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Thyssen-Krupp setzt den scharfen Rationalisierungsprozess fort

16.10.2009 ·  Der Vorstandsvorsitzende Ekkehard Schulz sieht zwar die schlimmste Wegstrecke in der Stahlkrise überwunden. Aber in dem letzten Geschäftsjahr, das er zu verantworten hat, will Schulz den Stahl- und Investitionsgüterkonzern noch für einige schwierige Jahre rüsten. Für den angestrebten Kostenabbau um bis zu 2 Milliarden Euro und eine Absenkung der Gewinnschwelle trennt sich Thyssen-Krupp von jedem fünften Beschäftigten.

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St. PEKING, 16. Oktober. Der von der Wirtschaftskrise hart getroffene Thyssen-Krupp-Konzern wird seine scharfe Rationalisierung fortsetzen. Am besten ist das an den Beschäftigtenzahlen zu erkennen. "Durch Desinvestitionen und Restrukturierung wird die Konzernbelegschaft im neuen Geschäftsjahr nochmals um 15 000 bis 20 000 Menschen schrumpfen", kündigte der Vorstandsvorsitzende Ekkehard Schulz an. Diese Zahl werde vor allem davon geprägt, dass sich der Konzern von einigen personalintensiven Bereichen trennen will, sagte Schulz im Gespräch in Peking.

Die gerade veröffentlichte Werften-Neuordnung mit gut 2500 betroffenen Arbeitern gehört ebenso dazu wie die drei zum Verkauf gestellten Service-Gruppen mit 22 000 Arbeitsplätzen. Über solche Desinvestitionen hinaus wird im Geschäftsjahr 2009/2010 (30. September) aber auch Personal abgebaut. "So wollen wir die etwa 18 000 Arbeitsplätze in der Administration im In- und Ausland um 2000 bis 2500 Stellen straffen", sagte Schulz.

In das vergangene Geschäftsjahr, dessen Abschluss derzeit aufgestellt wird, ist der Stahl- und Industriegüterkonzern mit 198 000 Menschen gestartet. Nach zehn Monaten wurden bereits 16 000 Arbeitsplätze im In- und Ausland aufgegeben. Gleichzeitig sind in Wachstumsfeldern 4000 Mitarbeiter hinzugekommen. Diesen gegenläufigen Beschäftigungseffekt werde es weiterhin geben, meint Schulz. Dennoch dürfte Thyssen-Krupp von Beginn der Krise im Herbst 2008 an bis September 2010 jeden fünften Arbeitsplatz durch Personalabbau oder Firmenverkäufe aufgeben.

Das Ziel ist ein nachhaltiger und kräftiger Abbau der Sach- und Personalkosten um 1,5 Milliarden bis 2 Milliarden Euro bei fortgesetzter Konzentration auf die renditestärkeren Arbeitsgebiete. Nach der Ergebnisverschlechterung um wahrscheinlich fünf Milliarden Euro im gerade beendeten Krisenjahr werde so die Ertragskraft für eine Reihe weiterer schwerer Geschäftsjahre gestärkt.

Schulz sagt, dass der Konzern zwar die schlimmste Wegstrecke in der scharfen Stahlkrise hinter sich gebracht habe. Aber da die Geschäftslage in den großen Kundenbranchen im Augenblick kaum einschätzbar ist, kann er für das erste Halbjahr 2010 selbst eine neuerliche Krise nicht ausschließen. Der promovierte Hüttentechniker ist fest davon überzeugt, dass der Stahlverbrauch mit der Weltbevölkerung langfristig wachsen wird. "Stahl ist als Werkstoff unschlagbar, und ich sehe keinen Grund, warum die europäische Stahlwirtschaft nicht wieder zu ihren Bestwerten aus dem Jahr 2007 zurückkehren sollte", sagt er. Nur der Zeitraum der Erholung ist für ihn schwer einschätzbar. Das könne bis 2013 oder 2014 dauern. "Dann wird es mindestens bis zum Jahr 2012 Überkapazitäten geben."

Auf diese Herausforderung soll der Konzern durch eine deutlich gesenkte Gewinnschwelle vorbereitet werden. Ein hoher Restrukturierungsaufwand ist dafür der Preis. "Aber mit dem eingeleiteten Kostenabbau und den Restrukturierungsprogrammen haben wir wirklich alles getan, so dass wir in das neue Geschäftsjahr besenrein starten können", versichert Schulz. Es ist das letzte volle Geschäftsjahr, das der achtundsechzigjährige Topmanager vor seinem vorgesehenen Wechsel in den Aufsichtsrat im Januar 2011 zu verantworten hat.

Im Abschluss des Krisenjahres sind neben dem prognostizierten operativen Verlust nahe einer Milliarde Euro zusätzlich Sonderlasten von mehr als einer Milliarde Euro zu verkraften, wie Finanzchef Alan Hippe im September vor Analysten erläutert hatte. "Diese fürchterlich roten Zahlen stammen allein aus drei Bereichen: Rostfrei, Werften und Fahrzeugkomponenten", erklärte Schulz.

So sind bei Edelstahl erhebliche Bestandsabwertungen auf Rohstoffe und Fertigprodukte erforderlich. Im Schiffbau werde ein enormer Restrukturierungsaufwand an allen Standorten in den Abschluss eingearbeitet. In der Sparte "Automotive" gingen die Sonderlasten quer durch das Programm. Operativ und durch Einmaleffekte kommt man so auf die Größenordnung von 2 Milliarden Euro. Durch die Krisenschäden sieht Schulz das mittelfristige Umsatzziel von 60 Milliarden Euro - für das Vorjahr sind rund 40 Milliarden Euro prognostiziert - zwar nicht gefährdet, aber um einige Jahre verschoben. Natürlich müsse die Zielgröße um die Desinvestments bereinigt werden.

In dieser schlimmsten Krise der Nachkriegsgeschichte gibt es aber auch Arbeitsgebiete, die einer noch stärkerenVerschlechterung des Ergebnisses entgegenwirken. Dazu gehört zuvorderst das Aufzug- und Fahrtreppen-Geschäft. Auch der Großanlagenbau laufe noch gut. Zudem hebe sich der profitable Absatz bei den für Windräder benötigten Großwälzlägern deutlich ab. Stolz ist Schulz auch auf die Tatsache, dass der größte Geschäftsbereich, der Qualitätsflachstahl, in den ersten drei Quartalen des Krisenjahres operativ nicht mit Verlust gearbeitet hat. Erst als im Sommer die neuen Jahresverträge galten, habe sich das Ergebnis etwas verschlechtert.

Abgesehen von einer schwierigen Geschäftslage bei der Edelstahl-Tochtergesellschaft SKS in Schanghai, arbeitet der Konzern in China mit 8200 Beschäftigten in mehr als 40 Gesellschaften profitabel. Aus den 1,5 Milliarden Euro Umsatz in dieser Region wurden zuletzt 100 Millionen Euro Ergebnis erwirtschaftet. Rund 1,2 Umsatzmilliarden stammen aus in China hergestellten Produkten.

Vor allem die Zahl der von ThyssenKrupp verkauften Aufzüge wächst erheblich schneller als in anderen Regionen. Auch die Automobilzuliefer-Gesellschaften profitieren stark vom starken Wachstum der Fahrzeugindustrie in China. Schulz ist daher zuversichtlich, dass sein Konzern den Umsatz im Reich der Mitte auf mittlere Sicht auf 5 Milliarden Euro steigern kann.

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