25.11.2009 · Um die Wirtschaftskrise zu kontern, strich das Exportland die Steuern. Nun wertet es gegen alle Ansagen den Dong um gut 5 Prozent ab und setzt als erstes Land Asiens die Zinsen herauf, um die Inflation nicht ausufern zu lassen. Von Christoph Hein
HANOI, 25. November. Ta Thi Hien und ihre Familie haben alles richtig gemacht. Die eine Tochter lernt in Hanoi nicht nur Englisch, sondern auch Chinesisch. "Die neue Weltsprache, ob es uns gefällt oder nicht", sagt Frau Hien. Die andere studiert in Amerika - die ganze Familie zahlt dafür. Der Mann führt ein Bauunternehmen, wohl das krisensicherste Geschäft, das Vietnam zu bieten hat. Frau Hien verkauft in der Altstadt Hanois Bilder an Touristen. "Wenn nur die Regierung jetzt keinen Fehler macht, die Preise nicht zu sehr anzuheben", sagt Ta Thi Hien. "Dann kommen wir gut über die Runden. Wir haben genug Dollar."
Weil aber alle Vietnamesen Dollar horten und die Preise steigen, hat die Notenbank - nur auf dem Papier von der Regierung unabhängig - am Mittwoch einschneidende Entscheidungen gefällt: Die Landeswährung Dong wurde um 5,44 Prozent gegenüber dem Dollar abgewertet, die Zinsen heraufgesetzt, die Exporteure aufgefordert, ihre Dollar an die Zentralbank zu verkaufen. Noch vor einer guten Woche hatte Vietnams Finanzminister Vu Van Ninh auf dem Gipfel der Pazifikanrainer (Apec) in Singapur erklärt: "Vietnam wird nicht abwerten. Wir haben Devisenreserven von rund 21 Milliarden Dollar, um unseren Wechselkurs stabil zu halten." Wenige Tage später ist dieser Satz Makulatur. Die Börse in Saigon (Ho-Chi- Minh-Stadt) verlor 4,5 Prozent ihres Wertes. Analysten wie Tai Hui von der Standard Chartered Bank stellen deshalb die Glaubwürdigkeit der Politiker in Frage. Sie alle rechnen aufgrund des hohen Handelsdefizits - im Oktober erreichte es mit 23 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) Krisenniveau - weiterhin mit einem überbewerteten Dong. "Die Wiederkehr einer zweistelligen Preissteigerung ist die größte Sorge der Regierung. Wer die höheren Preise im Portemonnaie fühlt, wird unberechenbar", sagt ein westlicher Berater der Regierung.
Das durch Konjunkturhilfen der Regierung wachsende Haushaltsdefizit - es dürfte mehr als 8 Prozent des BIP erreichen - droht die Preise weiter steigen zu lassen. Den Vietnamesen ist die Inflationsrate von 23 Prozent im Jahr 2008 noch bitter in Erinnerung. "Der gestrige Schritt dürfte nicht der letzte gewesen sein", sagt denn auch Robert Prior-Wandesforde voraus, Asien-Volkswirt der HSBC Bank in Singapur.
Zögerlich kommt Vietnams Regierung wahrlich nicht daher: "Das Konjunkturprogramm, mit dem sie die Krise bekämpft, ist eines mutigsten der Welt", sagt Ulrike Maenner, die für die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit die Regierung in Hanoi in Wirtschaftsfragen berät. Der expansiven Geldpolitik Ende 2008 folgten zwei massive Hilfspakete. Deren auffälligster Bestandteil: der vollkommene Verzicht auf die Einkommensteuer für ein halbes Jahr. Die Unternehmensteuern und die Mehrwertsteuer für wichtige Waren wurden verringert. Billigkredite wurden an Mittelstand und Bauern ausgeteilt. So ambitioniert sie waren, konnten die Konjunkturhilfen die Folgen der Krise dennoch nicht ausgleichen - dazu ist Vietnam als Exportstandort inzwischen zu stark mit den Käuferländern im Westen verbunden. Die Industrie steuert im einstigen Agrarland schon fast 40 Prozent zur Wirtschaftsleistung bei. Die zugelassenen Auslandsinvestitionen aber sanken um fast 80 Prozent auf gut 12 Milliarden Dollar. Als wären die Probleme nicht groß genug, wuchs die Landwirtschaft aufgrund der schwachen Ernten in den ersten neun Monaten nur noch um 1,6 Prozent. Gleichzeitig gehen die Transferleistungen der Auslandsvietnamesen von gut 7 auf rund 6 Milliarden Dollar zurück. Lag die Wachstumsrate des BIP in den vergangenen fünf Jahren im Durchschnitt bei 8,04 Prozent, fiel sie im vergangenen Jahr auf nur noch 6,18 Prozent, um ihren Tiefpunkt im ersten Quartal bei 3,1 Prozent zu erleben. "Viel zu wenig", sagt der Berater. "Vietnam braucht mindestens 7 Prozent Wachstum, um die jährlich mehr als eineinhalb Millionen Arbeitsuchenden unterbringen zu können." Das Aufdrehen des Geldhahns zeigte Wirkung: Im dritten Quartal lag das BIP-Wachstum immerhin schon wieder bei 5,8 Prozent. Um den wachsenden Energiebedarf zu decken, hat das vietnamesische Parlament am Mittwoch den Einstieg in die Atomenergie beschlossen; zwei Atomkraftwerke mit insgesamt vier Reaktoren sollen von 2020 an Strom liefern.
Die, die Geld haben, geben es aus: Der Einzelhandel legte in den ersten zehn Monaten um robuste 18 Prozent zu - in der überhitzten Konjunktur des Vorjahres lag die Rate noch bei 31 Prozent. Gerade der Bausektor, in dem auch viel Schwarzgeld verarbeitet wird, wächst schon wieder zweistellig. Gegenüber der Hauptpost am Ho-Hoan-Kiem-See boten die Hehler schon vergangene Woche 20 000 Dong für einen Dollar. Bis zum Dienstag lag der offizielle Kurs bei 17 000 Dong. Ab Mittwoch liegt er bei 17 961 Dong - ein gewaltiger Abwertungssprung zwar, doch immer noch weit entfernt vom Wechselkurs der Straße. Gleichwohl wird der Schuldendienst weiter belastet und die Dollarisierung Vietnams vorantreiben. Zugleich kürzten die Notenbanker die erst im März angehobene Handelsspanne des Dong wieder von täglich 5 auf 3 Prozent gegenüber dem Dollar. Den Leitzins stellte die Zentralbank erstmals seit Januar wieder auf 8 Prozent. "Bis Jahresende dürfte er 11 Prozent erreichen", schätzt die HSBC. Das Anheben um 1 Prozentpunkt macht Vietnam zum ersten Land Asiens, das die Zinsen nach der Krise heraufsetzt.