21.01.2010 · 2600 Beschäftigte betroffen / Empörter Gesamtbetriebsrat stellt angekündigten Lohnverzicht in Frage
cru. FRANKFURT, 21. Januar. Der amerikanische Autohersteller General Motors (GM) wird im Zuge der Sanierung der Tochtergesellschaft Opel das Werk im belgischen Antwerpen bis zur Jahresmitte schließen. Es wird die größte Schließung einer Autofabrik in Europa seit zwei Jahren sein. Betroffen sind 2600 der insgesamt 48 000 Beschäftigten von Opel in Europa. "Wir sind uns der Tragweite bewusst, die diese Ankündigung für die Beschäftigten in Antwerpen und ihre Familien hat; und wir fühlen mit ihnen", sagte der neue Opel-Chef Nick Reilly. Grund für die Entscheidung sei der Rückgang der Nachfrage. Gewerkschafter drohten mit einer Blockade. Zuvor hatte die flämische Regierung eine halbe Milliarde Euro Staatshilfe in Aussicht gestellt, die von GM aber ausgeschlagen wurde - vermutlich weil die Europäische Union diese Hilfe ohnehin nicht genehmigt hätte.
Das 1924 gebaute Werk in Antwerpen ist einer der kleineren Produktionsstandorte von Opel. Dort werden alte Modelle des Kompaktwagens Astra, darunter der Dreitürer, produziert. Bis zur Schließung im Juni oder Juli sollen nur noch 33 000 Stück hergestellt werden. Die dann noch übrige, nicht sehr umfangreiche Nachfrage nach dem alten Astra soll von Bochum aus bedient werden. Der neue Astra wird hauptsächlich im englischen Ellesmere Port und in Gleiwitz in Polen produziert.
Die deutschen Werke bleiben zwar zunächst verschont. Doch mit der Schließung der Antwerpener Produktion kommt es zum offenen Bruch zwischen Management und Betriebsratschef Klaus Franz. Opel-Chef Nick Reilly geht damit einen riskanten Weg. Denn er ist auf die Zustimmung des Betriebsrats zu seinem Sanierungsplan angewiesen, der den Abbau von insgesamt 8300 der 48 000 Stellen vorsieht, davon gut die Hälfte in Deutschland, sowie den Verzicht der Beschäftigten auf jährlich 265 Millionen Euro Lohn. Zum Plan gehören auch 2,7 Milliarden Euro Staatskredit, zu dem die britische Regierung beitragen will.
Die Betriebsräte werfen Reilly nun aber Vertragsbruch vor. Grund für die beabsichtigte Schließung des Werks in Antwerpen seien nicht Überkapazitäten, sondern die Vergabe der künftigen Produktion eines kleinen Geländewagens nach Südkorea in ein Werk des Mutterkonzerns GM. Betriebsräte und Gewerkschafter verurteilten "diese einseitige und wirtschaftlich unsinnige Absicht", heißt es in einer Mitteilung. "Wir sind solidarisch mit unseren Kolleginnen und Kollegen in Antwerpen. Deshalb werden wir keinen Cent Arbeitnehmerbeiträge für die Schließung des Werkes leisten." Gemeint ist damit der schon in Aussicht gestellte Verzicht auf 265 Millionen Euro Lohn, der aber noch nicht vertraglich festgezurrt ist. Ohne diesen Beitrag dürfte es Reilly unmöglich sein, den Verlust von Opel im laufenden Jahr wie geplant um die Hälfte auf 1 Milliarde Euro zu verringern. Der Manager erwartet, dass 2010 auf dem gesamten westeuropäischen Markt 1,5 Millionen weniger Autos verkauft werden.
Betriebsratschef Klaus Franz kritisierte die Schließung als ökonomisch sinnlos. Studien des Europäischen Arbeitnehmerforums und des Opel-Managements hätten gezeigt, dass es sinnvoller sei, Antwerpen offen zu halten. Für die nun geplante Schließung müsse Reilly Millionenkredite aufnehmen, die für notwendige Investitionen und die Erschließung neuer Märkte fehlten. Unterdessen beginnen auch Konflikte zwischen den Betriebsräten der verschiedenen Standorte auszubrechen. So sagte der Antwerpener Betriebsrat Rudi Kennes, er fühle sich von den Kollegen in Bochum im Stich gelassen.
Bochum wird jedoch nach Ansicht des dortigen Betriebsratschefs Rainer Einenkel nicht von der Schließung der Schwesterfabrik in Antwerpen profitieren. In beiden Standorten wird der alte Astra montiert. Natürlich werde zunächst die Produktion auf andere Standorte verteilt, sagte der Gewerkschafter. In einem gewissen Zeitraum könnten aber auch die anderen Werke betroffen sein. "Das ist eine Niederlage für uns alle", sagte Einenkel. Man werde mit den belgischen Kollegen weiter für den Fortbestand von Antwerpen kämpfen. (Opel Antwerpen trägt Trauer, Seite 20)