16.06.2009 · Vor 25 Jahren hat Island die Fangquoten privatisiert. Das hat wenige Fischer sehr reich und viele wütend gemacht. Jetzt will die neue Regierung die Zeit zurückdrehen. Gerecht ist auch das nicht. Von Sebastian Balzter
ÍSAFJÖRÐUR, 16. Juni
Der Fang war gut an diesem Morgen. Spiegelglatt liegt die See, die Sonne scheint auf den Hafen von Ísafjörður im äußersten Nordwesten von Island. Thorstein Mársson hätte allen Grund zur Zufriedenheit. Die "Sjöfn", sein nach der altnordischen Liebesgöttin benanntes Acht-Meter-Boot, ist vertäut, die frische Ladung Seehase samt dem begehrten Fischrogen schon auf dem Weg in die Fabrik, und überhaupt ist er mit 29 Jahren viel zu jung, um verbittert zu sein. Für Kritik aber ist er alt genug. "Die Privatisierung der Fangquoten war ein großer Fehler", schimpft er. "Fast ein Verbrechen."
Ein Vierteljahrhundert liegt die Entscheidung des isländischen Parlaments schon zurück, aber die Folgen spürt Thorstein Mársson täglich: Weil sein Vater ein Jahr vorher sein Boot verkauft hatte, ging die Familie 1984, als der künftige Reichtum verteilt wurde, leer aus. "Sonst könnten wir heute jeden Tag Piña Colada trinken", sagt der Junior nun. "Wir wären richtige Quotenkönige."
Fisch und Geld, das ist nicht nur in Ísafjörður ein untrennbares Paar, sondern auf der ganzen Insel. Es ist kein Zufall, dass jeder Isländer sein kleines meeresbiologisches Brevier ausgerechnet im Portemonnaie mit sich trägt: Ein Dorsch ist auf die Rückseite der 1-Kronen-Münze geprägt, zwei Delphine zieren den Fünfer, ein fetter Seehase die 100-Kronen-Münze. Denn vor der Küste trifft der warme Golfstrom auf nahrungsreiche arktische Wassermassen, was Hering und Seelachs, Rotbarsch und Schellfisch gefällt. Ohne seine Fischgründe wäre das von schroffen Felsrücken umgebene, heute 4000 Einwohner zählende Städtchen Ísafjörður wohl nie gegründet worden. Ohne sie käme Islands Wirtschaft nur auf die Hälfte seiner Exportleistung. Und um seine Fischereigrenzen von 4 auf 200 Seemeilen auszuweiten, hat die Inselrepublik zwischen 1958 und 1974 sogar Scharmützel mit Großbritannien und Deutschland ausgefochten.
So ist es auch kein Zufall, dass die von der konservativen Unabhängigkeitspartei vorangetriebene Privatisierungswelle, die einige Jahre später mit den sattsam bekannten Folgen auch die Großbanken des kleinen Landes erreichte, ihren Ausgang in der Fischerei nahm. Anteile an den für jede Fischart existierenden nationalen Fangquoten - ursprünglich als Schutzmaßnahme gegen Überfischung ersonnen - wurden von 1984 an nach und nach auf die Bootseigner überschrieben. Eine Gegenleistung dafür wurde ihnen nicht abverlangt, entscheidend für die Zuteilung war das Fangglück in den drei vorangegangenen Jahren. Seit 1990 sind diese Quoten als persönliches Eigentum teil- und handelbar, ein vergleichbares System gibt es nur in Neuseeland und den Niederlanden.
Seit seiner Einführung hat sich die Zahl der Boote im Hafen von Ísafjörður, wo jeder dritte Arbeitsplatz von der Fischerei abhängt, mehr als halbiert, schätzt Jón Sigurpálsson, der das Museum der Stadt leitet. Wie jeder hier hat er eine Handvoll Geschichten über jene Quotenkönige auf Lager, die der günstige Zeitpunkt der Privatisierung reich machte: Der eine vermiete seine Quoten an quotenlose Fischer wie Mársson und lebe als Privatier am Mittelmeer, der nächste habe sie für Immobilienprojekte in Bulgarien verramscht.
