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Gedenken nach Anschlägen Tausende Norweger auf der Straße

25.07.2011 ·  Überwältigender kann die Reaktion auf mörderische Gewalt kaum ausfallen. In Oslo und anderen Städten versammeln sich die Norweger in ihrer Trauer. Größere Menschenmengen gab es seit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht mehr.

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Drei Tage nach dem Doppelanschlag in Norwegen haben sich tausende Norweger am Montagabend in Oslo und anderen Städten zum Gedenken an die 76 Opfer der Anschläge von Freitag zu „Blumenzügen“ versammelt. In der Hauptstadt füllte die Menschenmenge weite Teile der Innenstadt am Rathaus, als Kronprinz Haakon zweimal ausrief: „Heute sind unsere Straßen mit Liebe gefüllt.“ Der Thronfolger sagte, man könne die Anschläge vom 22. Juli mit vielen Toten nicht ungeschehen machen. „Aber wir können selbst wählen, was sie mit uns machen.“ Er forderte seine Landsleute auf, sich aktiv für ein Norwegen einzusetzen, in dem „Verschiedenheit als Chance begriffen wird“. Der Attentäter Anders Behring Breivik hatte seine Anschläge in Oslo und auf der Insel Utøya vor allem mit der Zuwanderung aus islamischen Ländern begründet.

Ministerpräsident Jens Stoltenberg sagte vor der riesigen Menschenmenge: „Norwegen wird diese Prüfung bestehen. Das Böse kann Menschen töten, aber niemals ein ganzes Volk besiegen.“ Die Antwort der Menschen auf die Anschläge müsse aus „mehr Offenheit, mehr Demokratie, mehr Bestimmtheit“ bestehen. In Erinnerung an den Überfall auf Norwegen durch das nationalsozialistische Deutschland 1940 sagte er: „Unsere Väter haben versprochen: Nie wieder ein 9. April. Wir versprechen: Nie wieder ein 22. Juli.“ Die Veranstaltungen waren am Wochenende von einer Privatinitiative gestartet worden. Die Initiatoren in Oslo rechneten mit bis zu 100.000 Teilnehmern unter den 550.000 Einwohnern. Auch aus anderen Städten wie Bergen und Stavanger wurden Menschenansammlungen gemeldet, wie Norwegen sie seit Ende des Zweiten Weltkrieges nicht erlebt hat.

Ein Hinweis auf Chemikalienkauf

Die norwegischen Sicherheitsbehörden haben am Montag eingeräumt, bereits im März auf den mutmaßlichen Attentäter Anders Behring Breivik aufmerksam gemacht worden zu sein. Der 32-Jährige sei auf einer Liste von 50 bis 60 Namen aufgetaucht, weil er bei einem polnischen Chemieunternehmen einen Einkauf im Wert von umgerechnet 15 Euro getätigt habe, sagte die Chefin des Polizeisicherheitsdiensts PST, Janne Kristiansen, am Montag dem norwegischen Fernsehsender NRK. Die Firma stehe unter Beobachtung, Behring Breiviks Einkauf sei aber zu unbedeutend gewesen, um weiter verfolgt zu werden. „Wir hatten absolut nichts gegen Behring Breivik in der Hand, er lebte ein unglaublich gesetzestreues Leben“, sagte Kristiansen.

Zuvor hatten bereits die polnischen Sicherheitsbehörden mitgeteilt, dass Behring Breivik Chemikalien zum Bau von Bomben über das Internet unter anderem bei einer polnischen Firma in Breslau bestellt habe. Es habe sich aber um legale Substanzen gehandelt. Auf Bitten der norwegischen Polizei sei der Inhaber des Unternehmens befragt worden. Die Kontakte wurden demnach aber als rein geschäftlich eingestuft. Den Behördenangaben zufolge bestellte Behring Breivik genau die Substanzen, die er laut seiner im Internet veröffentlichten 1500 Seiten starken Schrift zum Bau von Bomben benutzen wollte.

