stadt und dem Erdkreis).
Kritik am „Sakrileg“
Der offizielle Prediger von Papst Benedikt XVI. hat die Karfreitagsliturgie für eine scharfe Kritik an „pseudo-historischer Kunst“ genutzt. Bestimmte Romane, Filme und wissenschaftliche Veröffentlichungen nutzten den Namen von Jesus Christus, um ihre Verkaufszahlen in die Höhe zu treiben. Ohne den Bestseller „Das Sakrileg“ beim Namen zu nennen, ging er mehrfach auf Inhalt und Erfolg des Romans über ein angeblich geheimes Liebesleben von Jesus ein. Auch verurteilte er die jüngste Veröffentlichung des „Judas-Evangeliums“, das eine andere Darstellung der Umstände der Kreuzigung von Jesus gibt als die von der katholischen Kirche anerkannten Evangelien.
Die Menschen seien heutzutage fasziniert „von jeder neuen Theorie, nach denen Christus weder gekreuzigt noch gestorben ist, sondern mit Maria Magdalena davongelaufen ist“, sagte Raniero Cantalamessa, der das Amt des Predigers des päpstlichen Hauses innehat. „Niemand wird diese Welle an Spekulationen stoppen können, die sich mit dem bevorstehenden Start eines bestimmten Filmes noch steigern werden.“ Demnächst kommt eine Filmversion des „Sakrilegs“ in die Kinos.
Der Wohlstand laesst uns ++++
Georg Dargelies (ragnita)
- 15.04.2006, 20:10 Uhr