03.07.2008 · Carrefour und Metro unter Druck / Technische Analyse / Von Achim Matzke
FRANKFURT, 3. Juli. Angesichts steigender Energiepreise und der im Euro-Raum steigenden Zinsen überrascht es nicht, dass Einzelhandelsaktien aus technischer Sicht die Baisse mit anführen. Während die britische Tesco aus technischer Sicht noch eine schwache Halteposition darstellt, haben die französische Carrefour, die auch im Index Stoxx-50 enthalten sind, sowie der größte deutsche Einzelhandelswert Metro mit sehr ausgeprägten, langfristigen, technischen Eintrübungen zu kämpfen. Auch mittelgroße europäische Werte wie Arcandor (früher Karstadt-Quelle) sind davon belastet. Die technische Gesamtlage sowohl im Sektor als auch bei den Einzeltiteln zeigt an, dass es viele Monate dauern sollte, bevor sich tragbare Bodenformationen andeuten. Deshalb sollten Kurserholungen zum Abbau von Positionen genutzt werden.
Der Branchenindex Dow Jones Stoxx Retail, in dem die 24 führenden europäischen Einzelhandelstitel zusammengefasst sind, gehört mit einem Anteil von etwa 2,7 Prozent im Stoxx-600 eher zu den kleinen Sektoren. Trotzdem fällt der Sektor, der auch viele auf ihre lokalen Märkte konzentrierte Einzelhandelsunternehmen enthält, durch eine hohe Stabilität bei den mittelfristigen Auf- und Abwärtstrends auf. Der Stoxx Retail war, ausgehend von seinem Baisse-Tief (März 2003 bei etwa 154 Punkten), in eine 50 Monate dauernde Hausse-Bewegung hineingelaufen, wobei der beschleunigte Hausse-Trend (Oktober 2005 bis Mai 2007; Kursanstieg von 233 auf 385) den Index wieder in die langfristige Widerstandszone von 380 bis 390 Punkten geführt hat. Nach dem Herausbilden einer mittelfristigen Doppeltop-Formation im zweiten Halbjahr 2007 ist der Index in eine Baisse hineingelaufen, wobei jüngste Verkaufssignale - Verlassen der mittelfristigen, trendbestätigenden Konsolidierung um 270 Punkte in den letzten Monaten - auf eine räumliche und zeitliche Ausweitung der Baisse hindeuten.
Die britische Tesco (mit etwa 24,5 Prozent Sektoranteil der größte Titel) gehört aus technischer Sicht zu den "Marathonläufern" - ein Begriff, der für Aktien steht, die sehr langfristige Aufwärtsbewegungen vollziehen. Die im Jahr 1989 begonnene sehr langfristige Aufwärtsbewegung von Tesco wird durch einen fast zwanzigjährigen Hausse-Trend, der aktuell bei etwa 280 britischen Pence liegt, begrenzt. Tesco hatte die technische Neubewertung mit einem Hausse-Schub (seit dem März 2003; ausgehend von Kursen um 158 Pence) wiederaufgenommen, wobei die Aktie nach fast fünf Jahren Hausse bei Kursen um etwa 495 Pence angekommen war. Die in den Standardwerteindizes laufende Baisse hat auch Tesco erfasst, wobei sich mit dem Gewinnmitnahmesignal zum Jahreswechsel 2007/2008 und dem Verkaufssignal im Mai 2008 mit dem Verlassen der Kurserholung aus den Vorwochen die vorherige, viereinhalbjährige Hausse abgeschlossen und ein mittelfristiger Abwärtstrend mit der Abwärtstrendlinie bei etwa 430 Pence etabliert wurde. Einerseits sind bei Tesco nach dem Kursrutsch auf 350 Pence ein Teil der technischen Risiken eingearbeitet, andererseits macht die langfristige Neubewertung wieder eine Pause. Deshalb ist die Aktie, die derzeit rund 360 Pence kostet, aktuell eine Halteposition mit einem strategischen Sicherungsstopp bei etwa 330 Pence.
Der französische Titel Carrefour war nach der Baisse der Jahre 1999 bis 2003 mit einem Kursrückgang von 98,75 Euro auf 29,20 Euro und dem Ausverkauf im März 2003 nur in eine moderate, langfristige Hausse hineingekommen, wobei die Aktie nach dem Verlassen der mittelfristigen Bodenformation und des Baisse-Trends nur ein Hausse-Hoch bei etwa 58,40 Euro erreicht hat. Neben dieser mittelfristigen relativen Schwäche hatte die Aktie bereits im Jahr 2007, ausgehend von Kursen um 58,40 Euro, einen mittelfristigen Abwärtstrend herausgebildet. In den vergangenen Wochen ist die Aktie, begleitet von hohen Umsätzen mit einem Verkaufssignal, aus dem fünfjährigen Hausse-Trend herausgefallen. Nach dem Kurseinbruch in den vergangenen Handelstagen ist das langfristige technische Bild eindeutig eingetrübt, so dass jede Kurserholung zum Abbau/Verkauf genutzt werden sollte. Da es viele Monate dauern sollte, bevor sich bei Carrefour wieder eine technische Verbesserung abzeichnet, sollten bessere technische Investmentalternativen gewählt werden.
Metro war nach der klassischen Bodenformation mit einem technischen Doppelboden unterhalb von 26 Euro zum Jahreswechsel 2002/2003 jahrelang in eine sehr moderate Hausse-Bewegung hineingelaufen. Diese wurde von einem vierjährigen Hausse-Trend, der zuletzt bei 41 Euro lag, begrenzt. Zwar war es bei Metro im Jahr 2007 zu einer moderaten Hausse-Beschleunigung gekommen, jedoch bildete die Aktie während der fast fünfjährigen Hausse keine mittelfristige relative Stärke. Nach der technischen Top-Formation zum Jahreswechsel 2007/2008 um 60 Euro hat die Aktie einen intakten Baisse-Trend etabliert. Nach den weiteren Verkaufssignalen in den letzten Tagen zeigt die Abwärtsbeschleunigung eine Baisse-Ausweitung. Auch wenn Metro aus langfristiger technischer Sicht im Bereich der massiven Unterstützungszone von 31,40 bis 35,00 Euro eine Stabilisierungschance aufweist, sollte die defensive technische Haltung gegenüber der Aktie zunächst nicht gelockert werden. Der Autor leitet das europäische Index-Research von Commerzbank Corporates & Markets.