19.09.2008 · Aussetzung des Handels wegen hoher Kursaufschläge / Interesse an ausländischen Anlegern
gho. MOSKAU, 19. September. Am Freitag ist der Handel an den Aktienbörsen Russlands abermals unterbrochen worden, aber dieses Mal aufgrund von stark steigenden Kursen. Bereits am Dienstag und Mittwoch war der Aktienhandel in Moskau nach starken Kursverlusten vorübergehend und am Donnerstag sogar völlig eingestellt worden. Der Handel mit Aktien der beiden Indizes RTS und Micex wurde bereits kurz nach Börsenbeginn für eine Stunde gestoppt. Wenige Stunden später wurden die Geschäfte nach dem Erreichen von technischen Limiten abermals ausgesetzt.
Die positiven internationalen Vorgaben und die am Donnerstag von der russischen Regierung vorgelegte Maßnahmen zur Stabilisierung der russischen Finanzmärkte ließen den in Rubel denominierten Micex bis zur zweiten Handelsaussetzung um rund 25 Prozent und den auf Dollar basierenden RTS-Index um rund 20 Prozent steigen. Nach der Wiedereröffnung des Handels um 16.15 Uhr Lokalzeit sprangen die Kurse an beiden Börsen wieder in die Höhe.
Am Freitag bekräftigten russische Regierungsvertreter den Willen und die Fähigkeit, den notleidenden Finanzmärkten unter die Arme zu greifen. Der russische Finanzminister Alexei Kudrin sagte, dass im laufenden und kommenden Jahr jeweils 250 Milliarden Rubel (knapp 6,9 Milliarden Euro) an Haushaltsmitteln zum Kauf von Aktien russischer Unternehmen, die unterbewertet seien, genutzt werden würden. Kudrin führte laut der Agentur Interfax aus, dass die Regierung vor allem an Staatsgesellschaften interessiert sei. Das Volumen des Aktienkaufs würde in großem Maße davon abhängen, wie unterbewertet die Anteilsscheine seien. Kudrin erwähnte die Erdölgesellschaft Rosneft, den Diamantenproduzenten Alrosa, den Erdgaskonzern Gasprom und die Bank VTB als mögliche Kaufziele. Arkadi Dworkowitsch, der Wirtschaftsberater des russischen Präsidenten, fügte an, dass die Aktien größtenteils wieder verkauft werden sollten, wenn sich die Lage beruhige.
Die Ratingagentur Standard & Poor's ist skeptischer und hat den Ausblick für Russland von "positiv" auf nur mehr "stabil" revidiert. Als Begründung wurde der Mangel an Klarheit über die Wirtschaftspolitik des Landes und die Liquiditätskrise genannt. Die Ratingagentur hatte sich bereits zuvor negativ auf die mögliche Verwendung von Petrodollars zur Stabilisierung der Finanzmärkte reagiert.
Der russische Ministerpräsident Wladimir Putin sagte in Sotschi am Schwarzen Meer, dass die Finanzkrise zeige, dass Russland seine Marktwirtschaft modernisieren müsse. An westliche Staaten war die Aussage gerichtet, dass Versuche, Russland in einen "Kalten Krieg" zu drängen, eine direkte Bedrohung des Modernisierungsprojekts sei. Russland ist laut Putin an ausländischen Investitionen interessiert. Es werde jedoch Gegenseitigkeit erwartet: Die ausländischen Partner sollen russische Investitionen akzeptieren. Der Ministerpräsident sagte vor in- und ausländischen Geschäftsleuten, dass die wirtschaftlichen Grunddaten Russlands in der "Norm" seien. Putin stellte auch Steuersenkungen in Aussicht. Dworkowitsch sprach von Steuererleichterungen für die Erdölbranche, die einen großen Stellenwert in der russischen Wirtschaft und an der Börse einnimmt. Die Steuerpläne sollen noch in diesem Jahr eingereicht werden. Am Donnerstag hatte die russische Regierung schon die Senkung der Exportabgaben für Erdöl angekündigt, die den Unternehmen Einnahmen von gut 5,5 Milliarden Dollar bringen soll.