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Villeroy & Boch hofft auf die Trendwende

26.08.2009 ·  Der Keramikhersteller will im kommenden Jahr wieder einen Gewinn erwirtschaften

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tag. METTLACH, 26. August. "Wenn sich die Lage auf diesem Niveau stabilisiert, packen wir 2010 die schwarze Null", sagt der Vorstandsvorsitzende von Villeroy & Boch, Frank Göring, im Gespräch mit dieser Zeitung. Das saarländische Traditionsunternehmen musste im ersten Halbjahr einen Umsatzrückgang von 20 Prozent auf knapp 350 Millionen Euro verkraften und hat angekündigt, ein Zehntel der 9000 Stellen zu streichen. Im Juli hätten sich die Erlöse zwar deutlich besser entwickelt, das Niveau sei aber immer noch weit unter dem der Vorjahre, sagt Göring. Bis Jahresende erwartet der 48 Jahre alte Manager einen Vorsteuerverlust zwischen 20 und 25 Millionen Euro, dazu kommen die bereits verkündeten 60 Millionen Euro Restrukturierungskosten. Vor allem die margenstarke Badkeramik, also WC und Waschtische, die für gut 60 Prozent der Gruppenumsätze steht, ist von der Krise getroffen. Die imageträchtige, aber margenschwächere Sparte Tischkultur rund um Teller, Tassen und Service hält sich dagegen noch vergleichsweise gut.

Schuldenfrei und mit einer Liquiditätsreserve von 200 Millionen Euro sieht sich Göring zwar gut für die Rezession gerüstet. Noch ein Verlustjahr aber würde auch "die Familie weiter unter Spannung setzen", wie er sagt. Heute kontrollieren etwa 250 Nachkommen der von Bochs und Villeroys sämtliche Stimmrechte und rund ein Fünftel der Vorzugsaktien des 260 Jahre alten Unternehmens. Seit Mai führt der langjährige Vorstandsvorsitzende Wendelin von Boch den Aufsichtsrat. Das prominente Familienmitglied hat bereits mit der Verlegung des Unternehmenssitzes gedroht, sollte Linken-Chef Oskar Lafontaine Ministerpräsident im Saarland werden. Die Familien sind fest mit dem Saarland verwurzelt: Der Stammsitz befindet sich in Mettlach, unmittelbar an der Saarschleife in einer ehemaligen Benediktinerabtei. Davor plätschert ein Brunnen des Baumeisters Karl Friedrich Schinkel, 1833 ein Geschenk des preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm an Jean-François Boch. Familie und Unternehmen sind noch immer eng verbunden, das zeigt sich nicht nur an drei Familienmitgliedern im Aufsichtsrat, sondern auch räumlich: Vorstandschef Frank Göring residiert heute im einstigen Geburtszimmer Wendelin von Bochs. Nicht alle Nachkommen des saarländischen Industrieadels aber sind so auf Rosen gebettet, dass ihnen der Werteverfall ihrer Anteile oder gar der Ausfall einer Dividende gleichgültig sein könnte. Im Vorjahr hatte der Konzern trotz mancher Kritik fast den gesamten Gewinn als Dividende ausgeschüttet, obwohl das Krisenjahr 2009 bereits absehbar war. Göring, der seit 2007 die Geschäfte führt, betont stattdessen die Vorteile eines familiendominierten Unternehmens: Es gehe eben nicht nur um Renditemaximierung, sondern auch um soziale Verantwortung; ohne diese "langfristige Denke" wäre die Entscheidung für manche Strukturreform in der Gruppe schon früher und härter gefallen. Im laufenden Jahr sei eine Dividende nur dann zu rechtfertigen, wenn sich bis Jahresende ein spürbarer Aufwärtstrend zeige, sagt er und verweist dabei auf die gute Kapitalausstattung der Gesellschaft.

Die Arbeitnehmer spüren derweil den Umbau in voller Härte. Jede zehnte der 9000 Stellen fällt weg. Sechs Werke werden geschlossen oder verkauft. Das Gros ist mit den Arbeitnehmern ausgehandelt. Lediglich in Luxemburg, ausgerechnet dem einstigen Gründungssitz der Gruppe, stößt der Vorstand auf heftigen Widerstand von Gewerkschaften und Politik. Dabei ist Villeroy & Boch zusammen mit dem aus der Insolvenz geholten bayerischen Konkurrenten Rosenthal nach Görings Worten der einzige Anbieter von Bedeutung, der überhaupt noch in Deutschland produziert. Villeroy & Boch hatte selbst Interesse an Rosenthal angemeldet, nicht zuletzt, um zu verhindern, dass ein Hersteller aus China mit der Traditionsmarke Fuß fasse. Zudem hätte sich das Sortiment in einigen Punkten gut ergänzt, sagt Göring. Aber weder wollte er den geforderten Preis bezahlen, noch hätte Villeroy die gewünschte Zahl der Mitarbeiter garantiert.

Villeroy & Boch beschäftigt am Ende des Umbaus noch gut 300 Mitarbeiter in der Tischkeramik-Produktion. Dass der italienische Rosenthal-Käufer Sambonet mit 900 Beschäftigten und dem halben Villeroy-Umsatz auf Dauer zurechtkommen will, hält Göring für ein gewagtes Unterfangen. Mehr noch: Nachdem der bayerische Konkurrent nach durchlaufenem Insolvenzverfahren seiner Pensionsverpflichtungen entledigt sei, fürchtet Göring um die Wettbewerbsgleichheit. Zumal gesunde Unternehmen wie Villeroy & Boch auch noch deutlich höhere Beiträge an den Pensionssicherungsverein abzuführen hätten.

Die Produktion von Tischkeramik komplett ins Ausland zu verlagern biete allerdings auch keine Garantie für unternehmerischen Erfolg, sagt Göring und verweist auf den Fall des insolventen Porzellanhersteller Wedgwood, der fast ausschließlich in Indonesien produziert habe. "Wir haben uns für Deutschland entschlossen, auch wenn das ein schwieriger Weg ist." Anders beurteilt Göring die Lage in der Badkeramik. Weil die Produkte schwer sind, ist der Transport teuer. Wer also in aller Welt vertreten sein will, muss auch in aller Welt produzieren. Trotz der Krise denkt Villeroy & Boch deshalb auch an Zukäufe.

Interessiert zeigt sich Göring zuvörderst an einem Zukauf in der Sanitärkeramik, und zwar außerhalb Europas. "Unsere Landkarte ist noch nicht vollständig", sagte er mit Verweis auf die Wachstumsmärkte Asien und Osteuropa. Auch einen Zukauf über das Kerngeschäft Keramik hinaus will Göring nicht ausschließen. "Wenn uns ein japanischer Armaturenhersteller angeboten würde, würden wir auch darüber nachdenken." Um die Liquidität weiter zu erhöhen und das Potential der Aktie herauszustellen, erwägt der Vorstand derweil das Heben stiller Reserven. Villeroy & Boch verfüge über attraktive Immobilien, durch die das Unternehmen hohe zweistellige Millionenbeträge einspielen könne. Für den Vorstandschef ist die Aktie von Villeroy & Boch ohnehin hoffnungslos unterbewertet. "Immer wenn ich darf, kaufe ich."

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