Ökonomischer handelten einige Fischereiunternehmen, die im großen Stil ihre Flotten und Fabriken erneuerten. Auf 600 Milliarden Kronen oder ein Viertel des Bruttoinlandsprodukts veranschlagt der Wirtschaftswissenschaftler Thórólfur Mathíasson von der Universität Reykjavík den Kapitalsegen, der per Parlamentsentscheid über die Branche gekommen ist. Spekulationen und kreditfinanzierte Investitionen waren die Folge, die Fangquoten wurden verpfändet und gehebelt. Nicht nur die Idee, dass Reichtum wie aus dem Nichts entstehen könnte, erinnert dabei fatal an die Logik des kollabierten Finanzsystems der Inselrepublik. Auch die Spekulationsdynamik ist vergleichbar: Das Fangrecht für ein Kilo Dorsch sei 2003 mit 800 Kronen bewertet worden, überschlägt Mársson. Vier Jahre später waren es schon 3500 Kronen. "Dabei ist der Preis für den Fisch auf dem Markt kaum gestiegen." Mársson studiert nebenbei Marketing, hängt an der Arbeit auf See aber mit seinem Herzen. "Manche glauben, das Quotensystem habe Island reich gemacht. Aber schaut uns jetzt an."
Jetzt will ihm die neu gewählte Regierung, eine Koalition aus Sozialdemokraten und Linksgrünen, dem System an den Kragen: In jährlichen 5-Prozent-Raten sollen die Besitzer ihre Quoten zurückgeben. Auf 20 Jahre angelegt ist der im Regierungsprogramm festgeschriebene Plan. Danach sollen die Quoten versteigert oder vermietet werden. Die Einkünfte wird das an den Schulden seiner verstaatlichten Banken schwer tragende Land gut gebrauchen können. Auch die derzeit noch bestehenden Restriktionen für ausländische Investitionen in die Fischereiwirtschaft, die auf dem angestrebten Weg in die Europäische Union gelockert werden müssten, ließen sich so elegant außer Kraft setzen.
Doch der Widerstand gegen die schleichende Enteignung hat sich nicht nur im einflussreichen Verband der Fischereibootbesitzer und in der Unabhängigkeitspartei längst formiert. "Wir würden dadurch alles verlieren", klagt Guðrún Pálsdóttir. Eine Quotenkönigin ist sie nicht. "Ich war anfangs sogar selbst gegen die Quote." Dann aber haben sie und ihr Mann im Fischerdorf Flateyri, eine halbe Stunde Autofahrt westlich von Ísafjörður, viel geliehenes Geld in ein Boot samt Quote, ein Kühlhaus und eine Trockenanlage gesteckt. Die Arbeit an Bord machen inzwischen ihr Sohn Birkir und ihre Tochter Steinunn. 150 Tonnen Dorsch und Schellfisch will die Familie dieses Jahr fischen.
Pálsdóttir müht sich um einen resoluten Eindruck, doch seit dem Regierungswechsel sieht sie ihr Lebenswerk wanken. Wie soll sie den Kredit abtragen, wenn sie die Fangrechte ein zweites Mal kaufen muss? Es ist die Frage, die inzwischen die gesamte isländische Fischereibranche umtreibt. Mit geschätzten 500 Milliarden Kronen stehen die Unternehmen in der Kreide. Eine gute Portion davon ist wie in Pálsdóttirs Fall in Schweizer Franken und Yen aufgenommen, was die Lage nach dem krisenbedingten Verfall der Krone noch bedrückender macht. Und der Gegenwert der Fangquoten hat sich seit den Rekordpreisen von 2007 in etwa halbiert. "Wenn die Politiker in Reykjavík das System jetzt ändern", sagt Pálsdóttir voraus, "gibt's den nächsten Knall."