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VW in China Die größte Autofabrik der Welt

17.06.2010 ·  Das Volkswagen-Werk in Schanghai läuft Wolfsburg erstmals den Rang ab. In der chinesischen Fabrik sollen in diesem Jahr gut eine Million Wagen vom Band rollen. Die Nachfrage im bisher noch wenig motorisierten China ist riesig.

Von Christoph Ruhkamp, Shanghai
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Jahrzehntelang war das Volkswagen-Stammwerk in der niedersächsischen Stadt Wolfsburg die größte Autofabrik der Welt. Rund 750.000 Personenwagen rollten dort jedes Jahr vom Band - mehr als an jedem anderen Standort. Doch in diesem Jahr könnte Wolfsburg den Platz an der Spitze der Rangliste verlieren. Zwar bleibt der Status des größten Werks dem VW-Konzern erhalten. Aber die meisten Autos wird 2010 wohl das aus drei Fabrikhallen bestehende VW-Werk in Schanghai produzieren.

Die „Autostadt Anting“ - eine Gemeinde gut 30 Kilometer westlich vom Zentrum der fast 18 Millionen Einwohner zählenden Hafenstadt - ist eines der Zentren der chinesischen Autoindustrie und zugleich der Standort des Gemeinschaftsunternehmens von VW und der Stadtregierung von Schanghai. Die bald 25.000 Arbeiter von Schanghai-Volkswagen schrauben in diesem Jahr eine Rekordzahl an Autos zusammen. „Es werden wohl zum ersten Mal mehr als eine Million Stück werden“, sagt Winfried Vahland, der seit 2005 das vor 30 Jahren begründete China-Geschäft von VW führt und in diesem Herbst zur tschechischen VW-Konzerngesellschaft Skoda wechselt.

Der Nachholbedarf ist groß

Gebaut werden in Schanghai an chinesische Bedürfnisse angepasste Modelle wie der „Lavida“, der „Polo Jinqing“ oder der „Polo Jinqu“. Vahland hat kurz vor seinem Weggang aus China noch die Weichen für riesige Investitionen gestellt: Binnen drei Jahren entwickelt VW für 6 Milliarden Euro mehr als 20 neue Automodelle und baut vier neue Werke im Süden des Landes. „Für den VW-Konzern ist China inzwischen der größte und wichtigste Absatzmarkt weltweit“, sagte der VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn kürzlich anlässlich der Vertragsunterzeichnung für ein neues Werk in der Provinzstadt Foshan. Bis 2013 verdoppelt sich die Produktionskapazität auf 3 Millionen Autos im Jahr. Schon im kommenden Jahr verkaufen die beiden VW-Unternehmen in China zusammen mehr als 2 Millionen Autos und festigen damit die Position als Marktführer in China - vor dem amerikanischen Rivalen General Motors.

Der Nachholbedarf ist groß: Der Motorisierungsgrad in China entspricht dem deutschen im Jahr 1956. Im größten Automarkt der Welt werden in diesem Jahr erstmals über 10 Millionen neue Wagen verkauft - eine Verdoppelung binnen drei Jahren. Und in zehn Jahren dürften es laut Schätzung der Unternehmensberatung McKinsey jährlich 20 Millionen werden. Es geht also um eine riesige, schnell wachsende Nachfrage. Dementsprechend überlastet laufen die VW-Fabriken derzeit an mehr als 300 Tagen im Jahr - selbst an Sonntagen wird oft gearbeitet.

Die Arbeiter in Schanghai verdienen bei VW mit umgerechnet etwa 600 Euro im Monat zwar doppelt so viel wie bei dem von Streiks geplagten japanischen Konkurrenten Honda. Es ist aber nur ein Zehntel von dem, was die deutschen Konzern-Kollegen bekommen. Für einen Neuwagen, der in China im Durchschnitt 15.000 Euro kostet, müssen die Arbeiter lange sparen. Weil die Chinesen so günstig arbeiten, werden sie vorerst nicht durch Roboter ersetzt: „Der Automatisierungsgrad ist in Schanghai viel geringer als in Wolfsburg - bei 85 zu 25 Prozent“, sagt Fabrikchef Torsten Knaussmann, der sich als einsame „Langnase“ unter „Kurznasen“ bezeichnet.