In dem Dokument schrieb der Verdächtige unter anderem von 300 Gramm Natriumnitrat zu einem Preis von umgerechnet zehn Euro, die er im vergangenen Dezember bestellt habe. Bei Rückfragen wollte er seinen Aufzeichnungen zufolge angeben, das Salz zum Pökeln von Elchfleisch zu brauchen. Behring Breivik bestellte laut dem Papier auch 150 Kilogramm Aluminiumpulver zu einem Preis von umgerechnet etwa 2000 Euro. Dieses hatte er am 1. März demnach aber noch nicht erhalten. Bei Erkundungen zu dem Pulver wollte er seiner Schrift zufolge behaupten, dieses zur Aufwertung einer Bootsfarbe nutzen zu wollen.

Breivik plädiert auf „nicht schuldig“

Der festgenommene Attentäter Anders Behring Breivik hat derweil die Taten gestanden, eine strafrechtliche Verantwortung dafür aber abgelehnt. Nach Angaben des zuständigen Richters an einem Gericht in Oslo, Kim Heger, sagte der Beschuldigte während der Verhandlung am Montag aus, er habe mit seinen Anschlägen auf das Regierungsviertel in Oslo sowie auf Mitglieder der Jugendorganisation der regierenden sozialdemokratischen Arbeiterpartei auf der Insel Utøya einen symbolischen Akt begehen wollen, „um Norwegen und Westeuropa vor einer Übernahme durch Muslime zu retten“. Die Arbeiterpartei habe Volk und Land verraten und nun dafür bezahlen müssen.

Die norwegische Polizei teilte derweil mit, dass bei den Anschlägen insgesamt 76 Menschen ums Leben gekommen seien, acht in Oslo und 68 auf Utøya. Die Zahl war bisher mit 93 angegeben worden, sieben in Oslo und 86 auf Utoya. Die Polizei wies auf die komplizierte Aufklärungsarbeit bei der Identifizierung von Toten und bei den Angaben über Vermisste hin.

Breivik wollte in Uniform vor Gericht erscheinen

Der Anwalt des Beschuldigten, Geir Lippstad, hatte mitgeteilt, sein Mandant verlange eine öffentliche Gerichtsverhandlung, um seine Motive für den Bombenanschlag und das auf Utøya angerichtete Blutbad darlegen zu können. Der Vertreter der Polizeibehörde hatte dagegen gefordert, die Öffentlichkeit auszuschließen. Das Gericht folgte diesem Antrag mit der Begründung, eine öffentliche Verhandlung könne die andauernden Ermittlungen beeinträchtigen und sei auch aus Sicherheitsgründen abzulehnen. Es beschloss, dass Breivik zunächst für acht Wochen bis zum 26. September - in Untersuchungshaft gehalten werden könne. Die ersten vier Wochen der Untersuchungshaft soll er in Isolation verbringen, um die Ermittlungen der Polizei in dem Fall nicht zu stören.

Zu Angaben Breiviks, wonach es „zwei weitere Zellen in unserer Bewegung“ gebe, sagte eine Richterin, das müsste geprüft werden. Anwalt Lippstad hatte am Montagvormittag mitgeteilt, sein Mandant wünsche, in einer „Uniform“ vor Gericht zu erscheinen. Welche Art von Uniform gemeint gewesen sein könnte, wisse er aber auch nicht. Breivik versteht sich offenbar, wie ein von ihm am Tag des Anschlags ins Internet gestelltes Konvolut von mehr als 1500 Seiten vermuten lässt, als Angehöriger eines modernen Kreuzritterordens, der sich dem Kampf gegen den Islam verschrieben hat. Ein Grund für ein nicht-öffentliches Verfahren dürfte gewesen sein, dem Beschuldigten keine Bühne für die Verbreitung seiner abstrusen Ideen zu bieten.

