Dem ostdeutschen Maler Bernhard Heisig gelang es nicht trotz Lähmung und Leben im Rollstuhl, den Pinsel für immer aus der Hand zu legen. Neun Monate nach seinem Tod im havelländischen Strodehne überrascht die Galerie Berlin in der Auguststraße mit einem Querschnitt durch das Alterswerk des prominenten Mitglieds der Leipziger Schule, dem es in der Nachfolge seines Idols Max Beckmann gelang, die genuine „Wut der Sinne“ in kreative Energie umzuwandeln. Überschrieben ist die Versammlung kleinformatiger Ölbilder mit dem Titel eines Gemäldes: „Selbst mit Trompete“ auftretend, verweist der Maler auf jenes Musikinstrument, das sich als bedeutungsschweres, Unheil abwehrendes Requisit in den meisten seiner figuralen Kompositionen wiederfindet. Nicht selten übernimmt die goldfarben-leuchtende Trompete sogar die Rolle des Hauptmotivs.
Wenige Monate vor seinem Tod am 10. Juni 2011 verband Heisig das von ihm selbst nie zum Klingen gebrachte Instrument mit einem attraktiven weiblichen Modell als „Solo im Freien“ (35.000 Euro). Den Mittelpunkt der Zusammenkunft letzter Werkproben bilden drei imaginäre Bildnisse Friedrichs des Großen, auf denen der Preußenkönig in einer verzweiflungsvollen Geste die Hände vor das Gesicht schlägt, während sich seine übergroßen blauen Augen auf den Betrachter richten (35.000 bis 45.000 Euro). Grob geschätzt, erscheint Friedrich der Große auf fünfzig von rund 800 nachgelassenen Werken, denen der dringend erwünschte Oeuvrekatalog bisher ermangelt. Nach der 1981 erfolgten Rehabilitierung des zuvor zum feudalistischen Kriegstreiber gestempelten Regenten plazierte Heisig den Monarchen zwischen dem Tabakskollegium seines Vaters Friedrich Wilhelm und dem Schauplatz der Enthauptung des Jugendfreunds Katte: Das 1988 vollendete Triptychon, auf dem auch Friedrichs Lieblingspferd Condé und die bewunderte Tänzerin Barberina Platz fanden, wurde 1990 an den rheinischen Sammler Peter Ludwig verkauft.
Im ostdeutschen Raum verfügt das Leipziger Museum der bildenden Künste mit 23 Positionen über den reichsten Bestand an Früh- und Spätwerken Bernhard Heisigs. Soweit die Gemälde – darunter der „ Brigadier“, das Porträt des Dirigenten Vaclav Neumann und die zauberhafte Naturimpression „Es regnet“ – nicht direkt beim Künstler erworben wurden, gelangten sie als Geschenk der Kommunalverwaltung in die Sammlung. Im Westen waren es Michael Hertz in Bremen und Dieter Brusberg in Hannover, die mit dem auf Devisen erpichten Staatlichen Kunsthandel der DDR kooperierten. 1982 nach Berlin übergesiedelt, intensivierte Brusberg seinen Einsatz für den bewunderten Maler aus dem anderen Deutschland, wovon neben großen Museen auch private Sammler wie Hartwig Piepenbrock oder die Kunstkollektion der Grundkreditbank profitierten. Der florierende Handel mit Heisig-Werken endete 1995, nachdem es zwischen dem Künstler und dem Galeristen zu Differenzen gekommen war.
Faust als schlotternde Marionette
Den Vertrieb von Gemälden, Zeichnungen und Graphiken übernahm der zuvor im Staatlichen Kunsthandel der DDR tätig gewesene Rüdiger Küttner, der eine Etage in der Friedrichstraße bespielte, ehe steigende Mieten eine Verkleinerung der Schauräume erzwangen. Heisig überließ Küttner die Distribution der zuletzt eiserner Disziplin abgerungenen Arbeiten. Noch einmal rief er sich die Geschöpfe seiner flackernden Phantasie vor das innere Auge, unter ihnen Goethes Faust, der als schlotternde Marionette vor einem die Zähne bleckenden Totenschädel flieht, nicht vor Mephisto, wie es der dramatische Text nahegelegt hätte.