Deutsche Arbeiter vor Billigkonkurrenz schützen

Gespart wird nicht an der Qualität der Autos, wohl aber an den Sozialleistungen. Eine Betriebsrente gibt es für die Arbeiter in Anting bislang nicht, auch wenn Vahland das so bald wie möglich ändern möchte. Trotz der riesigen Unterschiede in der Bezahlung zwischen Deutschland und China sowie innerhalb Chinas spielt der Lohn nicht die zentrale Rolle im Kampf um den Automarkt.

Der Grund dafür ist verblüffend einfach: „Die Lohnkosten machen kaum mehr als 10 Prozent der Gesamtkosten aus“, sagt VW-Schanghai-Manager Jörn Hasenfuß. Zudem dürfen die beiden chinesischen VW-Unternehmen ihren Lohnkostenvorteil ohnehin nicht voll ausspielen: Die Zentrale in Wolfsburg hat Exporte aus China heraus verboten - wohl auch, um die deutschen Arbeiter vor der Billigkonkurrenz zu schützen. „Umgekehrt werden im Jahr 2010 mehr als 60.000 VW-Premiumfahrzeuge aus Deutschland nach China importiert“, sagt Vahland.

„Chinesen lieben viel Schnickschnack“

In Schanghai lässt VW unter anderem den „Lavida“ produzieren - das erste und bisher einzige vollständig in China für den dortigen Markt entwickelte Auto. Die Limousine vereinigt alles, was Chinesen besonders mögen: Sie ist recht groß, oder genauer gesagt: lang, hat ein Stufenheck, viel Chrom - jedenfalls wie Chrom aussehendes Plastik - sowie einen hellbeige gefärbten Innenraum, der teilweise mit Holzmaserung vortäuschenden Folien ausgekleidet ist. „Chinesen lieben viel Schnickschnack, viele Ornamente, zum Beispiel LED-Lämpchen“, sagt China-Designchef Simon Loasby. Nicht gespart wird an der zentralen Antriebstechnik. Schon in drei Jahren soll der Lavida in einer Elektrovariante mit einer Lithiumbatterie auf den Markt kommen. Sogar ein Passat „Lingyu“ mit Wasserstoff-Brennstoffzelle ist später geplant.

Auch wenn die meisten Chinesen bitterarm sind, so gibt es doch immer mehr Wohlhabende, die sich auch teure Autos leisten können. So stellte VW kürzlich die überarbeitete Variante des Luxuswagens Phaeton zuerst in China vor, und für die bei hohen chinesischen Regierungsbeamten beliebte VW-Premiummarke Audi ist China längst der wichtigste Markt geworden. Audi produziert dort mehr als 200.000 Wagen im Jahr und hat bald 200 Händler.

Alle möglichen Annehmlichkeiten für die Kunden

Selbst ein besonders teurer Sportwagen wie der Audi R8 für mehrere 100.000 Euro findet in China durchaus seine Kunden. „Die Käufer des R8 sind im Durchschnitt 24 Jahre alt. Es sind die Kinder reicher Eltern, die auch selbst bestens ausgebildet sind“, sagt Johannes Thammer. Der Bayer ist Verkaufschef von Audi in China und kennt sich bestens mit den besonderen Vorlieben wohlhabender Kunden aus. Gerade erst hat er zusammen mit Investoren ein neues Audi-Service-Center in Schanghai in Betrieb genommen. Dort können die Audi-Fahrer ihren Wagen hinbringen, wenn das Öl gewechselt oder ein Teil ausgetauscht werden muss.

Anders als in Deutschland macht der Kunde während der Reparaturzeit keine anderen Erledigungen, sondern wartet in einem eigens dafür vorgesehenen Raum. Neben allen möglichen Annehmlichkeiten findet sich dort auch ein Bildschirm, auf dem der Kunde überwachen kann, was der Mechaniker in der Werkstatt mit seinem Auto anstellt.

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Jahrgang 1972, Redakteur in der Wirtschaft.

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