Tausende versammelten sich am Dom

Mit einer Schweigeminute gedachte die Bevölkerung Norwegens am Montagmittag der Opfer der Anschläge. In Anwesenheit König Haralds V. und des Kronprinzen erklärte Ministerpräsident Jens Stoltenberg vor der Aula der Osloer Universität einen Moment der Stille und des Innehaltens für das ganze Land. Auf dem Universitätsplatz und am Osloer Dom hatten sich bereits im Laufe des Tages Tausende versammelt, um wie an vielen andern Orten überall in Norwegen gemeinsam ihren Zusammenhalt und ihr Mitgefühl mit den Angehörigen der Opfer zu bekunden. Danach trugen sich Mitglieder der Königsfamilie und der Regierung als Erste in ein Kondolenzbuch ein, das in der Aula, wo jedes Jahr der Friedensnobelpreis verliehen wird, ausgelegt worden ist.

In seinem Manifest, das mit „2083 - Eine Europäische Unabhängigkeitserklärung“ überschrieben und in englischer Sprache verfasst ist, führt Breivik unter anderem Kontakte zur „English Defence League“ (EDL) an, die gegen eine angebliche Islamisierung Großbritanniens wendet; er habe mehr als 600 EDL-Mitglieder als Facebook-„Freunde“ gehabt und mit etlichen Führern der Organisation gesprochen. Die EDL teilte mit, es habe nie „offiziellen Kontakt“ zwischen ihr und Breivik gegeben. Der Sprecher des britischen Premierministers David Cameron sagte am Montag, der Nationale Sicherheitsrat habe die Geheimdienste und die Polizei aufgefordert, sicherzustellen, dass rechtsextreme Gruppierungen angemessen beobachtet würden. Die Polizei solle zudem möglichen Verbindungen zwischen Breivik und britischen Rechtsextremen nachgehen.

Einige Passagen fast wortgetreu vom „Unabomber“ übernommen

Einige Passagen des Manifests sind fast wortgetreu von dem amerikanischen „Unabomber“ Ted Kaczynski übernommen. Kaczynski wurde wegen einer Serie von Briefbombenanschlägen in den Vereinigten Staaten von den siebziger bis in die neunziger Jahre, bei denen drei Menschen getötet und 23 verletzt wurden, zu lebenslanger Haft verurteilt und sitzt in einem Zuchthaus in Colorado.

Breivik übernahm Abschnitte, die sich auf den ersten Seiten von Kaczynskis in den neunziger Jahren veröffentlichtem Manifest finden, ohne wie bei anderen Zitaten auf den Urheber hinzuweisen. In einer Passage, in der sich der Amerikaner über das „Minderwertigkeitsgefühl“ der Linken auslässt, ersetzte Breivik den Begriff „Linksradikalismus“ durch „Multikulti“ beziehungsweise „Kulturmarxismus“

Breivik schickte sein Manifest auch an die NPD

Nach einem Bericht des „Tagesspiegels“ sandte Breivik sein Manifest gezielt an mehrere hundert E-Mail-Adressen von Rechtsextremisten in Europa und den Vereinigten Staaten. Unter Berufung auf Sicherheitskreise berichtete die Zeitung, der Attentäter habe am Freitag zwischen 14.08 Uhr und 14.18 Uhr das Pamphlet an rechtsextreme Organisationen und Gruppierungen gesandt; etwa eine Stunde später explodierte die Bombe in Oslo. Die E-Mails gingen demnach auch nach Deutschland, wo es, so Breivik in seinem Manifest, keine islamfeindliche Partei „von Bedeutung“ gebe. Diese Mails seien unter anderem an die NPD-Zentrale in Berlin sowie an Mail-Adressen der Partei in Erfurt, Aschaffenburg und Unna gegangen.

