01.07.2010 · Zu den Berichten über den Einsatz deutscher Truppen in Afghanistan: Die deutschen Truppen begannen 2001 in einem nicht geeinten Afghanistan ihren Einsatz mit zunächst 1200 Mann. In ihrem Einsatzgebiet im Norden besaßen zu diesem ...
Zu den Berichten über den Einsatz deutscher Truppen in Afghanistan: Die deutschen Truppen begannen 2001 in einem nicht geeinten Afghanistan ihren Einsatz mit zunächst 1200 Mann. In ihrem Einsatzgebiet im Norden besaßen zu diesem Zeitpunkt die dort lebenden Tadschiken, Usbeken und Hazara die Mehrheit. Diese Stämme hatten zuvor an der Seite der amerikanischen Streitkräfte die Taliban aus ihrem Stammesgebiet vertrieben und nach Süden in das pastunische Hauptsiedlungsgebiet zurückgedrängt. Unsere Truppen wurden von diesen Turkvölkern mit großen Erwartungen freudig begrüßt, denn sie glaubten, dass die Deutschen die Taliban und die sie unterstützenden Paschtunen dauerhaft von ihrem Gebiet fernhalten, ihnen zu mehr Gewicht und Einfluss gegen die dominierenden Paschtunen verhelfen und ihnen besonders umfangreiche Wiederaufbauhilfe bringen würden.
Unsere Soldaten profitierten zu Beginn auch von der ihnen entgegengebrachten, berühmten afghanischen Gastfreundschaft, die im gesamten islamischen Raum einen Gast unter den besonderen, von allen respektierten Schutz des Gastgebers stellt. Diese Gastfreundschaft schützte die deutschen Soldaten anfangs wirkungsvoller, als dies durch eigene Waffen möglich gewesen wäre. Die deutschen Soldaten erlebten deshalb zu Beginn einen Einsatz, der mehr einem THW als einem militärischen Einsatz glich.
Die Antwort, wie es zu der jetzigen Situation überhaupt kommen konnte, finden wir in der näheren Betrachtung der drei vorab aufgeführten Erwartungen der afghanischen Bevölkerung.
Die deutschen Soldaten sind vom Parlament beauftragt, im zugewiesenen Einsatzraum für den notwendigen Schutz der Bevölkerung zu sorgen. Dafür reichen aber die von der Politik bewilligten Kräfte und Mittel bei weitem nicht aus. Als Folge konnte kein permanenter, wirkungsvoller Schutz der Bevölkerung in der Fläche des zugewiesenen Einsatzraumes bereitgestellt werden. Dadurch verloren die Deutschen das Vertrauen der Bevölkerung, die von ihnen Schutz erwartete, sowie deren Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Die schutzlos gelassenen Turkvölker mussten sich, entgegen ihrer wahren Gesinnung, den Forderungen der Taliban beugen und zugleich ohnmächtig mit ansehen, wie die Paschtunen sie unter den Augen der Deutschen mit Unterstützung durch Karzai unterwanderten. Damit nahmen zugleich die Zahl der deutschen Gegner und deren Sympathisanten zu.
Der von den Amerikanern auf der Petersberger Konferenz durchgesetzte Präsident Karzai besetzte bei der anschließenden Regierungsbildung fast alle wichtigen Posten mit Paschtunen seines Stammes. Die Bevölkerung der Turkstämme wurde dagegen weitgehend von Macht und Einfluss im eigenen Land ausgegrenzt. Diese Turkvölker erleben seitdem einen von ihnen abgelehnten Präsidenten Karzai, der zu ihrem Nachteil die Taliban in ihrem Gebiet unterstützt, wogegen die Deutschen offensichtlich machtlos sind.
Nachdem die Sicherheitslage in Nordafghanistan sich verschlechterte, mussten die Projekte der internationalen Entwicklungshilfe wegen des fehlendem Militärschutzes weitgehend eingestellt werden. Gleichzeitig kamen die Hilfsgelder durch die weitverbreitete Korruption bei der Bevölkerung auf dem Lande nicht an. In den Dörfern auf dem Land hat sich das Leben daher auch nur sehr wenig geändert.
Die Tadschiken, Usbeken und Hazara haben anhand der Realität inzwischen begriffen, dass sich ihre hohen Erwartungen an das deutsche Engagement nicht erfüllen werden. Enttäuscht darüber nehmen sie nun obendrein wahr, wie es bei den ständig zunehmenden Kämpfen der Nato-Truppen mit den Taliban immer häufiger zu Opfern unter der zivilen Bevölkerung kommt, und sie erleben außerdem, wie die vermehrt auf die eigene Sicherung bedachten deutschen Truppen zunehmend in ihre Stammesgewohnheiten und Rechte eingreifen. Den Vorteil und Nutzen der deutschen Truppen in ihrem Land können sie daher immer weniger erkennen. Das anfänglich vorhandene Vertrauen wurde von einer deutschen Politik sträflich verspielt, die nicht genügend auf die Erfordernisse in Afghanistan ausgerichtet war.
Jürgen Elschenbroich, Oberstleutnant a. D., Bad Berleburg