17.08.2008 · Vor allem die molekulare Diagnostik sorgt für Schub
B.K. DÜSSELDORF, 17. August. Für die Behandlung von Krankheiten und die erforderlichen Medikamente wird heute zwanzigmal so viel ausgegeben wie für die Vorsorge und Diagnose. Für Peer Schatz, den Vorstandsvorsitzenden von Deutschlands größtem Biotech-Unternehmen, der Qiagen-Gruppe aus Hilden bei Düsseldorf, sind solche Relationen ein klares Indiz für beträchtliche Einsparmöglichkeiten im Gesundheitswesen. Die Früherkennung schwerer Erkrankungen durch eine schnelle und effiziente Diagnostik könnte das Gesundheitssystem erheblich entlasten, ist er im Gespräch mit dieser Zeitung überzeugt.
Als ein Beispiel nennt er den von dem im vergangenen Jahr für rund 1,2 Milliarden Euro übernommenen amerikanischen Unternehmen Digene entwickelten Test zur Früherkennung von Gebärmutterhalskrebs. Es ist der einzige von den europäischen und den amerikanischen Aufsichtsbehörden zugelassene Test, mit dem die krebserregende HPV-Infektion (Humanes Papillomavirus) nachgewiesen werden kann. Eine frühzeitige Behandlung kann verhindern, dass sich die bösartige, bei Frauen zweithäufigste Tumorerkrankung nach dem Brustkrebs überhaupt erst entwickelt. "Wir reden hier über ein Potential in der westlichen Welt von weit mehr als 100 Millionen Tests oder ein potentielles Umsatzvolumen von mehr als einer Milliarde Euro", zeigt Schatz die Perspektiven allein für diesen molekularen Test auf.
Einen entscheidenden Schub erwartet er aus der jüngsten Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, die sich für den zusätzlichen Einsatz bei der routinemäßigen Vorsorge ausspricht. "Das war ein sehr starkes Signal, um eventuell noch bestehende Zweifel aus dem Weg zu räumen." Nachdem schon einige Privatversicherungen die Kosten dafür erstatten, setzen Experten nun darauf, dass die gesetzlichen Kassen nachziehen werden.
Das in den achtziger Jahren aus einer Ausgründung der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Universität hervorgegangene Unternehmen war zunächst auf Technologien zur Aufbereitung von Nukleinsäuren (DNA und RNA) und Proteinen spezialisiert. In den zurückliegenden Jahren wurde unter dem heutigen Management ein Portfolio aufgebaut, das Probenvorbereitungs- und Testtechnologien sowie Automationsverfahren für die Analyse der aus den genetischen Spuren gewonnenen Erkenntnisse umfasst. Wie Schatz dem Laien erklärt, geht es darum, nur in Spuren vorhandene genetische Informationen so nachzuweisen und aufzubereiten, dass aus ihnen eindeutige Schlüsse gezogen werden können. Ein Milliliter Blut enthält unter Umständen nur drei Kopien einer Virus-DNA, die erfasst, extrahiert und gereinigt werden müssen. "Das ist so, als wollte man zwei spezifische Fische aus den Gewässern des Bodensees isolieren", beschreibt er die Kompetenzen des Unternehmens. "Wir können damit Licht in die Erkennung von Krankheiten, aber auch etwa in Kriminalfälle bringen."
Zu den Kunden für die Geräte und Testkomponenten zählen Forschungslabore, medizinische Labore, pharmazeutische Unternehmen, die Veterinärmedizin oder auch Polizeistationen. Den am stärksten wachsenden Bereich, auf den rund die Hälfte des Umsatzes von in diesem Jahr voraussichtlich annähernd 600 Millionen Euro entfällt, bilden die molekularen Testsysteme. "Wir bieten heute für fast jede Infektionskrankheit einen Test oder eine Testplattform an", sagt Schatz. Als Beispiele nennt er die Immunkrankheit HIV, Hepatitis, das Vogelgrippe-Virus oder die durch Zeckenbisse ausgelöste Borreliose. Mehr als 120 diagnostische Tests gehörten derzeit zum Portfolio und die Pipeline für neue Produkte sei gut gefüllt, wie er hervorhebt. So will das Unternehmen im kommenden Jahr beispielsweise einen Breitbandtest für Atemwegsinfektionen bei Kindern auf den Markt bringen, mit dem gleichzeitig 20 Erreger nachgewiesen werden können.
Qiagen hat in den zurückliegenden Jahren kräftig zugekauft und das Portfolio um passende Unternehmen arrondiert. Gleichwohl hat für Schatz organisches Wachstum eindeutig Vorrang. "Selektive Zukäufe dienen bei uns vor allem dazu, uns strategisch weiterzuentwickeln und damit unser internes Wachstum zu beschleunigen." Auch nach der Übernahme von Digene, dem mit Abstand teuersten Zukauf der Unternehmensgeschichte, bei dem das 4,5-Fache des Umsatzes bezahlt wurde, sieht der Qiagen-Chef keine finanziellen Restriktionen für weitere Schritte. "Unsere Bilanz ist stark genug." Die Synergieeffekte aus dieser Akquisition im Wachstumsmarkt der molekularen Diagnostik seien größer als erwartet, wie Qiagen jüngst im Quartalsbericht hervorgehoben hat. Schatz geht es dabei aber nicht um Kostensynergien, sondern um die deutlich erhöhte Geschwindigkeit vor allem in der Forschung. Ein jährliches organisches Wachstum zwischen 12 und 15 Prozent hält Schatz auch für die kommenden Jahre für realistisch.