Weitere Empfänger seien Gruppierungen wie der „Nationale Widerstand Dortmund“, die „Autonomen Nationalisten Ostfriesland“ und die rechtspopulistische Partei „Bürger in Wut“ gewesen, die mit einem Sitz in der Bremischen Bürgerschaft vertreten ist. Breivik hat aber nach Erkenntnissen der deutschen Sicherheitsbehörden keine Beziehungen in die Bundesrepublik gehabt. „Tat und Täter weisen nach derzeitigem Kenntnisstand keine Bezüge nach Deutschland auf“, sagte ein Sprecher des Bundesinnenministeriums am Montag in Berlin. Breivik hatte geschrieben, Bundeskanzlerin Angela Merkel sei „der am wenigsten schlechte Führer der größeren Nationen“; die Kanzlerin sorge aber mit ihrer Unterstützung der „schrecklichen EU-Verfassung“ für eine „Eurabisierung“ Europas.

Nach norwegischem Recht kann der Täter bei einem Mordprozess zu maximal 21 Jahren Haft verurteilt werden. Sollte er wegen psychischer Störungen für unzurechnungsfähig erklärt werden, käme er auf Dauer in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung. Am Montag wurde angekündigt, dass Breivik rechtspsychiatrisch auf seine Zurechnungsfähigkeit untersucht werde.

Attentäter wollte angeblich Brundtland töten

Angeblich wollte der Attentäter bei dem Massaker auf der kleinen Insel Utøya auch die frühere Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland ermorden. Die Osloer Zeitung „Aftenposten“ berichtete am Montagmorgen in ihrer Online-Ausgabe unter Berufung auf Polizeikreise, dass Breivik dies bei Verhören angegeben habe.

Die 72 Jahre alte Brundtland war nach mehreren Amtszeiten als Ministerpräsidentin bis 2003 Generalsekretärin der Weltgesundheitsorganisation WHO. Brundtland trat am frühen Freitagnachmittag beim sozialdemokratischen Jugendlager auf der Insel Utøya auf. Breivik hatte die oft als „Landesmutter“ bezeichnete Politikerin als „Landesmörderin“ bezeichnet. Vor der Polizei gab der Attentäter nach den Angaben von „Aftenposten“ an, dass er sich auf der Insel verspätet habe. Auch seine Pläne für die vorherigen Bombenexplosionen seien eigentlich umfassender gewesen.

Polizei weist Kritik wegen späten Eingreifens zurück

Norwegens Polizei verteidigt sich unterdessen gegen den Vorwurf eines zu späten Eingreifens auf Utøya. Der Osloer Polizeichef Anstein Gjengedal sagte am Montagmorgen im TV-Sender NRK, die Antiterroreinheit „Delta“ sei am Freitag sofort nach dem ersten Alarmruf trotz der vorherigen Bombenexplosion im Osloer Regierungsviertel in Gang gesetzt worden: „Wir waren schnell da.“

Der Attentäter Breivik hatte für seinen Angriff auf etwa 600 Jugendliche des Ferienlagers eine Stunde Zeit, bis er festgenommen wurde. Die Eliteeinheit der Polizei war in Autos aus dem 45 Kilometer entfernten Oslo gekommen. Sie verlor nach Angaben mehrerer Medien auch Zeit, weil beim Übersetzen auf die kleine Fjordinsel Utøya ein Bootsmotor streikte. (Siehe auch Hätte ein früheres Eintreffen der Polizei auf der Insel Utøya Leben retten können?)

Gjengedal sagte zur Entscheidung für Autos statt Hubschrauber als Transportmittel: „Es war einfach das Schnellste.“ Der als Transportmittel einzig denkbare Hubschrauber des norwegischen Militärs habe außerhalb Oslos gestanden und wäre deshalb langsamer gewesen. „Wir haben mehrere Jahre lang um einen eigenen Transporthubschrauber gebeten, aber ohne Erfolg“, sagte der Polizeichef. Der einzige Überwachungshubschrauber der Polizei war für einen schnellen Flug nach Utøya nicht einsetzbar, weil das gesamte Personal Ferien machte.

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