21.09.2008 · Für die Sanierung des Versandhandels von Arcandor ist die Expansion in Osteuropa ein wichtiger Baustein
B.K. BUKAREST, 21. September. Wenn das Fürther Versandhandelshaus Quelle in Bukarest zur Modenschau bittet, gibt sich die Hautevolee der rumänischen Landeshauptstadt ein Stelldichein. Während sich die Marke in Deutschland schwertut, gegen ihr verstaubtes Image anzukämpfen, genießt sie in vielen osteuropäischen Ländern ein hohes Prestige. Der Katalog, der noch heute an kleineren Kiosken für 8 Euro verkauft wird, galt schon früher als "Fenster zum Westen oder Bibel des Konsums", sagt Axel Steuernagel, der bei der Tochtergesellschaft des Essener Arcandor-Konzerns für das Geschäft in Mittel- und Osteuropa zuständig ist. Schon lange vor dem eigentlichen Markteintritt habe die Marke in vielen dieser Länder einen hohen Bekanntheitsgrad gehabt. "Mittlerweile ist Quelle in Rumänien die Modemarke aus dem Internet schlechthin", erläutert er.
Rumänien ist ein Idealfall, von dem der unter dem Namen Primondo zusammengefasste Versandhandel von Arcandor auf dem schwierigen deutschen Heimatmarkt nur träumen kann. Russland, wo derzeit durchschnittliche Wachstumsraten von rund 40 Prozent im Jahr erzielt werden, ein weiterer. Die zügige Expansion des Versandhandels in Mittel- und Osteuropa ist für Marc Sommer deshalb auch ein zentrales Kapitel seiner Sanierungsstrategie. Der heutige stellvertretende Arcandor-Vorstandsvorsitzende ist 2006 als Sanierer angetreten, die stark von Quelle geprägte Primondo-Gruppe nachhaltig in die Gewinnzone zu bringen. In diesen Ländern, wo das Unternehmen schon führende Positionen besetzt und auch im Online-Handel der Konkurrenz weit voraus ist, will es von den wachsenden Konsummärkten und dem Entstehen einer neuen breiten Mittelschicht profitieren.
Nach Angaben Sommers wächst die Quelle-Gruppe in Mittel- und Osteuropa derzeit mit Raten im mittleren zweistelligen Prozentbereich und arbeitet dabei profitabel. In diesen Märkten fokussiert sich das Unternehmen sehr viel stärker als hierzulande auf die Zielgruppe der jüngeren berufstätigen Frau mit eigenem Einkommen. In zwei bis drei Jahren, so schätzt Sommer, wird der Versender in Osteuropa mehr Mode verkaufen als in Deutschland. Dabei will man zweigleisig fahren und neben dem Kataloggeschäft zugleich den renditestärkeren Online-Handel voranbringen. Die Ausstattung der Haushalte mit Computern zieht ebenfalls kontinuierlich auf westeuropäisches Niveau an. In Rumänien beispielsweise kommen schon mehr als 60 Prozent der Bestellungen über das Internet.
Sommer zeigte sich bei einer Präsentation des Unternehmens in Bukarest zuversichtlich, dass die Primondo-Gruppe, zu der neben Quelle verschiedene Spezialversandmarken wie Hess Natur oder Baby Walz sowie der Einkaufssender HSE 24 gehören, im laufenden Geschäftsjahr operativ über die Gewinnschwelle kommt. Der Vorstand des Essener Handels- und Touristikkonzerns, für den in dieser Woche weitere entscheidende Verhandlungsrunden mit den kreditgebenden Banken anstehen, hält auch an den mittelfristigen Renditezielen für den Versandhandel fest. So soll dieses Geschäft in drei Jahren insgesamt eine Rendite von 5 bis 6 Prozent abwerfen, lautet die ambitionierte Prognose.
In Osteuropa oder im Bereich der Spezialkataloge werde diese Vorgabe zum Teil schon heute geschafft. Deshalb wird der rund 4,3 Milliarden Euro Umsatz repräsentierende Versandhandel nach Sommers Vorstellungen die Gewichte deutlich stärker in Richtung Ausland, E-Commerce sowie Spezialkataloge verschieben. Das Geschäft mit den dicken Universalkatalogen, in dem Quelle in Deutschland seit Jahren hohe Verluste einfährt, wird im Gegenzug mit jährlichen Raten zwischen 5 und 8 Prozent zurückgeführt. Auch im stationären Geschäft mit den defizitären, in ihrer Struktur sehr inhomogenen Technik-Centern strebt der Konzern eine Bereinigung an. So stehen derzeit 8 bis 10 der insgesamt rund 120 Standorte auf der Streichliste. Sollte sich ein Käufer für eine größere Tranche der Läden finden, wäre man zur Abgabe bereit, heißt es.