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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Neues Feuer im Kago-Ofen

Ein Jahr nach der Pleite will Deutschlands bekanntester Kaminofenbauer den Markt wieder anheizen. Unter neuer Führung und mit Holzpellets.

hpe. Postbauer-Heng, 18. Februar. Kitsch und Prunk, wohin man schaut: Die Kago-Zentrale in der 7000-Seelen-Gemeinde Postbauer-Heng ist eine Ausgeburt an Geschmacklosigkeit irgendwo zwischen Barock und Biedermeier. Mit Goldverzierungen und schmiedeeisernem Gitter ähnelt der Verwaltungsbau eher einem Chinarestaurant als dem Sitz eines Kamin- und Ofenbauers in der Oberpfalz. Auf den ersten Blick erkennt der Besucher, der sich für einen Kachelofen der bekannten Marke interessiert, das überbordende Repräsentationsbedürfnis des kleinbürgerlichen Gründers Karl-Heinz Kago.

Doch seit einem Jahr ist der Lack ab. Mehr Schein als Sein, diagnostizierte der Insolvenzverwalter Volker Böhm im Februar 2010 und verkaufte Kago wenige Monate nach der Pleite an den Holzverarbeiter German Pellets aus Wismar. Peter Leibold, Geschäftsführer des 2005 von ihm gegründeten Holzpelletherstellers, hat für Kagos Hang zu herrschaftlichem Ambiente nichts übrig. "Das schlägt aufs Gemüt", sagt er und schlägt einen Ortswechsel in die neue, lichtdurchflutete Ausstellungshalle vor: weiße Wände und moderner Parkettboden, so wie der Kago-Kunde heutzutage wohnt. Natürlich hat Kago auch unter neuer Führung noch auf alt getrimmte Kachelöfen im Programm. Doch Leibold hat dafür gesorgt, dass zusätzlich Öfen verkauft werden, die mit den Presslingen aus Spanholz von German Pellets beheizt werden können. Für Deutschlands größten Holzpellethersteller sei der Kauf von Deutschlands bekanntester Ofenmarke die ideale Ergänzung. "Vor fünf Jahren hat uns Herr Kago noch vier Stunden warten lassen und dann eine Kooperation abgelehnt", erzählt Leibold über seine erste Begegnung mit dem skurrilen Kago-Gründer. Die gleichnamigen Öfen waren dank der Massenwerbung auf Autobahntoiletten schnell bekannt geworden. Im Jahr 2006 hatte das Familienunternehmen mit angeblich 35 000 verkauften Öfen einen Rekordumsatz von mehr als 100 Millionen Euro erzielt, aber schon damals gab es Gerüchte, dass bei Kago nicht alles mit rechten Dingen zugeht.

Für den heute 70 Jahre alten Karl-Heinz Kago, der in einem Wasserschlösschen im Loire-Stil lebt, interessiert sich der 16 Jahre jüngere Leibold nicht sonderlich. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, weil Kago jahrelang Schwarzarbeiter aus Osteuropa in seinem Privatzoo und einem Holzwerk beschäftigt haben soll. Und der Insolvenzverwalter prüft, ob aus der dubiosen Kago-Vergangenheit Schadensersatzansprüche geltend gemacht werden können. Leibold blickt lieber nach vorn. Er beschwört die eigenen Pellets als "Rohstoff der Zukunft", weil sich damit "klimaneutral" Wärme erzeugen lasse: Beim Verbrennen der Holzpellets wird genau die Menge Kohlendioxid frei, die zuvor von den Bäumen während ihres Wachstums aufgenommen worden ist.

Deutschland ist nach Angaben des Deutschen Energieholz- und Pellet-Verbandes mit einer Jahresproduktion von 1,75 Millionen Tonnen zum Weltmarktführer aufgestiegen. Die Branche leidet aber unter einer Nachfrageschwäche im eigenen Land. Rund 18 Millionen Heizungsanlagen stehen in Deutschlands Kellern, fast 90 Prozent davon sind älter als zehn Jahre und verschlingen deutlich mehr Öl und Gas, als sie müssten. Mit nur 140 000 Pelletheizungen wird das Potential des erneuerbaren Energieträgers Holz längst nicht ausgeschöpft. Der Bundesverband Erneuerbare Energie prognostiziert, dass sich der Einsatz von Holzpellets zur Wärmeproduktion bis zum Jahr 2020 verachtfachen wird.

Aus solchen Zahlen leitet der neue Kago-Chef den Wachstumsspielraum für die Neuerwerbung ab. In der modernen Ausstellungshalle präsentiert Leibold voller Stolz eine Pellet-Zentralheizung, die mit 9990 Euro auf dem Preisniveau von Öl- und Gasheizungen liegt. "Noch in diesem Jahr wollen wir 2500 Stück davon in Deutschland verkaufen", kündigt er an. "Allein das wird Kago zu einem Umsatzsprung von gut 25 Millionen Euro verhelfen." Im Insolvenzjahr sind die Kago-Erlöse auf 50 Millionen Euro eingebrochen, es mussten Mitarbeiter entlassen werden. Jetzt will Leibold aus dem Ofenbauer einen Wärmesystemanbieter machen.

Nicht alles, was Leibold in Postbauer-Heng vorgefunden und übernommen hat, war veraltet und sanierungsbedürftig. Schwächen in Sortiment und Design hat er ausgemacht, aber in den Grundfesten sei das Unternehmen intakt gewesen. Zum überwiegend fremdfinanzierten Kaufpreis macht der Mittelständler keine Angaben. "Wir haben die Namensrechte gekauft, die Aufträge und Materialien. Aber der größte Pluspunkt waren die engagierten Mitarbeiter", sagt Leibold. Jetzt soll die Belegschaft von 160 auf über 200 Mitarbeiter aufgestockt werden: "Wir suchen aktiv Heizungsbauer, Projektanten und Inbetriebnehmer."

Leibold hofft, dass Kago an die Erfolgsgeschichte von German Pellets anknüpfen kann. Nur fünf Jahre nach der Gründung produziert das Unternehmen in sechs eigenen Fabriken 1,2 Millionen Tonnen Pellets. Der Umsatz betrug nach eigenen Angaben zuletzt 160 Millionen Euro und soll in diesem Jahr die Grenze von 200 Millionen Euro überschreiten. Der Insolvenz und anschließenden Übernahme von Kago hätte es nicht bedurft, um weiter zu wachsen, sagt Leibold. "Den Schritt in Richtung Endverbraucher hätten wir mit Pelletöfen und -zentralheizungen früher oder später sowieso gemacht."

Quelle: F.A.Z.

 
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